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WIEN / Josefstadt: WAS FÜR EIN SCHÖNES ENDE

Was für ein „josefstädtisches“ Ende…

29.04.2026 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Theater in der Josefstadt

WIEN / Theater in der Josefstadt:
WAS FÜR EIN SCHÖNES ENDE von Peter Turrini
Premiere: 29. April 2026,
besucht wurde die Generalprobe

Was für ein „josefstädtisches“ Ende…

Sag beim Abschied leise Servus. Die Ära Föttinger geht am Theater in der Josefstadt ohne Karacho zu Ende. Peter Turrini hat eines seiner alten (erfolglosen) Stücke (neuerdings bearbeitet er gern zwecks Weiterverwendung) zu einem schmalen, hübschen Abend (knapp eindreiviertel Stunden ohne Pause) zusammen gedampft. Die Geschichte ist historisierend „österreichisch“, auch wenn sie in den USA spielt, Sie wurde von den meisten Unappetitlichkeiten und Schweinigeleien gereinigt, die einst bei der Uraufführung bei den Salzburger Festspielen (2002, Auftragswerk „Da Ponte in Santa Fe“) unangenehm berührten. Altersweisheit? Da Pontes Ersetz-Penis kommt jedenfalls nicht mehr vor…

„Was für ein schönes Ende“, wie das Stück nun heißt – was für ein hoffnungsvoll auf das Ereignis des Abschieds bezugnehmender Titel -, hat ein Hauptmotiv seiner Existenz: Es muss eine ganz ganz große zentrale Rolle für den scheidenden Direktor bieten, wo dieser zwar als glorioser Schwadroneur erscheint, aber nicht unsympathisch sein darf. Und auch für die scheidende Doyenne des Hauses (die künftige Direktorin der Josefstadt hat sich mit dieser Kündigung a priori nicht eben beliebt gemacht) sollte eine schöne Aufgabe dabei sein. Sie darf den Abend nun „einrahmen“…

Wollte man das Zentralmotiv der nunmehrigen Geschichte um den alten Lorenzo Da Ponte in den USA präzisieren, handelt es sich um das Problem des „Has been“. Jemand, der einmal jemand gewesen ist, wovon niemand mehr weiß. Im Fall von Lorenzo Da Ponte liegt es nicht nur Jahrzehnte zurück, dass er sich als Höfling von Kaiser Joseph II. fühlen durfte (der übrigens nicht der „Kaiser von Österreich“ war, wie dauernd erwähnt, sondern jener des Heiligen Römischen Reichs –  den „Kaiser von Österreich“ erfand erst Josephs Neffe Franz 1806… das nebenbei), sondern es trennt ihn auch ein Ozean von seinem früheren Leben. Man weiß übrigens historisch von Da Pontes mehr als drei Jahrzehnte langem Aufenthalt in New York, ob er je in Santa Fe war… aber die Story will’s.

American Enterprise: Dass der Besitzer eines „Saloon“ ein „Opernhaus“ eröffnet, dass hier „Don Giovanni“ gespielt wird, und niemand Da Ponte, der hier eigentlich nur Schnaps verkauft, glauben will, dass er das Libretto zu diesem Werk geschrieben hat… Es geht eigentlich die ganze Zeit darum, dass ein abgewrackter alter Mann seiner Umgebung klar machen will, wie großartig er, sein Leben, seine Reputation einst waren. Das ist – ja tragisch, obwohl Turrini jede Menge Lacher (auch durch die Wildwest-Klischees der Geschichte) eingefügt hat.

Tatsächlich dreht sich in einer nie sonderlich überzeichneten  Regie von Janusz Kica und einer angenehm unaufdringlichen Ausstattung von Karin Fritz alles um den alten Mann im Zentrum (mit nicht gänzlich geglückter Halbglatze versehen): Herbert Föttinger kann lustvoll noch einmal alles zeigen, was er kann (und was ihm als  „Theatermacher“ infolge miserabler Regie nicht gelungen ist). Ein Wichtigmacher, ein Angeber und Hochstapler auch, aber überzeugend ein Verführer, der Menschen alles einreden kann, ein Hansdampf in allen Gassen, einer, der oft lügt und manchmal die Wahrheit erzählt –   Mozarts Zeitalter war reich an solchen Gestalten (Casanova, Cagliostro, der Graf von Saint Germain, Mesmer). Und Föttinger dreht sich im Kreis, fällt und steht wieder auf, resigniert und überlebt, überzeichnet dabei nie, dass es peinlich würde –  und wird mit dieser Rolle den Wienern wohl in Erinnerung bleiben.

Er hat es mit Raphael von Bargen als Saloonbesitzer zu tun, der meint, mit Oper mehr Geld machen zu können, fraglos skrupellos genug, um Leute umbringen zu lassen, was dann Marcello De Nardo und Ljubiša Lupo Grujčić für ihn tun, Leibwächter als Slapstick-Komiker-Paar (und in einer Szene auch bestechliche Kritiker – ja gibt es denn so etwas?). Wenn Da Ponte niemandem seine Geschichten erzählen kann, dann nimmt er sich den nicht sehr gesprächsbereiten schwarzen Garderobier (Félix Kama) als Publikum, den er zu Kaiser Joseph II. erklärt, um flott vor sich hin zu lügen, wie sehr er in der Gunst des Monarchen gestanden sei. Einem kleinen, hübschen böhmischen Mädchen (Juliette Larat) redet er ein, sie werde unter dem Namen Dolly Delors eine große Sängerin, vorläufig aber muss sie sich nur von einem geilen alten Bürgermeister (Johannes Seilern) belästigen lassen. Im Hintergrund läuft (in nicht ganz chronologisch ausgewählten Szenen) die „Don Giovanni“-Oper, und als der Tenor (Alexander Strömer) plötzlich seine Zustände bekommt, ist Da Ponte natürlich auch mit Heilmittelchen bei der Hand…

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So sehr er auch versucht, sich durch diese Welt zu kämpfen und allen zu verkünden, wer er ist, so nimmt dann doch seine Ehefrau die Zügel in die Hand: Maria Köstlinger fegt mit wunderbarer Entschlossenheit durch den Abend, glaubt dem Gatten erfahrungsgemäß gar nichts, rettet ihn aber dennoch immer wieder und setzt dem großen Mann des Stücks entschlossene Frauenpower entgegen.

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Und da ist ja noch die wunderschöne alte Dame, die nicht, wie Da Ponte versprach, als Sängerin, wohl aber als Prostituierte reich geworden ist, und dann Jahrzehnte später in ihre Prager Heimat zurückgekehrt, sich noch gut und liebevoll an den Herrn Da Ponte in Santa Fe erinnert. Marianne Nentwich ist die alte Dolly Delors, die nun in einer Prager Vorstellung des „Don Giovanni“ zufrieden feststellt, dass der Name Da Ponte sozusagen gleichwertig neben jenem von Mozart auf dem Programm steht. Das gibt dann dem Abend den Titel – „Was für ein schönes Ende“, nachdem es für Da Ponte alles andere als schön zugegangen ist und man eigentlich nur Mitleid mit ihm haben konnte…

Nun, wie wir heute wissen, ist Lorenzo Da Ponte neben Hugo von Hofmannsthal und Arrigo Boito wohl der berühmteste Librettist der Operngeschichte (Richard Wagner rangiert da auf einer anderen Ebene), und man nennt Mozarts Trio nicht zu Unrecht seine „Da Ponte-Opern“, die neben der „Zauberflöte“ den Höhepunkt seines Schaffens, ja, des Wunders Mozart darstellen.

Ein gutes Ende für den Mann, um den es geht, und ein gutes, sehr „josefstädtisches“ Ende die für Ära Föttinger (Mitterers „Zemlinsky“ und Turrinis Da Ponte sind Stücke, wie man sie auch in früheren Zeiten gerne gesehen hätte). Gar nicht wirklich typisch für diesen Direktor, aber ein versöhnlicher Abschied angesichts dessen, dass er uns auch viel Gewaltsames und viel Überflüssiges vorgesetzt hat.

Im „News“-Interview hat Föttinger verraten, dass er sich nun eine zeitlang nach Ägypten zurück ziehen wird. Und danach wird es für den Schauspieler und Regisseur sicherlich wieder Arbeit geben, so fest sollten Seilschaften schon geknüpft sein (siehe Münchens Gärtnerplatz-Theater). Viel Glück also, Herbert Föttinger, und gute Erholung am Roten Meer, sobald Sie die Wiener „Niederträchtigkeit“ abgeschüttelt haben….

Renate Wagner  

 

 

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