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WIEN / Josefstadt: ROSMERSHOLM

01.12.2019 | KRITIKEN, Theater


Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Theater in der Josefstadt:
ROSMERSHOLM
Ulf Stengl nach Motiven des gleichnamigen Stückes von Henrik Ibsen
Premiere: 7. November 2019,
besucht wurde die Aufführung am 1. Dezember 2019

Keine Frage, dass man genau weiß, was das Team Ulf Stengl (der vom Bühnenbildner weiter zum Regisseur und zum Bearbeiter geworden ist) und Elmar Goerden wollte: Einen Vorwand, das Migrantenproblem diskutierend auf die Bühne zu bringen und dabei einen intellektuellen, verirrten Neo-Faschisten und einen linken Gutmenschen mit ihren bekannten Argumentationen auf einander prallen lassen. (Da muss man nur aufpassen, dass das Publikum nicht die „falsche“ Meinung richtig finden könnte.)

Was man absolut nicht weiß, ist, warum sie dazu Henrik Ibsen brauchten. Von seinem „Rosmersholm“-Stück ist absolut nichts übrig geblieben als die minimale Konstellation des Mannes, der sich in eine junge Frau verliebt, die wohl seine Ehefrau auf dem Gewissen hat: Rebekka West ist eine der rätselhaftesten Femmes fatales in Ibsens Werk, im Grunde auch so negativ konturiert wie die Hedda Gabler, aber im Vergleich zu dem, was Stengl / Goerden in ihrer „Überschreibung“ auf die Bühne bringen, eine Klosterschwester.

Nein, warum Ibsen malträtieren? Warum sich nicht eigene Stücke schreiben? Weil man die schwerer an den Mann bringen würde – und es verhältnismäßig leicht ist, einen großen Namen der Weltliteratur vorzuschieben und damit ein Publikum zu locken, das vielleicht nicht ahnt, was ihm als Neuerfindung (und damit Verfälschung) des Originals bevorsteht?

Von den sechs Personen des Ibsen-Stücks sind drei geblieben. Ein Jahr nach dem Tod der Frau, die beide verband, treffen sich die Schwäger wieder – die Gattin von Johannes, wie er hier schlicht genannt wird (der Name „Rosmer“ und gar Pastor fällt kein einziges Mal), hat sich umgebracht, nein, nicht ins Wasser gestürzt wie bei Ibsen, sondern hier angezündet, damit es auch so richtig brutal wird. Ihr Bruder, Kroll, kommt scheinbar aus „familiären“ Gründen, aber man ist schnell in der Gegenwart, Hitler und Nazi fallen als Begriffe, am Tablett findet sich eine rechte Website, auf der Johannes einen Anti-Ausländer-Text veröffentlicht hat, der Kroll höchst erregt. Dass Rebekka – die dem Gast offen feindselig gegenübertritt – im Haushalt wohnt, will er großzügig übergehen, aber schnell stellt sich heraus, dass sie die treibende Kraft für den unrechten „rechten“ Gesinnungswandel von Johannes ist.

Nun kennt man ja die Ausländerdebatten zur Genüge, sie werden so gut wie nie kühl analytisch, sondern immer emotional und mit gegenseitigen Beschimpfungen und Beschuldigungen geführt und gehen immer wie das Hornberger Schießen aus: Jeder bleibt bei seiner Meinung. So auch hier – also bringt der erste Teil des Abends, der vor allem die beiden Männer auf einander loshetzt, herzlich wenig. Und doch nicht, denn Herbert Föttinger und Joseph Lorenz legen viel Emotion und ihr ganzes Können in die sinnlose Auseinandersetzung. Das ist immerhin Theater.

Der zweite Teil (Kroll kommt nicht mehr vor) konzentriert sich dann auf Rebekka, ein Bündel von so vielen negativen Eigenschaften, dass sie einem den Magen umdreht: Dass Katharina Klar, vorzeitig vom Volkstheater abgewandert, das überzeugend schrecklich auf die Bühne stellt, macht die zweite Hälfe des Abends nicht einsichtiger. Die hasserfüllte Zimmerschlacht, die sie und Johannes  sich liefern, erweckt den einzigen Wunsch, sie möge endlich vorbei sein – auch weil sie so schrecklich und aufgeplustert künstlich, menschlich so eklig ordinär verläuft. Das nennt sich (vom Autor und Regisseur her) einfach Spekulation. Und dann ist da noch ein total verinszenierter Schluß – man weiß nicht, ob die beiden sich jetzt gegenseitig anzünden, oder ob sie miteinander ins Bett gehen. Es ist auch egal, man ist froh, dass man sie los ist.

Was ist der Sinn eines solchen Abends? Zu zeigen, dass Faschisten widerliche Menschen sind? Und das in einer Theaterwelt, die aus Vorhängen besteht (Bühnenbild: Silvia Merlo, Ulf Stengl, Alltags-Kostüme: Lydia Kirchleitner) und innerhalb derer Regisseur Elmar Goerden weder eine einsichtige Diskussion noch ehrlich glaubhafte Charaktere gelingen? Wobei man das alles mit weniger Ärger hinnehmen würde, hätte man dafür nicht Ibsen missbraucht…

Renate Wagner

 

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