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WIEN / Josefstadt: ROMEO UND JULIA

Vertreiben wir die Alten!

01.10.2026 | KRITIKEN, Theater

WIEN / Josefstadt:  ROMEO UND JULIA

  1. Oktober 2026 (Renate Wagner)

 

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Fotos: Theater in der Josefstadt

WIEN / Theater in der Josefstadt: 
ROMEO UND JULIA
von William Shakespeare
Premiere: 01. Oktober 2026,
besucht wurde die Generalprobe

Vertreiben wir die Alten!

Ein Spielplan bedeutet gar nichts. Schnitzler! Shakespeare! Schööön!? Was sich am Abend auf der Bühne begibt, hat in unserer Zeit und Welt schon seit langem extrem wenig mit der Vorlage zu tun. Was man sieht, sind Inszenierungen. Und da gibt es im deutschen Sprachraum – parallel zu der formalisierten, standartisierten Ö-Norm in der Wirtschaft – eine D-Norm für das Theater. Alle Inszenierungen sehen im Grunde gleich aus. In Wien sind Burgtheater und Volkstheater schon auf den Zug des Regie-Einheitsbreis aufgesprungen. Nun ist die Josefstadt an der Reihe.

„Ihr wisst, auf unsern deutschen Bühnen / Probiert ein jeder, was er mag“, wusste schon Goethe im „Faust“, aber was sie alle mögen, gleicht sich in erschreckender Uniformität. „Modernisierung“ um jeden Preis, Verhäßlichung, Verzerrung , man reiße immer wieder ein Mikrophon an sich und brüllt oder singt hinein – und warum sollen junge Männer Shakespeare nicht sprechen, als ob sie Rapper wären? Von dauernd eingefügten Pop-Songs ganz zu schweigen. So „holt man ein Publikum heute ab“, um sich eine Politiker-Phrase auszuborgen. Oder?

Wenn Marie Rötzer in der Josefstadt so weiter macht, ist sie das Josefstadt-Publikum bald los. Man erinnert sich, in welch atemberaubender Schnelligkeit vor gut einem Jahrzehnt Anna Badora das unter Schottenberg blühende Volkstheater leer gespielt hat…

„Romeo und Julia“ ist also in der zweiten Josefstadt-Premiere der Ära Rötzer alles andere als Shakespeares „Romeo und Julia“, dafür sorgt als Basis schon die entstellende Übersetzung und Bearbeitung, die der Schweizer Autor Lucien Haug anbietet, wobei das gelegentliche Versmaß geradezu stört. Die Sprache sei   „zeitgemäß“, wird versichert, aber tatsächlich ist sie voll von blöden Bemerkungen („Tu felix Austria nube“ verkündet Pater Lorenzo bei der Not-Hochzeit von Romeo und Julia), aber auch voll von blanken Veränderungen – nein, Vater Capulet ist kein milder Papa, der zur Tochter nur lieb ist. Dass er sich gerade von seiner Frau scheiden lassen will, hat man auch noch nie erfahren, und dass diese eine zwar harte Dame ist, weiß man, aber zu einer solchen Furie, wie sie hier auf der Bühne steht, hat man sie noch nie gemacht. Diese Dame würde die Tochter doch glatt auf die Straße jagen, wenn sie Prinz Paris nicht heiratet…Ist schon schön, wenn Autoren von heute gescheiter sind als William Shakespeare…

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Was sieht man? Die Bühne von Nina Peller ist mit einer komplizierten, aber gänzlich sinnbefreiten Gestänge-Konstruktion verbaut, hat einen Wohnwagen (für Pater Lorenzo) im Zentrum, gelegentlich drehen sich Treppen herein, und mehr braucht es nicht in diesem Niemandsland, wo selbstverständlich die Live-Kameras den Protagonisten immer wieder tief ins Gesicht rücken. Dass man sie live oft nicht sieht, wohl aber auf herausklappbarer Leinwand das, was sie hinter der Bühne oder im Wohnmobil für die Kamera spielen – wie viele Jahrzehnte ist es her, dass Frank Castorf diese Ödigkeit eingeführt hat?

Und wie lange ist es her, dass Menschen, die im Original in ihrer Zeit ruhen (und damit jede vom Zuschauer im Kopf vollzogene Parallele zum Heute oder die Erkenntnis des Gestern anbieten), mit Gewalt „aktuell“ sein müssen?

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Wie pervertiert die von Regisseur Stefan Pucher hier auf die Bühne gebrachte Gesellschaft ist, zeigen nicht zuletzt die Kostüme von Annabelle Witt. eine Orgie der Geschmacklosigkeit, wo die jungen Männer Röcke und Perlenketten tragen und wahrscheinlich im Grunde ihres Herzens ohnedies ziemlich schwul (oder zumindest trans) sind.

Die adeligen Capulet- und Montague-Paare (von denselben Schauspielern verkörpert) verhalten sich wie die letzten  Proleten (gehen sich auch mal eine Stulle schmieren), die (auf ein Minimum zusammen gestrichenen) Jusos auf der Bühne sind glaubhafter, hat Shakespeare doch tatsächlich einen Bandenkrieg geschildert. Man glaubt’s. Die große Liebe von Romeo und Julia glaubt man nicht, wer würde heute noch so schmachten und sülzen, wie sie es in dieser Übersetzung tun?

Und was in dieser Welt, diesem Milieu erzählt werden soll, wird natürlich auch nicht klar. Was willst Du, Regisseur, mit diesem Abend? Ist es „Konzept“ genug, immer wieder ein Pop-Konzert und Pop-Songs einfügen, damit ein jugendliches Publikum sich gegebenenfalls wohl fühlen kann?

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Mit einer einzigen Ausnahme, nämlich Marcus Bluhm, der sowohl Herrn Capulet wie Herrn Montague spielt, hat Marie Rötzer eine Phalanx jener Schauspieler auf die Bühne geschickt, die sie in die Josefstadt mitgebracht hat. Dass die Herrschaften auf Anhieb so überzeugt hätten, dass man sich freute, ihnen bald wieder zu begegnen – das ist nicht geglückt. Julia (Seide Noffke) und Romeo (Leonard Dick) sind attraktiv mit leicht exotischem Einschlag und, vor allem sie, mit der ihr vom Bearbeiter aufgebürdeten Überdramatik am Ende spürbar überfordert.

Julia Kreusch hingegen kreischt eine Mama Capulet, dass man sich verkriechen möchte, während Olivia Grigolli aus der Amme ein seltsam verhuschtes und ziemlich uninteressantes Geschöpf macht. Nikolai Gemel, Samuel Simon und Felix Caspar Künzli (in zwei Rollen zweimal ein seltsamer Geck) reichen hier für die jungen Männer aus, Lukas Holzhausen versucht, als Pater Lorenzo einigermaßen würdig auszusehen, hat aber in dieser Welt, in der er sich bewegt, keine wirkliche Funktion.

Nach der Pause waren ganze Reihen leer. Eine ältere Dame meinte: „Ich hätte meine Enkelin hierher schicken sollen.“ Damit hat sie den Nagel auf den Kopf getroffen – denn der Verdacht lässt sich nicht vertreiben, dass eine Aufführung, so schäbig wie diese (und damit unsere schäbige Gegenwart abbildend), Absicht ist. Damit sollen die „Alten“ vertrieben und das immer wieder beschworene junge Publikum ins Haus gequetscht werden. Bloß, was sehen sie, außer dass Optik und Musik-Akustik ihnen vertraut ist? Shakespeare? Den wohl nicht. Aber ein klebriges, sinnloses Stück Zeitgeist ohne Nachhaltigkeit.

Renate Wagner

 

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