Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Josefstadt: RADETZKYMARSCH

17.05.2019 | KRITIKEN, Theater

 
Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Theater in der Josefstadt:
RADETZKYMARSCH
Nach dem Roman von Joseph Roth,
Dramatisierung von Elmar Goerden
Premiere: 16. Mai 2019

Man darf annehmen, dass das Wiener Theaterpublikum nicht nur ein Haus besucht. Wer also das Bedürfnis gehabt haben mag, Joseph Roths Roman „Radetzkymarsch“ dramatisiert auf Bühnenbrettern zu sehen (was immer ein skelettierendes Abenteuer ist), der konnte das im Dezember 2017 in einer Inszenierung von Johan Simons im Burgtheater tun. Eineinhalb Jahre ist ja nicht so lange her, dass man den Trottas schon wieder auf der Bühne begegnen müsste. Aber das, was man einst „Wiener Dramaturgie“ nannte (sprich: Komm mir bei meinem Spielplan nicht in die Quere), gibt es ja längst nicht mehr – sonst wäre Dürrenmatts „Alte Dame“ auch nicht gleichzeitig (als Maria Happel) auf der Bühne des Burgtheaters und (als Andrea Jonasson) in der Josefstadt zu sehen gewesen…

Simons hatte für Roths Roman eine sehr abstrahierte (mit Luftballonen spielende), menschlich und auch optisch sehr „hässliche“ Aufführung auf die Bühne gebracht. Da ist man in der Josefstadt ästhetischer, man würde fast sagen „josefstädtischer“, falls es diesen Begriff noch gäbe (aber den hat Direktor Föttinger ja mit Lust verjagt). Jedenfalls geht es dem Bearbeiter Elmar Goerden, der auch sein eigener Regisseur ist, nicht in erster Linie um Denunziation. Das sieht man auch daran, dass einem ein debiler Kaiser Franz Joseph im Nachthemd erspart wird – die „Audienz“ des alten Trotta zu Gunsten seines Sohnes dauert hier keine Sekunde. Und das ist auch gut so.

Natürlich geht es auch Elmar Goerden darum, wie die Trottas mit der Monarchie untergehen – nur bietet er es in nicht ganz zwei pausenlosen Stunden quasi in einer „Light“-Version an. Das Geschehen wird weniger gespielt, als immer wieder erzählt – von allen, die nicht wirklich in ihren Rollen stehen (mit Ausnahme des armen jungen Leutnants Carl Joseph Freiherr von Trotta und Sipolje), sondern ebenso (nach Roth-Originaltext) berichten, was sie tun.

Anfangs scheint es sogar, als habe Andrea Jonasson, als eine Art „Madame la Mort“ verkleidet, die Conferencier-Funktion, wenn sie Carl Joseph gleich zu Beginn sein tödliches Ende voraussagt. Dann aber wird das Erzählen den ganzen Abend lang auf alle Figuren verteilt, was den nicht so günstigen Nebeneffekt hat, dass alles ziemlich beiläufig wirkt – die Figuren werden nicht echt und plastisch, sie „huschen“ vorbei.

Das liegt auch an der sehr „choreographischen“, von der Realität locker abgehobenen Regie von Goerden, die in einem abstrakten, gerüstartigen Bühnenbild (Silvia Merlo, Ulf Stengl) stattfindet, das sich als lockerer Aufbau oft dreht und dessen weiße Wände sich papieren erweisen: Das kann man, wenn es auf das letale Ende zugeht, einfach demolieren… Eine Theaterwelt nur, kein Versuch ehrlicher Vergangenheitsbeschwörung. Und außerdem ist unvermeidlich, dass man sich – wie stets bei Aufführungen, die dezidiert auf „Stil“ setzen – über kurz oder lang angesichts der ewig gleichen Aktionen langweilt.

Am Anfang wirkt der Abend, als sei er als Alptraum des jungen Carl Joseph Trotta gedacht, der mit staunenden Augen seinem eigenen Schicksal zusieht: Florian Teichtmeister wirkt allerdings inzwischen nicht mehr wirklich jung, dafür überzeugend müde, gestresst, von Anfang an einer, der keine Zukunft haben wird. Eingezwängt in das Korsett der Familientradition (der Großvater war „der Held von Solferino“, der in dieser Schlacht angeblich dem Kaiser das Leben gerettet hat) und eines hier im schlimmen Sinne starr kaisertreuen Vaters (man könnte die Figur auch positiver sehen, ihrer Haltung mehr Würde geben), taumelt er gewissermaßen durch sein Schicksal. Das man, wenn man es wieder und wieder sieht, fürs Theater dann doch nicht so schrecklich  interessant findet, ist es doch eine lapidare Abfolge von Frauengeschichten und Problemen beim Militär…

Joseph Lorenz ist als Bezirkshauptmann- Vater fast eine Statue, nur – wenn überhaupt – zu negativen Ausbrüchen fähig. Michael König ist nicht nur der großväterliche „Held von Solferino“, ihm wurden auch alle „alten“ Rollen zugeteilt, manche (der sterbende Diener) überdreht, manche (für ein paar Sekunden der Kaiser) dankenswert diskret.

Wie auch bei Simons im Burgtheater raffen sich die Frauengestalten bei einer Interpretin zusammen, Pauline Knof, nur eine von ihnen (man hätte sie auch der Knof gegönnt)  darf Alexandra Krismer übernehmen (die nebenbei als „Erzählerin“ viel leistet). Der Rest sind Nebenrollen – einen jüdischen Militärarzt hat man schon überzeugender gesehen als hier von Peter Scholz, Alexander Absenger und Oliver Rosskopf verwalten schrill das diverse militärische Personal.

Ja, und Andrea Jonasson – sie ist nicht nur die schwarz-moderierende Unglücksbotin, sie schlüpft auch in die schillernde Figur des Grafen Chojnicki und sagt der Monarchie ihren Untergang dämonisch-düster voraus.

Aber wirklich unter die Haut gegangen ist dieser brave Abend nie. Und die Notwendigkeit, warum schon wieder dieser Roman von Roth gespielt wird, hat sich wahrlich nicht aufgetan.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken