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WIEN / Josefstadt: MEDEA

10.09.2021 | KRITIKEN, Theater

medea szene est~1
Fotos: Theater in der Josefstadt

WIEN / Theater in der Josefstadt: 
MEDEA von Franz Grillparzer
Premiere: 09.Sepember 2021
Besucht wurde die Generalprobe 

Eindreiviertel pausenlose Stunden braucht Regisseur Elmar Goerden, um seine einigermaßen seltsame Version von Grillparzers „Medea“ am Theater in der Josefstadt abzuliefern. Das heißt, so richtig von Grillparzer ist das natürlich nicht, was man textlich enorm abgespeckt und teils auf „heutig“ aufgeputzt darbietet (einen „Schweinehund“ gibt es bei ihm ebenso wenig wie „Mama“ und „Papa“).

Auch anhand der Bühne (Silvia Merlo / Ulf Stengl) würde man kaum erkennen, dass man sich in Korinth befindet, mit Freilicht-Dusche (die nicht nur Wasser, sondern bei passender Gelegenheit auch Blut spuckt), Kellys Kartoffelchips, Rollstuhl, Hundehütte aus Karton und anderen Signalen, die hier gesetzt werden, um das Stück in ein nicht weiter erkennbares Heute zu versetzen.

Zu bunt auch die Kleidung (Kostüme: Lydia Kirchleitner) – dass Medea in dunkler Kittelschürze mit Kopftuch aussieht wie eine Putzfrau, ist keine neue Idee. Aber wenn der König ein Ruderleiberl trägt, die Tochter dagegen am helllichten Tag ein hellblaues Abendkleid, dann sind das auch Symbol-Brocken, die man von der Regie hingeworfen bekommt, Zeichen für etwas, das wir tunlich erkennen sollen.

Grillparzer hat genau vorgezeichnet, was zweifellos auch uns noch an dem Stück interessiert, das mehr ist als nur ein Ehedrama. Hier wird es zur modernen „Streitkultur“ – was ist an Streit Kultur? -, wenn Jason und Medea sich immer wieder aus Leibeskräften gleichzeitig anbrüllen, so dass man ohnedies kein Wort versteht, und er knapp davor ist, handgreiflich zu werden. Ehehölle. Nichts mehr von Liebe, nur noch von Last die Rede.

Das Ehedrama wird so signifkiant, weil es so viel mit sozialem Gefälle zu tun hat, das wir durchaus kennen. Wenn – um es heutig auszudrücken – der weiße Mann auf Reisen es für opportun gehalten hat, eine farbige Frau zu heiraten, die ihm einiges mitbringt, wird sich das zuhause vermutlich als genau das Problem darstellen, das so perfekt im Stück steht: In der alten Heimat (bei Grillparzer ist es das immer hochmütige Griechenland, für die jeder Nicht-Grieche sowieso ein Barbar war) wird man die Nase rümpfen darüber, was der Mann da im Schlepptau mitgebracht hat, dass Medea in Kolchis eine Königstochter war, schert hier niemand, die Haut ist braun, sie ist „fremd“, das braucht man hier nicht, das entsorgen wir besser. Man legt dem Mann also nachdrücklich nahe, sich von diesem lästigen Anhängsel zu befreien und sich ohne diese Last wieder in der Heimat zu integrieren, Heirat mit blonder Frau inbegriffen.

Also, was macht man mit Medea – und was macht Medea, fragt sich schon Grillparzer wirklich genial. Da tut man sich mit jeder Modernisierung schwer, denn so vieles, von dem gesprochen werden muss (u.a. das „Goldene Vlies“, das der Trilogie, von der „Medea“ das dritte Stück ist, den Namen gab), bedeutet für uns nichts. Und dass diese Medea einst der Magie fähig war, was sie unterdrücken wollte, um „brav“ zu sein, und was sie wieder hervorholt, um sich zu rächen, als man sie endgültig vertreiben will  – nun, das ist nicht das Ambiente, um aus der Putzfrau glaubhaft die Zauberin zu machen. Noch dazu jene fürchterlichste Mutter der Weltliteratur, die ihre beiden Kinder tötet.

Bloß – so schlimm will es Regisseur Elmar Goerden ja nun absolut nicht haben. Da sieht man zu, wie Medea ihren älteren Sohn im Bühnenhintergrund erwürgt, da sieht man frontal an der Rampe, wie sie dem jüngeren Sohn (in dieser Inszenierung muss er in einem Rollstuhl sitzen, weiß der Regisseur, warum) mit einem gekonnten Griff den Hals umdreht – ja, und dann ist bei Grillparzer die letzte große Abrechnung mit Jason fällig.

Hier, wo wir scheinbar, anscheinend, angeblich in unserer Welt sind (wenn auch in einer ach so symbolischen), fallen irgendwelche Zettel vom Himmel, hat das Orakel, haben die Götter gesprochen (die ja in unserer Welt nichts zu suchen haben)? Der tote Junge springt aus dem Rollstuhl, der andere ersteht wieder auf, die tote Kreusa desgleichen, der bis dahin böse König umarmt alle, Glück, Liebe, Frieden, Freude, Eierkuchen. So löst man Probleme?

Alles erlaubt auf dem Theater, wo ja immer wieder mal die reitenden Boten als Deus ex machina erscheinen? Ein zufriedenstellendes Ende für ein Stück, das den alten Grillparzer als Vorwand nimmt, aber seine Geschichte lange nicht so stark erzählt, wie er es getan hat?

medea und jason est x~1

Sandra Cervik ist Medea, spielt sie fast ohne Gefühlsbrodeln als kluge Frau, die ihre Situation völlig durchschaut, die trotz ihrer fatalen Liebe zu Jason, der es nicht wert ist, nur selten von ihren Emotionen mitgerissen wird, sondern ihren Verstand gebraucht. Sie spekuliert nicht auf Mitleid, sie hat ihren Stolz. Irgendwann allerdings reagiert sie auf alle Demütigungen, die sie lange nicht als armes Hascherl, sondern bewusst wegsteckt.. Freilich, die „Zauberin“ glaubt man ihr nicht bzw. der Inszenierung nicht, und die Größe, die bei Grillparzer in der Figur (und der Geschichte steckt), hat man ihr natürlich abgeschminkt.

Joseph Lorenz ist für den Jason geschätzte drei Jahrzehnte zu alt. Das ist die  Geschichte eines Mannes in der Blüte seiner Jahre, der falsch kalkuliert hat, aber weiß, dass er noch mehr als sein halbes Leben vor sich hat, und das will er mit Gewalt retten. So differenziert Lorenz auch die Egoismen des Jason ausspielt, so ist er doch nicht der Mann, der in das Gefüge der Geschichte passt (man würde ja auch nicht begreifen, warum die junge Kreusa ihn unbedingt heiraten will – und dass sie einmal, in glücklicher Vergangenheit, Gespielen waren, geht sich um keinen Preis aus).

Der Kreon des Wolfgang Hübsch ist hier ja ohnedies höchstens als Konzernchef gedacht, anfangs im Freizeit-Look, später im Anzug, die Brutalität nicht hervorkehrend, obwohl man sie ihm glaubt. Katharina Klar als das blond gelockte Töchterchen ist fies genug mit der Rivalin.

Gendern auf der Bühne wird man nicht mehr diskutieren, also keine Frage, warum Herr Michael König die Frau Amme Gora spielt, er ist in Frauenkleidern und Zopffrisur glücklicherweise kein Komiker, sondern einfach nur unaufdringlich intensiv. Zwei Kinder spielen zwei Kinder, die merken, dass es ihnen in Korinth (oder wo immer sie sind) ohne Mutter besser geht – und die mit unverhohlenem Egoismus agieren.

Am Ende hat man Mühe, die Grillparzer-Geschichte – die in der Inszenierung durchaus noch drinsteckt – wirklich in ihrer vollen Qualität zu erkennen. Was immer der Dichter zu sagen hat, was er über zerrüttete Gefühle und Vertreibung des Fremden weiß, es wäre besser ohne modernistische Schnokes, mit klarer Konzentration auf die vertrackte Psychologie des Stücks zu erzählen.

Renate Wagner

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Theater in der Josefstadt
Premiere: 09.Sepember 2021 

Franz Grillparzer
Medea

Regie Elmar Goerden
Bühnenbild Silvia Merlo Ulf Stengl
Kostüme Lydia Kirchleitner

Kreon, König von Korinth Wolfgang Hübsch
Kreusa, seine Tochter Katharina Klar
Jason Joseph Lorenz
Medea Sandra Cervik
Gora, Medeas Amme Michael König
Medeens Kinder Moritz Hammer/Tommy Neumayer/Johnny Waldeck/Bruno Schiel/Michael Nes

 

 

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