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WIEN / Josefstadt: MARIAS TESTAMENT

12.10.2018 | KRITIKEN, Theater

 
Fotos: Hamburger Kammerspiele

WIEN / Theater in der Josefstadt:
MARIAS TESTAMENT nach dem Roman von Colm Tóibín
In einer Fassung von Elmar Goerden
Eine Produktion der Hamburger Kammerspiele
Premiere: 29. September 2018,
besucht wurde die Vorstellung am 12. Oktober 2018

Es war 1962, zum hundertsten Geburtstag von Arthur Schnitzler, als die Josefstadt „Der einsame Weg“ spielte, mit der wunderbaren jungen Nicole Heesters an der Seite von Leopold Rudolf und Michael Heltau. Nun, viele Jahrzehnte später, nach einer erfüllten Schauspielerinnenkarriere, die sie selten nach Wien brachte, ist sie wieder einmal da. Nicole Heesters spielt „Marias Testament“ – allerdings in einem Gastspiel der Hamburger Kammerspiele. Regisseur und Bearbeiter Elmar Goerden ist der Föttinger-Josefstadt auch seit einigen Jahren verbunden. In dieser Spielzeit wird er noch nach Joseph Roth „Die Trottas“ inszenieren – er dramatisiert nämlich auch gerne.

Das hat er mit dem Roman des irischen Autors Colm Tóibín auch getan. Die Geschichte von Jesus’ Mutter in ihren eigenen Worten – und ganz abseits von der Legende, die die katholische Kirche so nachdrücklich gezimmert hat. Maria als ganz normale Frau, bei der selbstverständlich Josef der Vater ihres Sohnes ist. Ihre ganze Verbogenheit in Bezug auf die Sexualität hat die Kirche allein an diesem Fall demonstriert. Das Ideal ist die Jungfrau, also am besten gar kein Sex für Frauen. Allerdings braucht man die „Mutter“ – so ist ihnen für die „Mutter Gottes“ die „unbefleckte Empfängnis“ eingefallen, was für jeden denkenden Menschen eine ziemliche Herausforderung darstellt (und auch noch impliziert, dass Beischlaf auf jeden Fall „Befleckung“ darstellt…). Die „echte Maria“, wie Colm Tóibín sie andenkt,  weiß damit und mit vielem anderen, was man ihr bereits als Dogma verkündet, nichts anzufangen.

Könnte es so gewesen sein? Eine alte Frau, die in Ephesos lebt (immerhin zeigt man dort den Touristen das „Haus der Maria“) und von jenen Leuten umwieselt wird, die sie als „Zeitzeugin“ befragen wollen – weil sie ja nun die offizielle Geschichte der Anfänge des Christentums niederschreiben. Aber sie wollen von ihr nur hören, was sie wirkungsvoll verwerten können. Unangenehme Wahrheiten – nein, danke. Aber Maria will sie erzählen. Sie erzählt sie dem Publikum. Ein beeindruckender Monolog.

Elmar Goerden als Bearbeiter, Regisseur und auch sein eigener Bühnenbildner, versetzt sie allerdings nicht in die Vergangenheit: Das spartanisch eingerichtete Zimmer, die Kleidung der Frau (Lydia Kirchleitner), alles von heute. Der Zuschauer, der möglicherweise ohne Vorkenntnisse in die Aufführung kommt, kann einige Zeit (wenn auch nicht allzu lange) dazu brauchen, sich zusammenzudenken, wer der „Sohn“ dieser Frau ist. Denn anfangs war dieser noch ganz ein gewöhnlicher Junge. Dann wurde er ein junger Mann, der sich von der Familie abkoppelte. Für die Bande anderer junger Männer, mit denen er herumzog, hatte die Mutter nichts übrig. Auch dafür nichts, dass er begann, sich öffentlich als Prediger und Wunderheiler zu betätigen. Dass er Lazarus von den Toten auferweckt hat, versteht sie nicht, aber sie weiß eines – dass es ein großes Unrecht ist, in die Natur einzugreifen. Nein, bewundert hat sie ihren Sohn eigentlich nie.

Sie ist allerdings auch nüchtern genug, nicht erschüttert zusammen zu brechen, wenn er ihr bei der Hochzeit von Kanaa sagt: „Weib, was habe ich mir dir zu schaffen?“ Wahrscheinlich müssen sich viele Religionslehrer im Priesterkragen winden, ihren Schülern zu erklären, wie Jesus so mit seiner Mutter sprechen konnte (es beweise eben, dass er sich von allen irdischen Banden abgekoppelt hat und nur noch seiner Mission lebte, versuchen sie zu argumentieren, die Apostel mussten sich ja auch von ihren Familien trennen…).

Wie wenig man über Maria nachdenkt, wie sehr man sie als heilige, demütige, den Sohn bewundernd anbetende Randfigur nimmt, beweist ihre Schilderung der Kreuzigung: Das mitzuerleben, wenn dem eigenen Sohn die Nägel durch Hände und Füße getrieben werden, mitanzusehen, wie er stöhnt und schreit… ja, edel war es wohl nicht. Autor Colm Tóibín geht noch weiter, beraubt die Legende (und die Kunst!) um eines der wichtigsten Marien-Motive, die Pietà: Nein, sie habe den toten Sohn nicht im Arm gehalten, davongelaufen sei sie, aus Angst vor Schächern, die sie als Mutter des Verurteilten vielleicht auch getötet hätten…

Ja, es ist alles ganz anders hier. Was diese Maria, die sich über die Apologeten und Interpreten so ärgert, die aus ihren Sohn Gottes Sohn machen und die Hinrichtung für selbstverständlich nötig halten, um die „Erlösung“ zu bewirken, wohl dazu gesagt hätte, dass sie ihr am Ende noch eine Himmelfahrt andichten werden? Da hätte sie vermutlich bitter gelacht. Denn Bitterkeit und Ärger sind es, die diese starke Frau auszeichnen, die Nicole Heesters komplett pathosfern auf die Bühne stellt. Ihr Blick auf die Realität ist unbestechlich, ihre Wut auf die Manipulation stark, aber sie tremoliert nie. 95 Minuten vergehen wie nichts, wenn man dieser Frau zusieht, wenn man dieser meisterlich geführten, klar artikulierenden Stimme lauscht, die eine so ganz andere Geschichte erzählt.

Das Publikum war berührt, bewegt, begeistert. Blasphemie war nicht gemeint. Nur ein vernünftiger menschlicher Ansatz.

Renate Wagner

 

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