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WIEN / Josefstadt: MADAME BOVARY

03.06.2018 | KRITIKEN, Theater


Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Theater in der Josefstadt:
MADAME BOVARY nach Gustave Flaubert
Bühnenfassung von Anna Bergmann und Marcel Luxinger
Premiere: 12. April 2018
besucht wurde die Nachmittagsvorstellung am 3. Juni 2018

Mittlerweile reisen auch schon Regisseure (in diesem Fall eine Regisseurin), die nicht zur Oberliga gehören, mit der eigenen „Masche“. An die schwachsinnige Version von Strindbergs „Fräulein Julie“ 2015 in der Josefstadt erinnert man sich nicht zuletzt, weil die arme Sona MacDonald in der Titelrolle des adeligen schwedischen Fräuleins mit Gitarre als Pop-Sängerin agieren musste. Furchtbar viel Musik aller Art, sinnlos und nervtötend, vor allem aber heutig, wird auch bei „Madame Bovary“ in der Fassung von ebendieser Regisseurin Anna Bergmann geboten – na, nicht ein Markenzeichen, eher ein Erkennungszeichen. Ja, und dass das, was man auf der Bühne sieht, mit dem Original fast nichts zu tun hat, das wiederholt sich auch.

Es ist immer problematisch, Romane auf die Bühne zu bringen, aber bitte, es ist der Trend der Zeit. Im Sommer 2013 in Reichenau fühlte sich Nicolaus Hagg in seiner Bühnenfassung wenigstens Gustave Flaubert und der Geschichte als solche  verpflichtet und erzählte das Schicksal der Emma Bovary aus ihrer provinziellen Kleinstadt-Enge heraus – und aus dem Traum eines anderen, bunteren, erfüllteren Lebens, wie ihn die Trivialliteratur vorgaukelt. Das war ein tragisches Scheitern, gebunden an seine Epoche. Dass man die gute Emma als sehr „heutig“ betrachten kann, nur weil es auch heute Frauen mit Sexsucht und Kaufrausch gibt, möchte man bezweifeln – im allgemeinen sind die Frauen (oder vielleicht nicht?) doch sehr selbständig, und mit dem Geld, das sie mittlerweile selbst verdienen, sollten sie auch umgehen können…

Gut, aber das, was man auf der Josefstädter Bühne sieht, hat ohnedies wenig mit Emma Bovary zu tun. Bis auf Gatten, die Tochter, zwei Liebhaber, Apotheker und Konsum-Verführer (eine Doppelrolle hier) fehlten ohnedies die anderen Figuren und damit das „Fleisch“ des Romans – dafür hat sich Emma verfünffacht. Das macht zu Beginn einen Hauch von Sinn, wenn (der spätere Liebhaber) Rodolphe Boulanger aus dem Zuschauerraum heraus (mal Parkett, mal Loge, mal Rampe) als Erzähler die Vorgeschichte andeutet. Während die originale Emma in Gestalt von Maria Köstlinger am Klavier sitzt (und offenbar selbst spielt?), schleichen vier Alter Egos herum, wobei Bea Brocks später im zweiten Teil als riesige Mutter Gottes-Figur Pop singen darf (und einen Teil der verbliebenen Zuschauer auch noch vertreibt), Silvia Meisterle die Sexy-Version ist, Therese Lohner tun muss, was die originale Emma nie tat, nämlich bügeln, und Ulli Fessl als uraltes Gespenst eine Emma zeigt, die es nie geben wird (denn bekanntlich bringt sie sich ja um).

Diese ach so originelle Idee der „fünf Emmas“ verdünnt sich im Lauf des Abends, dafür bekommt man ihre Tochter Berthe als Puppe (Suse Wächter trägt und piepst sie), den armen, unbedarften Gatten (Roman Schmelzer) in seinem unermüdlichen Bemühen um die ausgereizte Hysterikerin, die Maria Köstlinger immer höher schrauben muss, den jugendlichen Liebhaber (er rollt zwar auf einem „Elektro-Pedalo“ über die Bühne, aber als Darsteller wirkt Meo Wulf nicht wirklich trittsicher), dazu noch Rodolphe Boulanger (Christian Nickel), der schnell gelangweilte Liebhaber, und Siegfried Walther, der dann erst als Monsieur Lheureux, der Verführer (er kommt mit Gucci-Taschen und italienischen Schuhen, wir sind ja so heutig), so richtig theatermäßig wirkt…

Die Welt der Emma Bovary ist (Bühnenbild: Katharina Faltner) eine Art grüne Wohnhöhle/hölle, fast die ganze Vorstellung hindurch (zweidreiviertel quälende Stunden) ziemlich dunkel, später demontiert sich die Szenerie und dreht sich. Da werden auch die Kostüme (Lane Schäfer) modern, der „Fräulein Julie“-Effekt, eine Geschichte nach und nach zeitversetzt in die Gegenwart zu holen, wird hier wiederholt. Wird Emma, lebenssüchtig und ganz ohne Verstand, keine Spur von Mitleid und Anteilnahme erregend, solcherart eine Frau von heute?

Wenn überhaupt was sehenswert ist an diesem Abend, ist es das Virtuosenstück der Maria Köstlinger, auch wenn es an Madame Bovary nicht einmal anstreift und ins Leere geht. Aber man schaut immerhin einer sehr guten Schauspielerin zu.

*

Für die Vorstellung am Sonntag-Nachmittag begehrte ich eine halbe Stunde vor Beginn eine Stehplatz-Karte. Damit könne man mir nicht dienen, lautete die seltsame Auskunft der peinlich berührten Dame an der Kasse. Komisch – zehn Stehplätze an einem sonnigen Sonntag-Nachmittag ausverkauft? Na, dann halt eine 7 Euro-Karte im 3. Rang. Das ginge auch nicht. Nach einigem Nachfragen stellt sich heraus, dass der 2. und 3. Rang gesperrt werden, offenbar konnte man nicht genügend Karten verkaufen. Das Billigste, was man mir anbot, war ein hinterer Logensitz im 1. Rang um 13 Euro. Da ich für das, was ich von der Josefstadt der Föttinger-Ära gewöhnt bin, nicht viel Geld investieren will – also 13 Euro.

Ich habe Glück: Die nette ältere Dame in der ersten Reihe der Loge fordert mich gleich auf, mich neben sie zu setzen, die zweite Karte gehöre ohnedies ihr, aber ihr Sohn habe heute keine Zeit. In der Pause möchte ich, da sie offenbar Anstalten macht, aufzustehen, ihr Platz machen, aber sie schiebt ihren Sessel zurück und meint: „Bleiben Sie nur. Ich geh’. Das halt’ ich nicht aus.“ Die andere alte Dame neben mir fragt mich: „Gefällt es Ihnen?“ „Nein“, sagte ich ehrlich. „Mir auch net. I geh auch.“

So hatte ich im zweiten Teil die ganze erste Reihe der Loge für mich allein. Parterre und erster Rang waren von Anfang an nicht üppig gefüllt, nach der Pause waren es noch sehr viel weniger Zuschauer… Wie ist das eigentlich bei den kolportierten tollen Josefstädter Auslastungszahlen? Wenn man das halbe Theater sperrt, zählt dann die Hälfte als 100 Prozent, oder nimmt man das ganze Haus? Tja, hoffentlich müssen sie nicht einmal ganz zusperren, weil niemand mehr sehen will, was sie da anbieten…

Renate Wagner

 

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