Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Josefstadt: JACOBOWSKY UND DER OBERST

15.03.2019 | KRITIKEN, Theater

 
Fotos: Theater in der Josefstadt

WIEN / Theater in der Josefstadt:
JACOBOWSKY UND DER OBERST von Franz Werfel
Premiere: 14. März 2019,
besucht wurde die Generalprobe

Die Josefstadt hat ihre „österreichische“ Saison – sie spielt Schnitzler (den allerdings skandalös schlecht), Raimund und Schönherr – und nun Werfel. Von allen seinen Stücken (und er hat ein gutes Dutzend geschrieben) hat sich nur „Jacobowsky und der Oberst“ auf den Bühnen gehalten. Aus guten Gründen. Ein „well made play“, wenn es je eines gab, dabei eine authentische Geschichte – Werfel hat die Flucht der Juden aus Nazi-Europa selbst erlebt, hat viele Schicksale gehört, hat Erfahrungen so verarbeitet, dass sie punktuell aussagestark funktionieren. Und die Geschicklichkeit, die Tragödie mit jüdischen Humor zu veredeln, gezielte Pointen zu setzen und starke Figuren zu konturieren – ja, das sichert den Dauererfolg des Stücks.

Janusz Kica hat vollen Respekt vor dem Werk, verwehrt ihm – in der abstrahierenden, praktischen Ausstattung von Karin Fritz – nur einen Running Gag: Das Fluchtauto, das sich sonst kaum eine Produktion hat entgehen lassen. Es geht auch ohne. Vielleicht fällt die Inszenierung ein wenig zu beiläufig aus, nimmt das Drama im Frankreich des Jahres 1940 (die Nazis waren schon da, man konnte faktisch dauernd über sie stolpern) nicht ernst genug, aber wenn dann andererseits überinterpretiert wird… Das geschieht nur am Schluß, wenn die Französin Marianne, die ihren geliebten polnischen Oberst und ihren geliebten alten Juden ins sichere England geschickt hat, plötzlich die Frauenkleider ablegt, ein Barett aufsetzt, eine Maschinenpistole zückt und sich zweifelsohne dem französischen Widerstand anschließt. Das steht sicher nicht bei Werfel und ist ein bisschen dick. Wie man’s macht, macht man es offenbar falsch…

Schon wieder ist, wie der Fortunatus Wurzel in Raimunds „Bauer als Millionär“, an der Josefstadt eine Rolle an Erwin Steinhauer vorüber gegangen, denn der Jacobowsky wäre ihm wohl auf den Leib geschrieben. Umso bewundernswerter angesichts der leisen Enttäuschung, dass Johannes Silberschneider in der Rolle vorbehaltlos zu überzeugen mag.

Er erreicht das mit einem ganz einfachen Trick, indem er nicht viel tut. Die Figur kann (Schauspieler wie Otto Schenk haben es gezeigt) unendlich komödiantisch, saftig, ja übersaftig überzeichnet werden. Silberschneider ist weit entfernt davon, drückt kaum je auf die Tube und gibt dem feinen ältlichen Juden damit jenen zarten Humor, für den man ihn umarmen möchte. Er ist das wunderbare Zentrum eines Abends, den die Josefstadt auch groß besetzt hat.

Apropos Schenk – schon als er vor 22 Jahren, 1997, in diesem Haus den Jacobowsky spielte, trug der polnische Oberst Tadeusz Boleslav Stjerbinsky die Züge von Herbert Föttinger. Mittlerweile Direktor des Hauses und etwas älter, passt er noch immer in dessen Schuhe, nimmt ihn auch (das ist wohl Verdienst der Regie) eher zurückhaltend, als Figur und im Akzent, und verliert dadurch ein wenig an Präsenz. Matthias Franz Stein als seine „leibeigene Seele“ Szabuniewicz holt sich in eckiger Schlichtheit manchen Lacher.

Die Vierte im Quartett der Hauptrollen ist jene Marianne, die den knurrig-knorrigen polnischen Oberst liebt, aber die menschlichen Qualitäten des Juden Jacobowsky wohl erkennt, mit dem das Flucht-Schicksal sie zusammen schmiedet. Das ist eine sehr schöne Rolle für Pauline Knof, die auch die Wandlung von der Oberflächlichkeit zur Ernsthaftigkeit (es ist alles ein bisschen geradlinig in diesem Stück) sehr greifbar macht. Zuerst ein hübsches Püppchen, am Ende eine verzichtende Heldin: Niemand hat je behauptet, Werfel habe differenziert gearbeitet. Dafür aber geschickt.

Die Josefstadt kann heute bis in kleine Rollen so luxuriös besetzen wie kein anderes Wiener Haus – ob Alexander Absenger als „tragischer Herr“ (glänzend), ob Ulli Maier, die zwar Madame Bouffier heißt, deren Hotel aber kein Puff ist, ob Ulrich Reinthaller als englischer Agent, ob Marianne Nentwich oder Alma Hasun in ganz kleinen Rollen, ob Claudius von Stolzmann in einer noch kleineren, ob Wojo van Brouwer diskret sächselnd, aber topgefährlich als Gestapo im Zivil… sie und alle anderen erfüllen ihren Zweck, mit ihren Miniaturen etwas Signifikantes zu dem breiten Zeitgemälde beizutragen, das Werfel gemalt hat. Dieses ist zwar mehr Kintopp als Auseinandersetzung … aber sonst wäre das Stück wohl auch nicht so erfolgreich.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken