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WIEN / Josefstadt: IN DER LÖWENGRUBE

15.03.2018 | KRITIKEN, Theater

 
Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Theater in der Josefstadt:
IN DER LÖWENGRUBE von Felix Mitterer
Premiere: 15. März 2018  
Besucht wurde die Generalprobe

Achtzig Jahre danach bringt ein Stück es auf die Bühne: Wie die Nazis in Österreich einmarschieren, die Juden in die Knie werfen und sie zwingen, den Boden zu waschen – so wie es das Denkmal von Alfred Hrdlicka zeigt. Hier findet es im Theater in der Josefstadt statt – im doppelten Sinn. Ein Stück, das sich als wahre Geschichte „im Original“ hier begab. Und das jetzt zeitlich punktgenau hier Premiere hat. 20 Jahre nach der Uraufführung im Volkstheater: „In der Löwengrube“ von Felix Mitterer erzählt Haarsträubendes und ist dabei ein Schelmenstück im Katastrophenszenario.

Dass sich die Geschichte von Leo Reuss in vielen Details anders abgespielt hat als im Stück, spielt keine Rolle (vor allem war es nicht 1938, sondern 1935, Reuss floh von Berlin via Salzburg, wo er Max Reinhardt foppte, nach Wien, wo die Josefstadt noch unter der Leitung von Ernst Lothar stand, und durfte dann in einem Schnitzler-Stück spielen). Egal. Tatsache ist, dass der Jude den Nazis einen urwüchsigen Tiroler Bergbauern vorspielte, damit ihre lächerlichen völkischen Klischees bediente und voll reüssierte. Sie machten ihn zum Erfolg, und er ließ sie als Idioten dastehen.

Und das erzählt Felix Mitterer im räumlichen Rahmen der Josefstadt (das ganze Stück spielt ausschließlich im Theater) – und dass er als Tiroler hundertprozentig tritt- und sattelfest in der Sprache ist, hilft der Glaubwürdigkeit des Ganzen. Und auch dem nötigen Humor. Denn was gibt es Schöneres, wenn die dummen Starken von den klugen Schwachen hereingelegt werden? Die  das noch mit den klaren, starken, unverblümten Tiroler Tönen tun? Hast mi?

In Mitterers Stück riskiert der an der Josefstadt engagierte jüdische Schauspieler Arthur Kirsch, von allen als Niemand behandelt, verheiratet mit der Diva des Hauses, von seinen Nazi-Kollegen vertrieben, nach einem Jahr die Rückkehr an das Haus, vor das Angesicht der Kollegen, die ihn auf Anhieb nicht erkennen: mit Bart, Habitus und vor allem in der Sprache völlig in einen Tiroler Bergbauern verwandelt. Der angeblich von Theaterleidenschaft gepackt ist, von den Nazis durchgesetzt wird, als Wilhelm Tell auf der Bühne Triumphe feiert – und sogar Goebbels die Hand schütteln muss.

Bevor er, nachdem nach den Regeln der beschwichtigenden Theaterkunst alles in diesem Rahmen Mögliche bereinigt wurde (die Jüdin darf bleiben, die bösen Nazis werden liquidiert, der untreuen Gattin ist verziehen), in die Berge zurückkehrt und auf das Ende des Schreckens warten kann…

Wie gesagt, es ist schon sehr viel „Theater“ in dem Ganzen, das man eigentlich mit Schwung überspielen müsste (so wie es Hauptdarsteller Erwin Steinhauer in der Uraufführung gelungen ist). Die Josefstädter Aufführung unter der Regie von Stephanie Mohr, in schlichter Ausstattung (Miriam Busch) und passenden Kostümen (Nini von Selzam), fällt allerdings eher trocken aus. Erst nach der Pause wird es etwas packender (schlimm zu denken, dass ein Goebbels-Auftritt dazu beiträgt), aber im Ganzen ist die Gratwanderung zwischen Tragik und Komik alles andere als mitreißend.

Das mag nicht zuletzt an der Besetzung des Arthur Kirsch mit Florian Teichtmeister liegen, der natürlich ein glänzender Schauspieler ist, vor allem in den kleinen mimischen Details, mit denen er den schüchternen jüdischen Nebenrollendarsteller charakterisiert, dem niemand etwas zutraut. Die Suada für die Tiroler Auftritte, die eine Komödie sein dürften, fehlt ihm, der Umriß der Figur bleibt schmäler, als es für den Abend gut ist.

Auch der Theaterdirektor, der keinen Satz zu Ende spricht und eine wichtige Funktion in der Darstellung zwischen Anpassung und Charakter hat, empfängt von Peter Scholz mehr Hektik als Komik und Profil (vielleicht hätte er mit André Pohl Rollen tauschen sollen, der in der starken Nebenrolle eines jüdisch aussehenden arischen Schauspielers am Ende zu schriller Tragik auffährt). Zweifellos zu sehr das Klischee hat die Regisseurin mit der Rolle des „bösen Nazi“ bedient: Alexander Absenger als Strassky hat da nur die abgegriffensten Gesten zu bieten, und das wird dann schlicht und einfach peinlich in seiner Demagogie.

Andere Rollen haben es leichter, wenn Mitterer seine Menschlichkeit verströmt und in einem jungen Nazi Ideologie und schlichte Anständigkeit ehrenwert kämpfen lässt (Tobias Reinthaller macht das sehr schön). Und dass ein wortkarger Bühnenmeister zu einer Prachtrolle werden kann, das beweist Alexander Strobele. Ganz richtig legt auch Claudius von Stolzmann den Goebbels an, nicht als Kopie, Parodie oder Karikatur, sondern als den eitlen Mächtigen, den man in seiner Gefährlichkeit nicht unterschätzen würde.

Von den beiden wirkungsvollen Frauenrollen bekommt Alma Hasun weniger zu tun, sie ist die sympathische, charakterfeste Halbjüdin, die am liebsten in der deutschen Gesellschaft untertauchen würde (und sie macht das so brav, dass man die Fragwürdigkeit dieser Haltung nicht weiter hinterfragt). Die große Rolle hat jedoch Arthur Krischs ungetreue Gattin, im Gegensatz zu ihm ein Star, eine Frau, der die Karriere wichtiger ist als alles andere, die den unbequem gewordenen jüdischen Gatten (samt Kindern) mit Tönen falschen Bedauerns fallen lässt und von jungem Liebhaber zu jungem Liebhaber vor dem Altern davonläuft…

Pauline Knof, mit langem Blondhaar als Söderbaum gestylt, spielt Licht und Schatten eines Charakters virtuos auf und ab, bis zu ihrer extrem ausdifferenzierten Schlußszene mit Arthur: blankes Theater, aber wenn man es so macht, dann ist es brillant.

Keine Frage, Mitterer kann, was er soll, aber von der Bühnenumsetzung wäre da mehr drinnen gewesen. Immerhin kann die Josefstadt wieder einmal stolz darauf hinweisen, zur richtigen Zeit auch das richtige Stück parat gehabt zu haben.

Renate Wagner

 

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