Fotos: Theater iin der Josefsadt
WIEN / Theater in der Josefstadt:
HAMLET von William Shakespeare
Premiere: 11: Februar 2026.
besucht wurde die Generalprobe
Mit Stärken und Schwächen
Die großen Klassiker waren nie die Agenda der Josefstadt. Man hat, wenn man sehr alt ist, vor gefühlten hundert Jahren Michael Heltau als Don Carlos hier gesehen. Zuletzt, wenn man sich nicht irrt, schon in der Ära Föttinger, Schillers Maria Stuart im Pelzmantel in einer Telefonzelle, was notabene vergessenswert war. Nun hat der scheidende Direktor in seiner letzten Spielzeit gleich zweimal Shakespeare angesetzt – einen durchaus gelungenen „Sommernachtstraum“, vor allem auf die jungen Leute gebaut und gewissermaßen der „Klassiker light“. Und nun – „Hamlet“. Und der ist (neben „Lear“ und „Sturm“) ungefähr der schwerste Brocken, den man sich antun kann (wenn man einmal „Richard III“ und „Titus Andronicus“ außer Acht lässt).
Die Josefstädter Aufführung zeigt, dass Regisseur Stephan Müller sich durchaus kreativ den Kopf zerbrochen hat (nur die Übersetzung von Heiner Müller ist zwar zeitgeistig, aber nicht die beste Lösung, sie verschmiert vieles, was im Original und bei Schlegel-Tieck herrlich präzise ist). Die Josefstadt, ein kleines Haus, also keine Haupt- und Staatsaktion, kein Hofstaat in Helsingör, auch sonst jegliches Personal bis auf das Wichtigste gestrichen. Man kommt mit den üblichen zwei Damen und darüber hinaus sieben Männern aus, von denen fünf (Hamlet und Claudius dürfen sie selbst bleiben) je mehrere Rollen übernehmen.
Der Abend ist in düsterem Licht gehalten, was dem Inhalt entspricht, das Bühnenbild (Sophie Lux) setzt wenige Versatzstücke auf die leere Drehbühne, die mit Hilfe eines Zwischenvorhangs schnell verändert werden kann. Man ist relativ sparsam mit den Videos, dass der Geist von Hamlets Vater (Johannes Krisch) dort verortet ist, scheint logisch – wenn nicht Hamlets Getreue diesen sehen würden, man könnte ja an dessen Erscheinung zweifeln und sie einzig aus Hamlets Gehirn herauswachsen lassen…
Wer dieses Monsterwerk (bei Kenneth Branagh in London dauerte es fünf Stunden) auf unter drei Spielstunden eindampfen will, muss eine Menge streichen (die England-Episode wird solcherart nicht ganz klar, und den Totengräber hat man kaum je so lapidar und uninteressant gesehen). Einiges gelingt, vor allem, dass die „Theaterszene“ ohne die Schauspielertruppe stattfindet (Hamlets Rede an die Schauspieler vermißt man allerdings schon), sondern er selbst und Horatio (mit Riesenmasken) die Szene spielen, wo dem König Gift ins Ohr gesprüht wird. Dass das durch Hamlets Penis geschieht, wäre allerdings ein verzichtbares Detail, Dennoch – grundsätzlich eine sinnvolle Idee, die wahrscheinlich allein eine halbe Stunde spart.
Es gibt auch sinnlose Ideen, nicht nur ein Käfig, der immer wieder auf der Bühne erscheint (???), sondern vor allem das „Gebet“ des Claudius, das in einer Badewanne stattfindet. Das schädigt die Rolle enorm – und auch die Dramaturgie, denn da findet man (zumal der Schauspieler seinen Text murmeln muss) nicht jene Situation der Gewissenserforschung vor, die Hamlet ja eigentlich davon abhält, seine Rache an dem Onkel, dem Mörder seines Vaters, zu vollziehen…
„Hamlet“ ist ein Stück der grenzenlosen Interpretationsmöglichkeiten. Grundsätzlich ist es die Geschichte eines wütenden jungen Mannes, der sich einer herrschenden Generation von Mördern und Gaunern gegenüber sieht (Shakespeare hat ja auch offen gelassen, ob Hamlets Mutter an der Ermordung ihres Gatten nicht vielleicht doch beteiligt war…). Es ist eigentlich sehr heutig, dass der Dänenprinz seinen Widerstand in jenem erratischen Benehmen kundtut, mit dem die Jugend zu allen Zeiten die Erwachsenen verunsichert hat (im Stück stellt er sich halt „wahnsinnig“, was durchaus, wie es im Zitat heißt, Methode hat). Die Tragik Hamlet besteht darin, dass er eigentlich nicht gewinnen kann – es sei dann, man betrachte es als Sieg, dass am Ende des Stücks (außer seinem treuen Freund Horatio) alle tot sind… Dass „Hamlet“ jedenfalls die Verzweiflung der Jugend herauswütet, darüber, dass die Welt ist, wie sie ist, das gelingt dem Josefstädter Abend trotz einiger eklatanter Mängel im Endeffekt recht gut.

Und Claudius von Stolzmann ist vielleicht nicht so jung, wie er sein sollte (wenn der Prinz eben noch an der „hohen Schule“ in Wittenberg studiert hat, muss man ihn um Anfang 20 einordnen), aber er hat den Trotz, die Wut, den Schmerz. Die Regie hat sich vor „Hamlet“-Klischees gescheut, was in manchen Fällen schade ist – „Sein oder Nichtsein“ könnte effektvoller zergrübelt werden. Aber im Ganzen ein junger Mann, dessen Schicksal man mit Interesse folgt.
Relativ jung, sexy und auch gar nicht sonderlich „königlich“ wirkt das Paar Gertrud (mit der eleganten, zunehmend verzweifelten Martina Stilp – vielleicht doch keine Mörder-Komplizin?) und Daniel Jesch, der seine Rolle als neuer König locker nehmen will, aber zunehmend in die Bredouille gerät. Sein mißglücktes Gebet kann er sich wohl beim Regisseur abholen.
Und Johanna Mahaffy hätte einen Riesenwirbel veranstalten sollen, um zu verhindern, dass man ihr die Haare in Form von kleinen Knödelchen auf dem Kopf drapiert, was ihr (samt einem so hässlichen Kostüm, dass man es Birgit Hutter gar nicht zugetraut hätte) als Ophelia jegliche Wirkung nimmt. Wenn man ihr dann noch ihre Wahnsinnsszene stiehlt, wie es hier geschieht (sie darf der Königin keine Blumen und Pflanzen darbieten…), wird die Traumrolle zur Makulatur.
Dominic Oley als wackerer Horatio, Marcus Bluhm als Polonius (dessen Ratschläge für den Sohn -„Neither a borrower nor a lender be“- in der Heiner-Müller-Übersetzung verpuffen), Martin Niedermair vor allem als Laertes stark (und liefert sich mit Stolzmann eine beeindruckende finale Fechtszene), Tobias Reinthaller als total unauffälliger Guildenstern (hier ist auch Niedermair als Rosencrantz schwach, mit diesem Paar wusste der Regisseur wenig anzufangen) und schließlich Marcello De Nardo als ein um seine Wirkungsmöglichkeiten gebrachter Totengräber – mancher bleibt als Opfer von Kürzungen und Übersetzung auf der Strecke.
Dennoch, nehmt alles nur in allem: Wenn man bedenkt, wie schwer es ist, mit diesem „Hamlet“ (der schon im Jahr 1600 wusste, dass die Welt aus den Fugen ist) umzugehen, kann man die Josefstädter Aufführung als in ihrem Rahmen weitgehend gelungen bezeichnen.
Rnate Wagner

