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WIEN / Josefstadt: EIN KIND UNSERER ZEIT

06.09.2022 | KRITIKEN, Theater

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Foto: Theater in der Josefstadt

WIEN / Theater in der Josefstadt: 
EIN KIND UNSERER ZEIT
Roman von Ödön von Horvath
Für die Bühne bearbeitet von Stephanie Mohr
Die Premiere, vorgesehen am 23. Juni 2022, wurde verschoben
auf den 6. September 2022
Besucht wurde die Generalprobe 

1938 war das Jahr, in dem Ödön von Horvath die Flucht vor den Nazis nach Paris gelang. Aber, wie die Geschichte vom Tod in Samarkand klar macht, man kann vor seinem Schicksal nicht davon laufen. Der Tod ereilte ihn in Paris, in einem Sturm erschlug ihn eine umfallende Platane auf den Champs-Élysées. Zuvor hatte er noch den Roman „Ein Kind unserer Zeit“ vollendet, der dann nach seinem Tod erschien. Er behandelt einerseits die typischen Horvath-Themen von den „Verlorenen“ der Zwischenkriegszeit, sieht aber prophetisch jenen Krieg voraus, den Hitler im Jahr darauf anzetteln würde, und beschreibt am Schicksal eines einzelnen, namenlos bleibenden Soldaten, wie man vom Opfer zum Täter wird, dessen Erkenntnis, was er getan hat, zu spät kommt.

Nun gibt es ja wahrlich genügend „echte“ Theaterstücke von Ödön von Horvath, und sie werden auch landauf, landab gespielt. Das Dramatisieren von Prosa (oder Filmen) ist seit Jahren ein Lieblingsspiel der Bühnen, selten wirklich erfolgreich (als ob es nicht genug Stücke gäbe), aber nicht abzustellen.

Allerdings kann man sich gut vorstellen, was die Josefstadt und Regisseurin Stephanie Mohr, die selbst die Dramatisierung übernahm, an diesem Buch fasziniert hat. Was nämlich einst auf Hitler gemünzt war, lässt sich heute auf Putin umlegen – ein überfallsartiger Krieg, wobei man Soldaten indoktriniert und ins Elend schickt. Da musste man inhaltlich gar nicht so viel tricksen, damit das deutlich wird. Erkenntnis: Es ändert sich gar nichts, es war immer schon schlimm, und Horvath hat es gewusst.

„Ein Kind unserer Zeit“ ist ein Werk äußerst lapidarer „Ich-Erzähler“-Prosa. Wie macht man daraus ein Stück? Im Grunde gar nicht. Es wird zu einer Art Hörspiel mit vier Stimmen, wobei die vordringlich Männerfiguren (und wenigen Frauen) auf der Bühne von vier Frauen verkörpert werden. Anders geht es heutzutage ja ohnedies nicht mehr. Man kann kaum von „verteilten Rollen“ in der Geschichte sprechen, denn jede der vier Damen spielt sozusagen abwechselnd alle Figuren, manchmal agieren sie auch nur und eine andere erzählt.

Es ist ein zweifellos kunstvolles Gefüge, das Stephanie Mohr sich da ausgedacht hat, wenn auch kein besonders sinnvolles. Und vor allem nicht sehr ökonomisch – der mühsame und oft langweilige Abend bringt jedes auch noch so unwichtige Detail und dauert am Ende zweidreiviertel trostlose Stunden lang, allerdings mit einem wirkungsvoll inszenierten Ende, was immer dem Schlußapplaus zugute kommt. War der Soldat ein Opfer? War er ein Mörder? Ein Kind unserer Zeit, wird tiefsinnig resümiert. Abgeblendet. Man versteht, was gemeint ist. Aha, seine Zeit war / ist auch unserer Zeit. Dankbares Klatschen.

Dabei passiert ja so wenig. Man erfährt, wie der Soldat sich aus der Arbeitslosigkeit ins Militär gerettet hat und dort glücklich ist, verpflegt, gekleidet, unter „Kameraden“ und mit ideologischen Sprüchen gesättigt, die einst die Nazis erfunden haben und die man heute anderen Leuten erzählt, um sie zum Krieg zu motivieren. Da ist auch das bei Horvath übliche tragische „Fräulein“-Schicksal, das die junge Frau erleidet, in die sich der Soldat verliebt (sie wird abgebaut, verliert ihren Job), was aber weniger interessant ist als die Figur des Hauptmanns, der nicht ertragen kann, dass seine Soldaten gewissenlos auf Befehl plündern und Zivilisten hinrichten, und der sich schließlich bewusst ins feindliche Feuer wirft. Unser Soldat büßt dabei seinen Arm ein – und findet nach dem Krieg zuhause alles genau so schlecht oder schlechter vor als zuvor. Düsterer  hätte Horvath gar nicht in die Zukunft blicken können.

Vier Schauspielerinnen – Therese Affolter, Katharina Klar, Susa Meyer und Martina Stilp – sind nicht zu beneiden, leisten aufopfernd Virtuoses, in ihren diversen Verkleidungen oft gar nicht zu erkennen, im Grunde in einem szenischen Chaos versinkend, aus dem sich die Handlung nicht immer wirklich erkennbar herausschält. Miriam Busch hat dafür einen runden Raum, teils Außenmauer, teils undefinierbares Innere, auf die Drehbühne gestellt, zudem die Fetzenkostüme entworfen.

Fraglos haben viele Könner viel Mühe in ein Unternehmen investiert, das wieder einmal nur Belehrungstheater sein will, aber im Grunde in ein zähes Hörspiel verpufft, das pathetisch nur das erzählt, was man schon tausendfach gehört hat. So sieht Theater, das Menschen wirklich interessieren, fesseln und erreichen will, nicht aus. Oder hat die Josefstadt-Direktion nur ihr Ziel erreicht, wenn man gebrochen aus dem Theater schleicht?

Renate Wagner

 

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