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WIEN / Josefstadt: DIE STRUDLHOFSTIEGE

05.09.2019 | KRITIKEN, Theater


Foto: Josefstadt

WIEN / Theater in der Josefstadt:
DIE STRUDLHOFSTIEGE
Nach dem Roman von Heimito von Doderer in der Bearbeitung von Nicolaus Hagg
Uraufführung
Premiere: 5. September 2019,
besucht wurde die Generalprobe

Manche Diskussionen erledigen sich, weil sie sich im Kreis drehen. Da kann man den Theaterdirektoren noch so oft vorbeten, dass es keinen Sinn macht, Romane oder Filme auf die Bühne zu stellen. Die Prosa mit ihrer Fähigkeit, nicht nur zu erzählen, sondern auch zu schildern und zu reflektieren, und gar der Film mit seinen grenzenlosen Möglichkeiten dramaturgischer, technischer und bildlicher Sprünge und Abenteuer, werden dem Live-Bühnengeschehen, das sich eins zu eins vor dem Zuschauer abspielt (und nur hier und jetzt und nicht darüber hinaus), immer haushoch überlegen sein.

Doch was nützt es, dies zu predigen? Bücher und Filme als Vorlagen scheinen zunehmend die Spielpläne zu bestimmen, und so bekommt Wien zu Saisonbeginn eine wahre Doderer-Überdosis: Die Josefstadt beginnt mit der „Strudlhofstiege“, das Volkstheater demnächst mit den „Merowingern“. Der erste Streich in der Josefstadt ist von schöner Unbeweglichkeit – früher, vor Föttinger, nannte man so etwas „josefstädtisch“. Heute kommt es einem zu wenig vor. Stimmung allein mit ein paar aufgepfropften verbalen politischen Banalitäten, damit man auch weiß, dass das Haus korrekt auf der richtigen Seite steht. Dürr.

909 Seiten Text umfasst die Taschenbuchausgabe der „Strudlhofstiege“ bei dtv, bekanntlich wenig Inhalt und viel Schilderung, Reflexion, Schlendern im Gedankenwald. Und das bei üppiger Personenfülle. Ein Bearbeiter muss da große Entscheidungen treffen. Nicolaus Hagg hat es schon vor zehn Jahren für Reichenau getan, wo die Aufführung durch das kakanische Ambiente des Südbahnhotels wenigstens etwas Flair gewann. Was damals „ausgewählte Romanausschnitte, szenisch gefasst für das Südbahnhotel Semmering“ hieß und noch Bernd Jeschek als Co-Autor nannte, ist diesmal „nach dem Roman, in der Bearbeitung von Nicolas Hagg“ (alleine) und wieder als Uraufführung deklariert.

Dabei hat er zumindest personell weitgehend dieselben Entscheidungen getroffen (und so wichtige Personen wie Mary K. und Grete Siebenschein, die Jüdinnen, die nicht geheiratet werden, ausgelassen), im Vergleich zu Reichenau die Figuren weiter reduziert. Aber da man voraussetzen kann, dass es heutzutage nicht mehr allzu viele Menschen gibt, die die „Strudlhofstiege“ gelesen haben (obwohl: unter dem Josefstädter Publikum, das aus demselben Döblinger Ambiente kommt, vielleicht am ehesten), muss man sich um das Original nicht bekümmern. Die Frage ist, was man auf der Bühne sieht. Und das ist, wie gesagt, wenig.

Das Einheitsbühnenbild von Karin Fritz ist praktisch – eine Drehbühne, auf die nur die nötigen Sitzgelegenheiten gestellt werden, die sich her- oder wieder wegdrehen. Anfangs, für die Szenen am Semmering, eine Art Wald im Hintergrund (man will ja sogar auf die Rax kraxeln), an der Decke weiße Architektur – wenn das nicht an die so oft symbolhaft zitierte „Strudlhofstiege“ erinnern soll… Dennoch, „Raum“ ist das nicht, eher ein Niemandsland.

Mit Niemands-Gestalten darin. Sie schweben in der Regie von Janusz Kica (und von Karin Fritz gänzlich unspektakulär gekleidet) herum, als kämen sie aus Schnitzlers „Zug der Schatten“, entbehren aber jeder Lebendigkeit. Es wird wirklich tadellos ordentlich gespielt, und dennoch erhält die Gesellschaft, die Doderer so locker hinstellt, gar keine Kontur. Auch wenn die Handlung aus der Monarchie in Krieg und Nachkrieg hinüber gleitet, ändern sich höchstens die Kostüme ein wenig, die Menschen werden vielleicht ein bisschen lauter, interessanter werden sie nicht.

Gewiß, es passiert kaum etwas – dass Etelka von Stangeler überschnappt und die Zwillinge Pastré (eigentlich ist ja nur Edita „böse“, Mimi nicht) einen kriminellen Coup planen, weckt kaum aus dem Theaterschlaf. Dass der Major Laska, der eigentlich im Weltkrieg in den Armen von Melzer verblutet ist, als sehr präsenter „Geist“ gelegentlich Zwischentexte spricht, macht ihn noch nicht zum Kommentator des Geschehens (obwohl ein solcher vielleicht recht nützlich gewesen wäre). Besonders schlecht gelungen ist das Ende, das den Zuschauer ratlos macht, weil Bearbeiter und Regisseur im Zweifel belassen, ob Melzer sich erschießt… Dabei hat Doderer am Ende seines Buches ja doch nur sehr vage über den Begriff des Glücks philosophiert? Alles in allem: Hagg konnte aus Doderer nicht mehr an „Theater“ herausholen als ein paar blasse Figuren – es ist eben ein Roman…  

In der Rolle des Melzer ist Ulrich Reinthaller die Unauffälligkeit und Unscheinbarkeit in Person: Ist das Konzept, soll hier das Bild des wesenlosen österreichischen Menschen gemalt werden? Auf dem Theater funktioniert das gar nicht. Sicher sind René von Stangeler und Major Laska im Gefüge des Geschehens wichtig, aber Martin Vischer und Roman Schmelzer bieten eher noble Blässe an, ebenso wie Igor Karbus als Etelkas schmachtender Liebhaber.

Pauline Knof lechzt als diese Etelka nach dem Leben, ist aber eigentlich nicht der abenteuerliche Typ, der man exzessive Ausbrüche glauben würde. Als der ihr zugeteilte Gatte ist Matthias Franz Stein trotz grau gemalter Schläfen viel zu jung, trägt sein Schicksal aber mit Würde.

Ein „böser“ Vater kommt kaum zur Geltung (Michael König), weit eher die unsympathischen Gesellschaftslöwen, mit denen sich Dominic Oley und Alexander Absenger die besten Rollen geangelt haben – sie lassen wenigstens aufhorchen. Was der ganzen Damenschar (Swintha Gersthofer, Alma Hasun, Marlene Hauser) kaum gelingt – immerhin differenziert Silvia Meisterle ihre beiden Zwillingsschwestern sehr gut, wenn ihnen auch als Charaktere mehr Farbe gut getan hätte.

Farbe im Sinn von Theaterleben ermangelt dem Abend, der als Österreich-Elegie keinerlei Analyse, sondern nur müde Stimmung anzubieten hat.

Renate Wagner

 

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