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WIEN / Josefstadt: DIE REISE DER VERLORENEN

06.09.2018 | KRITIKEN, Theater

 
Foto: Theater in der Josefstadt

WIEN / Theater in der Josefstadt:
DIE REISE DER VERLORENEN von Daniel Kehlmann
Basierend auf dem Buch „Voyage of the Damned“ von Gordon Thomas und Max Morgan-Witts
Uraufführung
Premiere: 6. September 2018

Ein Schiff voll von Flüchtlingen kreuzt am Ozean. Läuft in einen Hafen ein. Aber man lässt die Insassen nicht an Land. Man will sie nicht haben. Niemand will sie haben, jeder schiebt das Problem einem anderen zu… Eine Situation, die wir hier und heute kennen. Sie auf dem Theater vorzuführen, entspricht dem in der Ära Föttinger so gepflegten moralisierenden Duktus der Josefstadt.

Allerdings funktioniert die Parallele, die in „Die Reise der Verlorenen“ gezogen wird, nicht ganz. Denn wenn man erzählt, dass es all das auch 1939 gab, als die Nazis an die tausend Juden auf der „St. Louis“ von Hamburg nach Kuba schickten… was beweist das? Dass „wir“ auch nicht schlechter sind, als die „anderen“ (die Kubaner, die Amerikaner, die Engländer) es damals waren? Soll man den quasi „beruhigenden“ Schluss daraus ziehen, dass sich, seufz, die Geschichte eben wiederholt? Denn damals wie heute ergeben sich, wenn man das Thema durchdenkt, keine billigen Lösungen – auch wenn der Autor sie in Zeitungsinterviews anbietet.

Der Autor ist Daniel Kehlmann, und er hat die dokumentarische Aufarbeitung der „St. Louis“-Tragödie, wie sie in dem Buch „Voyage of the Damned“ von Gordon Thomas und Max Morgan-Witts geschildert wird, seinerseits zu einem Dokumentar- ja was? gemacht. Ein Theaterstück ist es ja wohl nicht. Ein Hörspiel. Ein Lehrstück aus dem Geschichtenbuch. Die einzelnen Protagonisten treten im vollsten Wortsinn an die Rampe und erzählen ihr Schicksal. Die monologische Predigt bleibt Hauptmethode, seltener, dass in Dialogen etwas an legitimer Bühnen-Dramatik zu ahnen wäre. Sicher, damit entgeht der Autor der Gefahr, dass man ihn der sentimentalen Tränendrüsen-Dramaturgie zeiht, denn die wenigen Figuren, die er aus der Masse der Flüchtlinge hervorholt, bleiben auch dann konturlos, wenn die Josefstadt ihre ersten Schauspieler (für diese quasi Statisten-Rollen) ins Geschehen wirft.

Sie sind also auf dem Schiff, die deutschen Juden, dürfen ausreisen als Propaganda-Trick der Nazis, voran Goebbels, der dafür ja zuständig war. Ein böser Nazi hat das erste und das letzte Wort, ist als Spitzel auf dem Schiff, denn der Kapitän ist gut und menschlich und folglich damals unzeitgemäß. Kurz werden einzelne Figuren eingeführt, dann springt das Geschehen schon nach Kuba. Dort halten alle die Hand auf, verlangen teils exorbitante Summen, haben – wenn sie diese nicht bekommen – wohl bekannte Argumente gegen die Aufnahme von Flüchtlingen bei der Hand. Jüdische Organisationen wollen verhandeln, kommen nicht weit. Die Diplomaten allerorten winken entschieden ab, die Amerikaner sagen „nein danke“, die Briten erst recht.

Am Ende lassen sich die Belgier, Holländer, Franzosen und überraschenderweise sogar die Engländer zu den humanitären Gesten bewegen, die Flüchtlinge unter sich aufzuteilen – um sie dann miserabel zu behandeln. Das muss man Kehlmann lassen: Hier sind nicht nur die Nazis böse. Empathie ist auf keiner Seite zu haben. Alle tragen – aus Gleichgültigkeit, aus Politik, aus Vorurteilen, aus Gier – ihr Schärflein zum alltäglichen Bösen bei. Und, wie der Autor immer wieder versichert: Es ist jedes Wort wahr, alles genau so passiert.

Am Ende, wenn sich dann alle wieder aufstellen, um zu erzählen, was aus ihnen geworden ist, bemüht der Autor Gott. Das sollte er lassen. Der hat damit rein gar nichts zu tun. Wo es Gutes geben sollte, müssen es schon die Menschen beisteuern. Und die haben damit, wie „Die Reise der Verlorenen“ zeigt, wenig am Hut. Damals genau so wie heute. Und wer glaubt, dass ein „Stück“ wie dieses zu erschütternden Erkenntnissen und noblen Taten verhilft, macht sich Illusionen. Dass ein Chef keine Angestellten mehr entlassen hat, ist genau einmal auf Grund eines Theaterstücks passiert, damals, beim „Tod des Handlungsreisenden“…

Eine Vorlage wie diese, einfach nüchterne Textflächen, macht es einem Regisseur schwer, und Janusz Kica hat in einem Bühnenbild von Walter Vogelweider, das mehr oder minder ein leerer Raum mit Schiffsröhren ist, auch nicht viel damit angefangen. Die Musik von Matthias Jakisic trägt nicht annähernd so viel zu dem Abend bei, wie die Werbetrommel glaubhaft machen will.

Raphael von Bargen darf als der miese kleine Nazi Otto Schiendick zuerst als Möchtegern-Teufelchen ein bisschen „conferieren“, um dann im Geschehen verloren zu gehen. Herbert Föttinger als Kapitän, ein wackerer Deutscher mit Gewissen, hat dafür viele salbungsvolle Töne bereit. Roman Schmelzer als Aaron Pozner ist das arme, kleine jüdische Schicksal schlechthin.

Sandra Cervik ist die elegante Jüdin, Maria Köstlinger die unscheinbare, und Therese Lohner soll sogar ein bisschen (klischierten) jüdischen Witz ins Geschehen bringen. Ulrich Reinthaller steht eher funktionslos, Marcus Bluhm tragisch und nebenbei herum, Matthias Franz Stein zankt mit der Tante, für Comic Relief reicht es nicht. Peter Scholz kämpft um seine Kinder, Joseph Lorenz ist Besetzungsluxus für einen Technokraten, Michael Dangl und Martin Zauner desgleichen für wacklige Kubaner, Nikolaus Barton hat andeutungsweise fast ein Schicksal, und im übrigen stehen schrecklich viele Leute in kurzen Augenblicken auf der Bühne. Warum allerdings Marika Lichter auftauchen und „Wien, Wien, nur du allein“ ins Mikro hauchen muss – sich dafür eine Begründung auszudenken, fällt schwer.

So lässt man sich also knapp zwei pausenlose Stunden Schicksale erzählen, ohne dass sie einen erreichten – ein bisschen Oratorium, ein bisschen Schulfunk. Um den starken Premierenbeifall brauchte man sich, das versteht sich in Wien von selbst, wieder einmal keine Sorge machen.

Renate Wagner

 

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