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WIEN / Josefstadt: DIE KLEINEN FÜCHSE

15.04.2016 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Theater in der Josefstadt

WIEN / Theater in der Josefstadt: 
DIE KLEINEN FÜCHSE von Lillian Hellman
Premiere:  14. April 2016  

Nicht alle berühmten Stücke, sind auch gute Stücke – wenn sie allerdings ideologisch stimmen, landen sie dennoch immer wieder in den Spielplänen. Wie die „Kleinen Füchse“ der amerikanischen Autorin Lillian Hellman, die 1939 Premiere hatten, mit Bette Davis legendär verfilmt wurden und immer wieder herangezogen werden, wenn man knüppeldicke Kapitalismus-Kritik üben will. Dass das in einem Stück voll von Klischees geschieht, das stellenweise kaum zu erspielen ist, stört niemanden, zumal wahre „Monster“ auf der Bühne stehen, die ja offenbar etwas Faszinierendes haben.

So wie Regina Giddens, die ihren Mann hasst, die ihre Brüder hasst (schließlich haben die das Familienvermögen  geerbt und sie nicht), und die gleich zu Beginn des Stücks beschließt, etwas zu unternehmen, um ihrerseits ans große Geld zu kommen. Im Lauf der Handlung wird sie nicht nur mit allem Zynismus ihre Brüder niedermachen, sondern ihrem Mann auch ins Gesicht sagen, dass er hoffentlich bald stirbt. Gewissermaßen ist sie dann an seinem Tod beteiligt, indem sie tatenlos, ja geradezu interessiert dabei zusieht, wie er an einem Herzinfarkt stirbt, obwohl sie mühelos die rettenden Pillen hätte holen können… Dass dieser Ehemann auch kein Herzchen ist und rachsüchtig versucht hat, die Gattin doch noch klein zu kriegen… was soll’s in diesem Zusammenhang.

„Gut“ sind in diesem Stück – und sie sind es dabei so penetrant wie die Bösen böse sind – nur die Tochter, die Schwägerin „Birdie“ (die allerdings als schier unerträgliche naive Kunstfigur herumflattert) und die schwarzen Diener, die man damals noch „Nigger“ nennen durfte.

Apropos – von Lillian Hellmann wurde das Stück in das Jahr 1900 versetzt, die Verfilmung von Willliam Wyler mit Bette Davis ging in der Zeit noch ein wenig zurück, damit die Kostüme mehr an „Vom Winde verweht“ erinnerten, denn das Ganze spielt in den amerikanischen Südstaaten zu Beginn der Industrialisierung. In der Josefstadt ist man mit der Albernheit eines Bühnenbildes konfrontiert (Herbert Schäfer / Vasilis Triantafillopoulos), das wie einer der modernen Museumsbauten wirkt, nichts als riesige, stockhohe Glasfenster im Hintergrund, dazwischen ein Gestänge von Eisentreppen, die nirgendwo hin führen. Was immer das symbolisch bedeuten sollte – Menschen wohnen dort nicht.

Und auch die Kostüme wirken seltsam, denn niemand in den Südstaaten wird je einen Cowboyhut aufsetzen, die Tochter trägt schwarz, bevor der Vater noch tot ist, und die Brille eines Onkels wirkt tatsächlich historisch. Wo ist man und was soll das? Regisseur Torsten Fischer beantwortet diese Frage nicht.

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Es soll wohl wieder einmal ein Stück sein, in dem Sandra Cervik brillieren darf (und das dürfte sie dank ihrer grundsätzlichen Qualitäten natürlich auch, wenn sie nicht die Gattin des Direktors wäre). Nur die legendäre, abgrundtief böse Regina Giddens ist nicht ihr Stil. Sie nähert sich der Figur – ganz in Schwarz möchte sie wohl auch in den Bewegungen an einen gefährlichen schwarzen Panther erinnern – mit jener doch recht fernseh-primitiven Intrigantenmiene, mit der sie in den „Vorstadtweibern“ agiert. Sie bringt zwar genau das differenzierte Mienenspiel, mit dem sie ihrer klischierten Figur folgt (das böse strahlende Grinsen den feindlichen Brüdern gegenüber, das in sich zusammen fällt, wenn sie sich allein wähnt), aber die Kraft, die diese Figur braucht, hat sie wahrlich nicht.

Auch Herbert Föttinger, der es viel besser kann (man denke nur an seine herrliche Studie als Sigmund Freud in Hamptons „Eine dunkle Begierde“), kommt mit dem Ehemann nicht zu Rande, auch wenn er ihn uneitel mit geschorenem weißem Kurzhaar spielt. Und so ein Herzinfarkt-Tod… nun, wer außer Oskar Werner im „Narrenschiff“ hätte das je so gespielt, dass einem der Atem wegbleibt?

Auch ein Opfer einer unerträglichen Rolle: Martina Stilp, die so herausragend als böse Schwiegertochter in Hauptmanns „Vor Sonnenuntergang“ war, ist mit der verhuschten, typischen Südstaaten-Kleinmädchen-Verwirrung der Birdie total überfordert, das ist Theater am Rande der Lächerlichkeit.

Der Rest der Besetzung (André Pohl und Tonio Arango als böse Brüder, Matthias Franz Stein als mieser, krimineller Neffe, Roman Schmelzer, dem man sicher keinen großen Geschäftsmann glaubt, Alma Hasun als Hascherl-Tochter) tut, was er kann. Zwei schöne Farbige (Salka Weber, Oama Richson) sind auch von der Inszenierung her geradezu überzeichnet die „Guten“ gegen all die bösen Weißen. (Und will der Regisseur gar eine Beziehung zwischen der Tochter des Hauses und dem Angestellten andeuten?)

Wenn das Publikum die Moral so dick aufs Butterbrot geschmiert bekommt, dass man sich nur schlecht fühlen kann, hier nicht begeistert die „Gerechtigkeit“ zu beklatschen, dass die „Böse“ einsam zurück bleibt – na, dann muss ja applaudiert werden, wenn auch weder Stück noch Interpretation es verdient haben.

Renate Wagner

 

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