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WIEN / Josefstadt: DER WEG INS FREIE

04.06.2021 | KRITIKEN, Theater

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Alle Fotos: Theater in der Josefstadt

WIEN / Theater in der Josefstadt:
DER WEG INS FREIE von Susanne Felicitas Wolf
nach dem Roman von Arthur Schnitzler
Uraufführung
Erste Voraufführung: 3. Juni 2021

Wieder eine Roman-Dramatisierung. Aber was so oft schief gegangen ist, kann auch einmal gut gehen. So wie nun, da die Josefstadt Arthur Schnitzlers „Der Weg ins Freie“ in fast drei Stunden Spieldauer auf die Bühne bringt – die vergehen wie im Flug. Weil die Bearbeiterin begriffen hat, was der Autor sagen wollte.

Arthur Schnitzler war in der Prosa ein Meister der Skizze, der Erzählung, der Novelle. Er hat nur zwei Romane geschrieben, die beide lange unter ihrem Wert gehandelt wurden. „Der Weg ins Freie“, 1908 erschienen, ist ein außerordentliches Gesellschaftspanorama seiner Zeit und dennoch (wie auch sein zweiter Roman „Therese“) nie so gewürdigt, wie es die Werke verdienen würden.

Werner Welzig, später unter den Herausgebern der Schnitzler-Tagebücher, hat den „Weg ins Freie“ nicht einmal in seine Untersuchung über den Deutschen Roman des 20. Jahrhunderts aufgenommen. Und auch die Zeitgenossen zeigten sich nicht begeistert (mit Hugo von Hofmannsthal kam es wegen des Buchs zu einer echten Verstimmung). Man kann nur vermuten, dass das Thema damals vielen zu nahe und vielen vielleicht – peinlich war.

Denn der Wert des Buches liegt nicht in der scheinbaren Hauptgeschichte, dass Baron Georg von Wergenthin, ein Aristokrat und Künstler, die junge Musikerin Anna Rosner auch dann nicht heiraten will,  als sie sein Kind erwartet. Damit hat der Roman ein Stück Schnitzler-Biographie und Selbstkritik verarbeitet – er wusste um seine egoistischen Bindungsängste, um seine Rücksichtslosigkeit, ja, Unanständigkeit Frauen gegenüber. Er hat an sich selbst in vielen Werken („Liebelei“ zum Beispiel) kein gutes Haar gelassen. Aber die tragische Liebesgeschichte ist, wie gesagt, sekundär.

„Der Weg ins Freie“ ist ein Panorama des Wiener Judentums in der Spätzeit der Monarchie. Schnitzler hat hier – aus eigener Kenntnis, aus eigenem Wissen, aus seinem eigenen Judentum – eine so tiefschürfende Analyse liefern können wie kaum jemand sonst, einfach, weil er die Problematik von innen kannte. Und er spielte das Thema auf und ab – von jenen Juden, die ahnungsvoll ihre Zukunft in Palästina sahen, bis zu jenen, denen das damals noch unvorstellbar war (er selbst gehörte dazu), weil sie Österreich als ihre Heimat betrachteten – des ewig virulenten Antisemitismus ungeachtet. Er zeigte die kämpferischen Juden, die sich dem Sozialismus verschrieben oder Duelle erzwangen, und jene, die sich dem Katholizismus und dem Adel anbiederten. Er charakterisierte solche, die das Thema von sich wegschieben wollten, und solche (wie der Schriftsteller Heinrich Bermann, eine der Hauptfiguren), deren ganze Existenz davon überschattet wurde, die sich von der Mitwelt immer wieder auf ihr Judentum zurück geworfen sahen, stets mit deren Vorurteilen konfrontiert …

Schnitzler selbst hatte die Hoffnung, dass man seinem Roman in späteren Zeiten mehr Verständnis entgegen bringen würde, als eine verständnislose Mitwelt es getan hatte. Und kaum sind hundert und ein paar Jahre um, ist es so weit. Was die Josefstadt auch der Dramatisierung von Susanne Felicitas Wolf verdankt, ihrer Intelligenz, Sensibilität und ihrem Blick fürs Wesentliche.

Angesichts des Umfangs des Werks musste sie auf vieles verzichten, und sie tat es klug – Figuren wie Vater und Sohn Eißler, wie der Schriftsteller Nürnberger, wie die parodistisch gezeichneten Kaffeehausliteraten sind ebenso verschwunden wie Georgs Bruder (und seine Familiengeschichte), wie Anna Rosners Familie. Auch anderes fehlt (ersatzlos und ohne zu fehlen) wie die im Buch überaus ausführlich geschilderte Italienreise des Paares, die im Stück nur ein paar Worte bekommt. Es ist geholzt worden, und das richtig – obwohl man sich noch immer in einem sehr personenreichen und komplex verschlungenen Geschehen findet. Kein Wunder, wenn ein sehr interessiertes Publikum in der Pause die Besetzungsliste studierte und sich gegenseitig klar zu machen suchte, wer denn wer sei…

Die Handlung springt gleich am Anfang dorthin, wo sie sein soll, denn im Salon des Industriellen Ehrenberg spielt sich das ab, was wir heute wissen wollen. Und wenn sich das Geschehen Georg und Anna zuwendet, dann geht es bei ihm um sein egoistisches Künstlertum, das er vorschiebt, um sich aus privaten Verpflichtungen zu befreien, und bei ihr um ihr Selbstbewusstsein als Frau, jenseits der Rolle des benützten und fallen gelassenen Opfers. So ist die Geschichte voll und ganz zu uns her geholt worden.

Im übrigen hat Susanne Felicitas Wolf ihre Dramatisierung „angereichert mit persönlichen Notizen Arthur Schnitzlers und originalen politischen Zeitstimmen“, wie es auf der Josefstädter Website heißt. Die Demütigungen, die Leo Golowski als Jude beim Militär erleiden muss, werden ausführlich verbreitet (nicht im Original), und um die politische Stimmung der Epoche einzufangen (das hat dann ein wenig „Professor Bernhardi“-Hautgout), hat die Autorin den jovialen deutschnationalen Politiker Jalaudek erfunden und die Figur von Annas Bruder aufgewertet, indem sich dieser den Antisemiten anschließt (und nach und nach erkennen muss, wie schmutzig Politik ist). Es ist ein „politisch Lied’“ geworden, ein „garstig Lied“, gerade, weil es so stimmig und überzeugend ist.

In einem Bühnenbild von Karin Fritz, das den Salon der Ehrenbergs geradezu genial vom Schnürboden herab schweben lässt (der Rest der Ausstattung ist mit einigen sich drehenden Wänden weniger überzeugend), in stimmigen und eleganten Kostümen der Epoche (Eva Dessecker), hat Regisseur Janusz Kica genau das Richtige getan – bei aller offenen Dramaturgie doch kein demonstratives Lehrstück daraus gemacht, sondern eine Geschichte, in der jede Figur psychologisch richtig an ihrem Platz steht.

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Da ist Alexander Absenger glänzend in Georgs geradezu naivem Egoismus (den Schnitzler so brillant darstellt), während Alma Hasun als Anna eine Tiefe hat, die berührt. Überhaupt ist der ganze Abend durchwegs stimmig besetzt (früher hätte man „josefstädtisch“ gesagt, als das noch ein Kompliment war). Raphael von Bargen erleidet Bermanns Judenschicksal beklemmend intensiv.

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Siegfried Walther spielt den alten Juden Salomon Ehrenberg als Wirrkopf, den dennoch wunderbare Würde umwittert. Ein Glanzstück liefert Elfriede Schüsseleder als seine Frau, die so viel versteht und immer zu beschwichtigen versucht. Schlechtweg eine Idealbesetzung ist Michaela Klamminger für die schöne, kluge, vergeblich in Georg verliebte Else Ehrenberg, und auch die sperrige, kämpferische Therese Golowski kann man sich kaum überzeugender vorstellen als in Gestalt von Katharina Klar.

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Joseph Lorenz ist Joseph Lorenz und als solcher eine Kostbarkeit, wenn man sich einen „alten Juden“ (als solcher wird Dr. Stauber charakterisiert) anders vorstellt. Als sein Sohn (dem die Autorin eine Liebe zu Anna Rosner mehr oder minder angedichtet hat) beeindruckt Oliver Rosskopf. Julian Valerio Rehrl als Leo Golowski überzeugt als zorniger junger Jude, Tobias Reinthaller gibt als Demeter Stanzides einem jungen Lebemann Profil, Jakob Elsenwenger sucht als Annas Bruder seinen Weg in die Politik, und Michael Schönborn als Jalaudek ist auf schrecklich „gemütliche“ Wiener Art schon dort angekommen.

Die Josefstadt hat auf dem Umweg  über einen Roman ein Stück auf die Bühne gebracht, das uns die Wurzeln dessen zeigt, woran wir heute noch leiden.

Renate Wagner

 

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