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WIEN / Josefstadt: DER GOTT DES GEMETZELS

03.05.2018 | KRITIKEN, Theater

 
Foto: Theater in der Josefstadt

WIEN / Theater in der Josefstadt:
DER GOTT DES GEMETZELS von Yasmina Reza
Premiere: 3. Mai 2018,
besucht wurde die Generalprobe

Da „Der Gott des Gemetzels“ nach „Kunst“ das zweitbeste Theaterstück von Yasmina Reza ist (der Rest ihrer Produktion ist Gebrauchsware, der man keine besondere Haltbarkeit prophezeien möchte), hat man das Stück oft genug gesehen. Auch im Burgtheater (2008 mit Maria Happel und Roland Koch, Christiane von Poelnitz und Joachim Meyerhoff), auch im Kino (2011 von Roman Polanski verfilmt mit Jodie Foster und John C. Reilly, Kate Winslet und Christoph Waltz). Es wird bei oftmaliger Betrachtung nicht besser, eher fragwürdiger.

Denn im Grunde überzeugt nur die Exposition: Da sind zwei Ehepaare: Annette und Alain kommen zu Véronique und Michel, um darüber zu diskutieren, wie ihre Söhne sich geprügelt haben und was da nun zu tun sei. Die vier bringen sich selbst in Position, tasten die „Gegner“ ab, zeigen aber ziemlich bald ihr wahres Gesicht.

In dem Moment, wo die Handlung aus den Fugen gerät (mit den Speiborgien von Annette, dem Getue um das kaputte Kokoschka-Buch, dann mit Hilfe von Alkohol), tritt die Handlung auf der Stelle, alle haben die Sau schon rausgelassen oder tun es jetzt, und dass es mit der Zivilisationstünche nicht weit her ist, muss auch nicht wieder und wieder bewiesen werden…

Natürlich kann man mit verschiedenen Schauspielern und Regie-Intentionen Figuren, Verhaltensweisen und Handlungen anders gewichten und beleuchten, aber im Grunde bleibt es natürlich immer das Gleiche. Darum tut man sich eher schwer, der Sache in der Josefstadt das gebührende Interesse entgegen zu bringen, zumal die gesellschaftspolitischen Implikationen eher wie künstliche Draufgabe für die Karacho-Komödie wirken.

Zuerst guckt man sich den Neuzugang an und sieht in Judith Rosmair eine attraktive, intensive, auf „deutsche“ Art flotte und flapsige Darstellerin der Veronique an, die zwar lästig-gutmenschlich ist, hier aber weniger auf „intellektuell“ macht als vielmehr erotisches Interesse an dem Kotzbrocken Alain kundtut: In dieser Rolle darf Michael Dangl abräumen wie jeder, der hier dauernd das Handy ans Ohr drückt und schamlos Geschäftsgeheimnisse hinausbrüllt, weil er in seiner schmierigen Selbstgefälligkeit geradezu badet.

Apropos badet: Um die Handlung noch etwas mehr aus den Fugen geraten zu lassen, wie es bisher geschehen ist, hat Regisseur Torsten Fischer (und da gehört was dazu) eine Duschszene (!) eingebaut (die im Hintergrund des modischen Bühnenbilds von Vasilis Triantafillopoulos und Herbert Schäfer abläuft). Dangl gehört damit zu den mittlerweile schon zahlreichen Darstellern an Wiener Bühnen, deren Physiognomie man bis ins Detail kennt, weil er lange und genussvoll und natürlich splitternackt duscht. Für die Handlung bringt es nichts – vielleicht bringt es zusätzliches Publikum beiderlei Geschlechts.

Anders als sonst, aktiver, böser, weniger verschämt darüber, Klodeckel zu verkaufen, gibt Marcus Bluhm, ganz glatzköpfig und vergnügt brutal, den gar nicht netten Gatten der Gutmenschin, während Susa Meyer als Gattin des Telefonmonsters anfangs ganz gedrücktes Frauchen ist, dann aber auch gewaltig aufdreht (und einem Partnertausch nicht abgeneigt scheint).

Am Ende der Geschichte, nach knappen eineinhalb Stunden (und das ist auch mehr als genug), ist alles kaputt, alles kaputt, auch die Selbstbilder, und man hinterlässt vier Betrunkene in dumpfem Selbstmitleid. Viel Spaß weiterhin, Leute!

Renate Wagner

 

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