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WIEN / Josefstadt: DER EINSAME WEG

15.11.2018 | KRITIKEN, Theater


 Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Theater in der Josefstadt:
DER EINSAME WEG von Arthur Schnitzler
Premiere: 15. November 2018

Bühnenbilder sind wichtig und aussagestark. Erstens geben sie dem Publikum einen Hinweis, wo die Aufführung des Abends „verortet“ ist. Und zweitens kann man daraus schließen, was der/die Regisseur/in auf einer Metaebene meint. Mateja Koležnik hat im Mai vorigen Jahres Ibsens „Wildente“ an der Josefstadt inszeniert, das Stück auf ein Minimum zusammengedampft und auf eine steile Treppe gestellt, auf der sich alle Darsteller drängeln mussten – so dass das einzig Interessante des Abends darin bestand, wer zuerst ausrutschen und sich den Knöchel brechen würde… Kurz, die Regisseurin schließt ihre Figuren ein. Und weil heutzutage – wie auch bei Anna Bergmann bemerkt – bereits die zweite Garnitur ihre „Masche“ hat, war zu erwarten, dass Mateja Koležnik für Arthur Schnitzlers „Der einsame Weg“ etwas Ähnliches einfallen würde.

Bingo – Raimund Orfeo Voigt und Kathrin Kemp haben Wände gebaut. Zwei Reihen Wände, bestehend aus Türen, gelegentlich Fenstern und Wandpaneelen dazwischen. Und diese wandern, nicht zuletzt, wenn sich (angeblich!) in den fünf Akten des Stücks die Schauplätze ändern (sollten): Dann wird wieder Wand geschoben, verschoben, hin- und zurück. Das passiert auch während des Spiels. Die Darsteller treten ab und kommen anderswo wieder. Letztendlich besteht die „Inszenierung“ aus diesem bedächtig schleichenden, kreisenden Totentanz der Eingeschlossenen. Wer solch vordergründige und ziemlich billig auf der Hand liegende Symbolik als Aussage nimmt, dem liegt nicht viel an dem Stück.

Es ist eines von Arthur Schnitzlers düstersten. Handelt von vergangener und gegenwärtiger Schuld. „Egoisten“ hat der Dichter in den Mittelpunkt gestellt, in zwei Männern, die auch Künstler sind, um die also die Aura des Besonderen unabdingbar spürbar werden müsste. Auch wenn sie als Menschen in ihren Beziehungen, auf die sich keiner von ihnen je eingelassen hat, versagt haben. Das ist das Problem. Es wird von lebenden Menschen ausgetragen und nicht von den Wachsleichen, die Mateja Koležnik auf die Josefstadt-Bühne stellt, von Alan Hranitelj komplett unnatürlich gekleidet, wie Kunstfiguren, nicht zu orten. Aber jedenfalls grau / schwarz / düster. Ja, man begreift schon, wie’s gemeint ist.


Bernhard Schir, Alma Hasun

Und begreift vom Stück, wenn man es nicht kennt, gar nichts. Das liegt am Ton – da werden keine Figuren gestaltet, da wird einfach Text heruntergesprochen. Was heißt gesprochen? Geredet, und das mit der größtmöglichen Beiläufigkeit. Abgesehen davon, wie brutal gestrichen werden musste, um einen Fünfakter auf pausenlose knappe eineinhalb Stunden herunter zu bringen, hat Schnitzlers Text nicht nur alle Pointen (auch die gibt es), alle Hintergründigkeit – und nicht zuletzt alle Klarheit verloren.

Und man kann die Kenntnis des Stücks nicht voraussetzen, so oft wurde es in Wien gar nicht gespielt, in der Josefstadt seit 1980 nicht mehr. Aber das Publikum soll aus nebenbei gemurmelten Bemerkungen alle komplizierten Verstrickungen zwischen den Figuren verstehen, die sich da im Kreis drehen (es gibt sogar eine Verantwortliche für Choreographie! Matija Ferlin. Gelegentliche Geräusche werden als „Musik“ geführt: Nikolaj Efendi. Fehlende Zusammenhänge als „Dramaturgie“: Matthias Asboth…).


Alma Hasun, Marcus Bluhm, Peter Scholz 

Ganz am Ende steht die an sich schon tote Johanna als Wasserleiche mit dem Rücken zum Publikum auf der Bühne: Und wenn dann alle weg sind, dreht sie sich um und lächelt rätselhaft in den Zuschauerraum. Und das soll nun was sein? Abgesehen davon, dass es viele bewusste Akte der Zerstörung gibt wie den wunderbaren Schlusssatz, den Wegrat damit kaputt machen muss, dass er sich so umständlich den Mantel zuknöpft, dass man sich (nach dem Motto: Was soll das bedeuten?) darauf konzentriert und fast nicht mitbekommt, was er sagt…

Man hat den Eindruck, dass eine ganze Reihe an sich erstklassiger Schauspieler keine Ahnung hat, was sie tut – und an welchen Rollen sie da vorbeispielen (und das übrigens mit Kopfmikrophonen !!!! Irritierend genug, dass man sich manchmal fragt, woher der Ton kommt). Weder einem ganz normalen, wie von der Straße kommenden Bernhard Schir glaubt man den flirrenden Dichter Stefan von Sala noch dem extrem wehleidigen (nein, so ließen sich Herren dieser Gesellschaft nicht gehen) Ulrich Reinthaller den Maler Julian Fichtner. Ihre Gespräche, die so tief und essentiell sind, plätschern vorbei, als fänden sie nicht statt (das haben sie mit dem ganzen Abend gemeinsam). Was in Wegrat (Marcus Bluhm), was in Dr. Reumann (Peter Scholz), was in dem jungen Felix (Alexander Absenger) steckt, wer würde es hier ahnen?

   
Maria Köstlinger  /  Ulrich Reinthaller

Den größten Verlust fährt Maria Köstlinger ein, die nichts von der Irene Herms, von der Essenz dieser Figur bringen darf (und da muss man ihre Josefstädter Vorgängerinnen Vilma Degischer und Susanne von Almassy nennen, nicht, weil sie aus der Tragödie eines Lebens Boulevard, sondern weil sie ein großartiges, widerständiges Frauenschicksal daraus gemacht haben). Therese Lohner stirbt als Frau Wegrat im ersten Akt, mehr erlaubt man ihr nicht, und Alma Hasun legt sich auf den Boden, zieht sich bis zur Unterwäsche aus, schaut bedeutungsvoll und ist doch kein Geschöpf, das auch nur annähernd so faszinieren würde, wie es die originale Johanna tut.

Dieser Abend ist eine verschmierte, verschmutzte, konturlose Kreidezeichnung, Grau in Grau, die man am besten gleich entsorgt.

Renate Wagner

 

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