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WIEN / Josefstadt: DER BESUCH DER ALTEN DAME

19.10.2018 | KRITIKEN, Theater

 
Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Theater in der Josefstadt:
DER BESUCH DER ALTEN DAME von Friedrich Dürrenmattt
Premiere: 18. Oktober 2018,
besucht wurde die Generalprobe

Die Situation gab es schon einmal – obwohl die Wiener Bühnen doch angeblich ihre Spielpläne absprechen. Schnecken! Damals spielte die Josefstadt Schnitzlers „Das weite Land“ in einer „skelettierten“, aber interessanten Aufführung von J.E. Köpplinger. Und während die Produktion noch am Spielplan war, brachte das Burgtheater „Das weite Land“ heraus. Alvis Hermanis, der durchaus schon Schätzenswertes gezeigt hat, verrennt sich gelegentlich (wie in den Otto Wagner für Richard Wagner) – und seine Idee, Schnitzlers Stück parodistisch im Stil eines Film Noir der vierziger Jahre zu zeigen, war alles andere als sinnvoll. Damals siegte die Josefstadt.

Wenn nun Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ wieder in den Wiener Spielplänen zusammen stößt, siegt die Josefstadt erneut. Denn die Produktion, die das Burgtheater heuer im Mai von den Ruhrfestspielen Recklinghausen brachte, konnte nicht einmal von Maria Happel – oder schon gar nicht von Maria Happel, die alles andere ist als eine Claire Zachanassian – gerettet werden. Andrea Jonasson dagegen muss nur die Bühne betreten und gar nichts weiter tun – und sie ist es…

Vielleicht ist es nur die Lust der Theaterkritiker, die auch Theaterwissenschaftler sind, immer wieder Inszenierungen zu vergleichen, auszuloten, wie etwas gemacht werden kann und warum das eine nicht gut ist und das andere sehr gut. Im Grunde hat Regisseur Stephan Müller in der Josefstadt dasselbe getan wie Regisseur Frank Hoffmann für Recklinghausen/Burgtheater: Er hat dem Stück sein ganzes pompöses Outfit versagt und es auf das Wesentliche reduziert. Aber wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht dasselbe. Im Burgtheater bekommt man an Stelle der Verluste nichts geboten. Müller hingegen hat die Essenz des Stücks in eine moderne Medienwelt gestellt und dabei so völlig überzeugt, dass man sogar die permanenten Videoschirme (sonst nachgerade ein Ärgernis) hier als nötig erkennt. Dass unendlich viel gestrichen und mit zwei Fernsehreporterinnen auch eine Menge dazu gedichtet worden ist, stört nicht – denn wenn man’s gut macht, darf man alles.

Und – das Stück funktioniert, es ist keine schwelgerisch-breite Rache-Story mehr, das arme Mädel von einst kauft sich als Milliardärin den Tod des Verräters von einst, sondern kalt und klar das kapitalistische Lehrstück, das sich in der totalen Verlogenheit der Medienberichterstattung spiegelt. Da reichen die minimalen Bühnenbild-Versatz-Stücke, denn Ausstatterin Sophie Lux hat sich auch um die Videos gekümmert, die omnipräsent sind, dauernde Beobachtung, dauernder Kommentar, dauernde Verblödung der Zuschauer. Die Kostüme von Birgit Hutter sind Alltag für die Bewohner von Güllen, hingegen Glanz und Verwandlung für Claire Zachanassian – von der Society-Lady zur Todesgöttin.

Verständlich, dass Andrea Jonasson ihren immer wieder angekündigten „Rückzug“ von der Bühne (sie möge es sich noch oft überlegen!) nicht durchführt, wenn man ihr eine solche Rolle bietet. Sie ist keine vordergründig böse Eislady, sondern „cool“ in der Art, wie Teenager es bewundernd sagen – Dürrenmatts „monstre sacre“ mit nachgerade verführerischen Tönen und strahlender Souveränität. Sie gurrt mit ihrem berühmten Timbre den Abend in den Untergang. Faszinierend. Man will die Augen nicht von ihr wenden.

 

Gut wie fast noch nie, weil richtig besetzt („Anatol“ war er ja nun wirklich keiner), ist Michael König als Alfred Ill, dem schon von Anfang an der Macho-Ton fehlt, der aber, je näher es dem Ende zugeht, wenn er wirklich begreift, dass seine guten Güllener Freunde ihn sterben lassen werden, den Umriß des Opfers wirklich ergreifend vermittelt. Man darf dann per Video sehen, wie er irgendwo im Keller von seinen lieben Mitmenschen erschlagen wird – ja, so ist unsere Zeit, unsere Welt.

Unter den Honoratioren der Stadt, die den Reichtum der Milliardärin erst so verlogen, dann unverstellt gierig umtanzen, ragen Siegfried Walther als schleimiger Bürgermeister und André Pohl als Lehrer heraus, letzterer wunderbar als zutiefst verwirrte Seele angesichts des Geschehens. Johannes Seilern als Pfarrer, Alexander Strobele als Arzt und Oliver Huether als Polizist assistieren.

Von den Güllenern ist sonst nur, auch sehr reduziert (der Abend dauert mit Pause nicht viel mehr als zweieinviertel Stunden) die Familie von Alfred Ill geblieben (Elfriede Schüsseleder, Tobias Reinthaller und Gioia Osthoff können zu keinem Profil auffahren), und auch Claire Zachanassian hat ihre Entourage weitgehend eingebüßt: Lukas Spisser gibt die verschiedenen Ehemänner, und als Adlatus ist nur Markus Kofler geblieben (dessen Schicksal man auch nicht erfährt) – dieser aber ist von schönster, hintergründigster Dämonie.

Ja, und da wären noch die beiden Fernsehkommentatorinnen: Martina Stilp und Alexandra Krismer legen perfekte Parodien der immer hektischen Ladies hin, die Nicht-Ereignisse hochschaukeln, irrelevante Fragen stellen und die Realität für den Bildschirm verkleinern und verblöden. Sie machen das wirklich gut.

So wie der ganze Abend wirklich gut gemacht ist. Das Medien-Ereignis der „Alten Dame“ rund um Andrea Jonasson gibt endlich wieder einmal einen Josefstädter Abend von Intelligenz und Format.

Renate Wagner

 

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