Wien festwöchentlich: Von der Suizid-Show zu The Third Sex
(11. & 13.6.2026)

Foto: Freie Bühne Wien
Ja, in diesen Fest- und Pride-Wochen ist in Wien unterschiedlichstes zu erleben. Gleich bleibt: Das Publikum kommt zu den Kulturveranstaltungen genau so leger (oder besser: unbedarft) wie auf den Rapid-Platz. Und es kennt offensichtlich keine kritischen Bedenken und Standpunkte mehr: Großzügig wird Beifall gespendet, auch wenn die eine oder andere Performance nur als mäßig qualitätsvoll oder allzu mager an kreativer Kraft zu beurteilen sein mag. Zu erleben gibt es jedenfalls die diversesten Aufführungen. Vom Fledermaus-Frosch des neckisch trippelnden Conchita Wurst in der Volksoper über das neue Off-Broadway-Musical „The Third Sex“ mit Transpersonen in der Freien Bühne Wien bis zu der von den wohl eher hilflosen New Gods des Milo Rau gesegneten Suizid-Kultshow im Volkstheater.
„Seppuku“ (eine Spielart von Harakiri) als Festwochen-Gastspiel der Performancekünstlerin Angélica Liddell ist keine Aufforderung zum Selbstmord. Doch die spanische Darstellerin huldigt mit Worten des faschistischen Autors Yukio Mishima (1925 – 1970, „Der Held der See“) Rituale des Selbstmordes in japanischer Tradition. Ein bildhafter Abend, streng stilisiert. Liddell gibt sich in ihrem ausgeprägten Manierismus tiefgründig aus. Doch alle Texteinspielungen oder Projektionen wirken nur wie hingeworfen Schlagworte, spirituell verbrämte. Machart: Selbstmord als eine interessante Spekulation für die Bühne, wohl nicht mehr. Dazu werden viele stumme Momente ausgespielt, sind Entkleidungen, Liebesakte in aller Nacktheit, ein kleinwenig Blut und diverser Sound zur Untermalung mitzuerleben. Alles überreich an Wiederholungen und in die Länge gezogen.

Foto: Freie Bühne Wien
„The Third Sex“ in der Freien Bühne Wien ist die europäische Erstaufführung von „Third Sex: 1930’ transvestite lieder“ des jungen New Yorker Komponisten Adam J. Rineer. Basierend auf einer wahren Geschichte aus Hitler-Deutschland. In den Jahren 1930 bis 1932 erschienen in Berlin fünf Ausgaben des Journals „Das 3. Geschlecht“ mit Artikel und Fotos zum Thema Transvestitimus. Das Heft konnte sich aber wirtschaftlich nicht etablieren. Und das Verlagshaus wurde schließlich von den Nazis niedergebrannt. In einem Liederspiel mit kultiviert erzählenden Songs zeigen hier drei intensiv darstellende Transpersonen offen in der Aussage auf persönliche Sensibilitäten, auf soziale Probleme hin. Klar in der Aussage: Die Konstitutionen, die seelischen Empfindsamkeiten dieser Personen sind mit aller Sensibilität zu beurteilen, die Suche nach Menschlichkeit muss Vorrang haben.
Meinhard Rüdenauer

