Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Freie Bühne Wieden: REIGEN

27.09.2018 | KRITIKEN, Theater

WIEN / Freie Bühne Wieden:
REIGEN von Arthur Schnitzler
Eine Produktion der Sommerspiele Schloß Hunyadi
27.
September 2018

Schnitzlers „Reigen“ steht für zweierlei: Für den Mut eines Autors, der in der Welt des Fin de Siècle den Beischlaf auf die Bühne brachte – heute nicht einmal ein Achselzucken, damals ein Skandal, der auch noch in den zwanziger Jahren, als das Stück endlich auf die Bühne kam, explodierte. Und er steht für eine brillante Sozialstudie dieser Epoche, von den Tiefen der Gesellschaft (Prostitution) bis zu deren Höhen (Adel) wandelnd, verbunden durch die Allmacht von Erotik und Sex.

Darüber hinaus hat Schnitzler die Psychologie des Geschlechtsakts geschrieben, die verbal und in den Aktionen je nach Gesellschaftsschicht differenziert, aber im Grunde ein- und demselben Muster folgt: Möglichst schnell hin – und nachher möglichst schnell weg. Und das mit einer Illusionslosigkeit, die umso deutlicher ist, weil Schnitzler kein Ritual und keine Verhaltensschäbigkeit fremd ist… Ein berühmtes Meisterwerk. Gar nicht so oft gespielt. Und seit langem nicht wirklich überzeugend.

Gewiß, Gerald Szyszkowitz ist – zumal bei seinen Sommerspielen in Schloß Hunyadi in Maria Enzersdorf – ein Fan seiner eigenen Stücke, aber er ist auch ein Schnitzler-Fan. Nun ist sein sommerlicher „Reigen“ für einige Vorstellungen in die Freie Bühne Wieden gewandert. Eine Aufführung „vom Blatt“ gespielt, die Darsteller selbst räumen um, die Dirne Leocadia fungiert auch als Conferencière, die charmant die Schauplätze ankündigt. Szenische Details sind nicht so wichtig. Darstellerische schon.

Wobei man Szyszkowitz nicht vorwerfen kann, dass er stark gekürzt hat: Der „Reigen“ beginnt bei den „unteren Schichten“, wo man nicht viel Worte macht, lapidar, wird aber immer geschwätziger, je mehr sich Bürgertum und Künstler aufplustern. Das führt zu Ungleichgewicht, und wenn man Pech hat, kann der Abend auch stark über drei Stunden dauern.

Das passiert bei Szyszkowitz nicht, es sind zwei pausenlose Stunden, allerdings weint man, wenn man das Stück kennt, natürlich vielem nach, nicht nur Pointen, sondern auch fein ziselierten Erkenntnissen, kostbaren Formulieren (die entweder weg sind oder über die hinweggespielt wird). Diese Aufführung ist mehr oder minder flächig, sie bringt die Handlung, nicht die Feinheiten, auch nicht immer in ganzem Ausmaß den Humor.

Sollte man sich von den zehn Figuren, die da die Bühne bevölkern, eine aussuchen, die wirklich überzeugt, so wäre es Rudi Larsen als Soldat, der eine wirklich genuine Gestalt auf die Bühne stellt: lapidar, oberflächlich, völlig in seiner Sprache verhaftet, wenn auch nicht so brutal, wie man diesen Mann, der eine Prostituierte ebenso nebenbei benützt wie ein Stubenmädchen, das er im Prater abschleppt, auch zeichnen könnte.

Als die Dirne Leocadia eröffnet und beschließt (und, wie gesagt, erklärt die Schauplätze) Dana Proetsch das Geschehen, die in der letzten Szene, schläfrig und selbstbewusst nach getaner Arbeit, wirklich hinreißend ist.

Elis Veit als Stubenmädchen tut bei dem Soldaten, von dem sie Gefühle erwartet, so g’schamig, bietet sich dem jungen Herrn allerdings etwas zu intensiv an.

 
Wilhelm Seledec & Christina Jägersberger  (Foto: Freie Bühne Wieden)

Dieser ist in Gestalt von Pierre Gold vor allem nervös, ob es um ein Quickie mit dem hauseigenen Stubenmädchen oder um die Affäre mit der verheirateten Frau geht, als die Christina Jägersberger steifer ist, als es ihr gut tut.

Dafür changiert Wilhelm Seledec locker zwischen Gattin, die er zwischendurch wieder einmal „benützt“, und „süßem Mädel“, die in Gestalt von Stefanie Gmachl vielleicht allzu bescheiden ausfällt.

Dafür plustert sich Gerhard Rühmkorf als Dichter auf, was Michaela Ehrenstein in der Rolle der Schauspielerin auch kann. Ihr gegenüber ist der Graf von Gerhard Dorfer geradezu drollig unsicher, während er bei der Prostituierten geradezu lyrisch wird…

Schade, dass Béla Fischer an der Violine immer nur die ersten Phrasen des „Reigen“-Walzers von Oscar Straus (vom Komponisten einst für den Film von Max Ophüls geschafften) spielt: Das wirkt nach und nach etwas einförmig.

Dass man aus diesem „Reigen“ noch einiges mehr herausholen könnte, steht außer Frage. Aber das Stück ist so stark, dass es auch funktioniert, wenn man es einfach nur – spielt.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken