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WIEN / Freie Bühne Wieden: OMA ODER ALLES PALETTI

22.03.2022 | KRITIKEN, Theater

oma oder alles paletti xxx
Foto: Freie Bühne Wieden

WIEN / Freie Bühne Wieden: 
OMA ODER ALLES PALETTI von Elfriede Hammerl
Uraufführung
Premiere: 22. März 2022 

Ein neues Stück von Elfriede Hammerl in der Freien Bühne Wieden. Wer die Autorin (bzw. ihre Arbeiten) kennt, wird angesichts eines Titels wie „OMA oder Alles Paletti“ witzig-scharfzüngigen Schlagabtausch vermutet haben, der den „Alten“ ja doch ihren Platz einräumt. Aber das Stück, das man eindreiviertel Stunden kurz sieht, unterwandert alle Erwartungen auf das Erstaunlichste.

Denn es ist keine realistische Auseinandersetzung mit der Stellung der älteren und alten Frauen in unserer Gesellschaft, sondern eine Dystopie, die irgendwann in einer vielleicht gar nicht so fernen, totalitären Zukunft spielt. Da werden die Alten in „Gnadenhöfen“ zusammengepfercht, aus dem sie nur heraus dürfen, wenn sich junge Familien erbarmen und sie als Leihomas und –opas nehmen. Im übrigen dürfen sie sich der fest eingeplanten Euthanasie nur dreimal widersetzen, dann ist es aus. Damit es schneller geht, füttert man sie mit Depressionspillen…

Diese Vorgabe muss man nach und nach verstehen, wenn die titelgebende „Oma“ (nur einmal erfährt man, dass sie Dorothea heißt, und welche Art von „Naturwissenschaftlerin“ sie war, kommt nicht zur Sprache) von einer Familienmutter mit rüden Worten entlassen wird: Sie war nicht nett und freundlich genug, und ihre Kuchen haben auch niemandem geschmeckt. Jetzt steht Oma auf der Straße, und der zuständige Beamte weiß ihr nur Unfreundliches zu sagen. Das alles spielt sich in Kurz- und Kürzest-Szenen ab, deren Dialoge überraschend unwitzig, dafür umso unfreundlicher und unwirscher sind.

In der Folge spult Elfriede Hammerl einige „Verhaltensthemen“ ab: Ein junger Mann nimmt die Oma zu sich, weil sie ihn an seine echte Oma erinnert. Seine Freundin, auch mit der Verteilung der Alten beschäftigt, drängt ihm den Beamten auf, der Oma so unfreundlich behandelt hat und der mittlerweile auch in die Bedrohung der altersbedingten Aussortierung gefallen ist. Loyalität unter den Alten? Mitnichten, hier geht es nur ums eigene Überleben, auch wenn man den anderen wegdrängen muss.

Nächster Handlungsstrang: Eigentlich braucht die Gesellschaft die Jungen auch nicht mehr, denn ihre Arbeit wird von Robotern erledigt, die besser mit den Computern umgehen können als sie, also – chancenlose Jugend. Was zum nächsten Thema führt: Flucht. Mit dem Ergebnis, dass sie im anderen Land alles andere als willkommen sind.

Einigermaßen seltsam schwankt die Autorin zur Kapitalismus-Kritik: Alt kann nur werden, wer es sich leisten kann, also die Superreichen, die sich auf Inseln zurückgezogen haben. Die schätzen noch ein intelligentes Gespräch, wie es die Wissenschaftlerin zu bieten hat, die kurzfristig von der rechtlosen Oma zum geduldeten Teil der „Guten Gesellschaft“ aufsteigt, während ihr „Enkel“ und seine Freundin ausgebeutet werden, wie es Flüchtlingen eben so geht – die Reichen sind darauf gekommen, dass es lustiger ist, Echtmenschen zu quälen als Roboter-Menschen. Den Beamten haben wir schon an die tödlichen Experimente verloren, die an Menschen durchgeführt werden…

Am Ende sind Oma und die beiden Jungen wieder auf der Flucht, diesmal in einem Boot – und da macht die Autorin Schluß. Ob sie eine einsame Insel finden werden (was als Robinsonade dann vielleicht auch kein Hauptpreis ist), oder ob sie am Meer krepieren wie so viele… das sagt sie uns nicht. Alles in allem ist uns schon lange keine Autorin (und auch kein Autor) so tiefschwarz, hoffnungslos und böse gekommen wie Elfriede Hammerl in diesem Stück, das so erstaunlich der Gegenwärtigkeit des Problems ausweicht.

Eine Bitterkeit jagt die nächste, und eigentlich sind auch die Figuren, Oma inklusive, nicht gerade Anteilnahme erregende Geschöpfe. Regisseurin Michaela Ehrenstein hat es nicht leicht, die kurzen Szenen einigermaßen zu gestalten, vor allem an den jeweiligen Schlußpointen (so es sie gibt) hat sie zu wenig gearbeitet. Die meisten Szenen versickern irgendwie.

Anita Kolbert ist für Omas harsche Töne zuständig (da hätte man den bewussten Widerspruch zur „lieben Omi“ deutlicher machen können), Georg Müller-Angerer und Barbara Edinger geben das junge Paar, das in Elfriede Hammerls Zukunftsvision auch keine Chancen hat (was das Alters-Problem wieder relativiert), John Fricke kämpft um einen Opa-Platz, Alfons Noventa  und Eva Christina Binder sind die gnadenlosen Kapitalisten im Glitzerlook.

Wenn Elfriede Hammerl und wohl auch die Freie Bühne Wieden bisher eher für „Unterhaltung“ standen – hier hat sich der Wind gedreht. Das Premierenpublikum hatte sich offenbar nicht ausreichend deprimieren lassen und applaudierte heftig.

Renate Wagner

 

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