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WIEN / Freie Bühne Wieden: FREUDS LETZTE SITZUNG

24.01.2017 | KRITIKEN, Theater

Freud Stück
Foto: Freie Bühne Wieden, Rolf Bock

WIEN / Freie Bühne Wieden: 
FREUDS LETZTE SITZUNG von Mark St. Germain
Premiere: 17. Jänner 2017,
besucht wurde die Vorstellung vom 24. Jänner 2017 

„Freuds letzte Sitzung“, wie man sie nun als deutschsprachige Erstaufführung in der Freien Bühne Wieden erlebt, hat vermutlich nie stattgefunden. Dass Sigmund Freud (der Name, der in Wien natürlich die Besucher ins Theater zieht) kurz vor seinem Tod noch den englischen Schriftsteller C. S. Lewis bei sich empfangen haben soll, wird in keiner Freud-Biographie erwähnt oder bestätigt.

Vermutlich hat sich der Autor Dr. Armand M. Nicholi Jr. das so ausgedacht – und ausführlich und überzeugend genug in seinem Buch  „The Question of God“ (2010), dargestellt, dass der amerikanische Autor Mark St. Germain das Zwei-Personen-Stück „Freuds letzte Sitzung“ daraus gezimmert hat, das in den USA auch erfolgreich gespielt wurde.

Das fällt im englischsprachigen Raum leichter, weil man dort mehr mit dem Namen C. S. Lewis (*1898 in Belfast, + 1963 in Oxford) verbindet als hier, obwohl dessen Kinderbuchreihe „Die Chroniken von Narnia“ mittlerweile auch verfilmt wurde. Als Professor in Oxford zählte Lewis  zu einem „Inklings“ benannten, der Fantasy zugeneigten Literatenkreis, dem auch „der Herr der Ringe“ J. R. R. Tolkien angehörte. Und vor allem waren diese Herren streng katholisch.

Und darum geht es in diesem Gespräch in der Wohnung des alten Sigmund Freud in Maresfield Gardens, kurz vor dessen Tod am 23. September 1939, kurz nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Ein überzeugter Katholik steht einem überzeugten Agnostiker gegenüber, und da fliegen die Argumente und kochen auch (vor allem auf Freuds Seite) die Emotionen hoch. Damit das Gespräch allerdings nicht zu theoretisch wird, flicht der Autor noch viele Details vor allem aus Freuds Leben ein, da wird von beiden beim anderen „privat“ nachgehakt, fast eine kleine Analyse.

Wirklich tief kann und soll das nicht gehen, das hieße bei einem Publikum wohl zu viel voraus zu setzen, aber für Wien besteht der Unterhaltungswert des Stücks darin, den „Vater der Psychoanalyse“ auf der Bühne zu sehen, was Gerhard Dorfer in überzeugender Maske und mit einiger überzeugender Harschheit übernimmt, während ihm Felix Kurmayer als nobler Brite gegenübersteht, der sich allerdings von seinem Gottglauben und seinem Katholizismus nicht abbringen lässt.

Reinhard Hauser hat das in einem ausgesprochen noblen Bühnenbild von Erwin Bail, der Freuds Arbeitszimmer nachgestellt hat (man kann es in Wien und auch in London besichtigen), einigermaßen stringent inszeniert. Ob man in seinen persönlichen religiösen Überzeugungen an diesem Theaterabend weiterkommt, ist zu bezweifeln, aber vielleicht wird man Lust haben, mit anderen Menschen über die Gretchen-Frage „Wie hast du’s mit der Religion?“ weiter zu diskutieren.

Renate Wagner

 

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