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WIEN / Freie Bühne Wieden: DOPPELTER BODEN

13.03.2015 | KRITIKEN, Theater

Doppelter Boden_Gruppe_1.2_credit Rolf Bock xx
Foto: Rolf Bock

WIEN / Freie Bühne Wieden: 
DOPPELTER BODEN von Ernst Jürgen Dreyer
Uraufführung
Premiere: 11. März 2015,
besucht wurde die Vorstellung am 13. März 2015 

Ernst Jürgen Dreyer (1934-2011) ist kein Dramatiker, der sich in den Spielplänen durchgesetzt hätte, obwohl er in München, Kassel, Münster uraufgeführt wurde. Wenn Michaela Ehrenstein, die Direktorin der Freien  Bühne Wieden, nun sein Stück „Doppelter Boden“ von 1990 zur Uraufführung bringt, dann wohl, weil das Thema der Migranten sie überzeugt hat – wenn auch nur ein Teil der Geschichte heute noch als „gültig“ gelten dürfte.

Denn das Schicksal der „Scharinäni“, was so viel wie „Tante Sari“ bedeutet, einer Ungarin, die in einem Fast-Monolog die pausenlosen 90 Minuten beherrscht, ist historisch: Eine Frau, die in der Zwischenkriegszeit und auch noch während des Zweiten Weltkriegs (als der Anwalt-Gatte für sehr viel Geld „Juden rettete“) zur Oberschicht von Budapest gehörte, der es dann unter den Russen schlecht ging, die 1956 flüchtete und dann ein Leben mit wechselnden Gatten und Gastländern führte. Nun ist sie Wirtin in Frankfurt und hat aus ihrem bewegten Dasein Misstrauen gegen das Leben und die Menschen, besonders gegen die Männer mitgenommen. Sie hat viel zu erzählen, und Christine Renhardt tut es ohne Übertreibung, weder was ihren Akzent noch was ihre Aktionen betrifft.

Man glaubt ihr vor allem die Anteilnahme an der jungen, hochschwangeren Griechin Kalliopi, die bei ihr Kellnerin war, nun aber per El Al nicht nach Israel, sondern, wie sie beharrlich sagt, nach „Palästina“ fliegen will, um dort bei den künftigen Schwiegereltern ihr Kind zu bekommen: Nach einer Ehe mit einem Deutschen, wo sie nur unbezahlter Dienstbote war, hat der Palästinenser Hassan ihr Herz gewonnen, der allerdings erst später in die Heimat nachkommen will…

Kalliopi spricht, wie immer wieder betont wird, schlecht Deutsch, aber Darstellerin Eva-Christina Binder – als Typ der jungen Frau, die endlich lieben und vertrauen will, sehr glaubhaft – macht den Fehler, den Akzent so weit zu überdrehen, dass man sie kaum versteht. Dergleichen ist im Theater eindeutig kontraproduktiv.

Und Regisseurin Michaela Ehrenstein beschäftigt zwar ihre zwei Protagonistinnen während ihrer Monologe und Dialoge, aber sie bleibt die Auflösung des Krimis schuldig: Der Verdacht besteht (vor allem bei der misstrauischen Scharinäni), dass Hassan seine Kalliopi für einen Anschlag benützen will, aber man bekommt das nur aus dem Programmheft bestätigt, wo es heißt, man sähe die Geschichte einer schwangeren jungen Frau, „die unwissentlich von ihrem Freund mit einer Bombe in der Tasche ins Flugzeug geschickt wird“.

Nein, man sieht es nicht, der Abend bleibt die Klarheit und damit auch die traurige Pointe schuldig. (Wobei es heutzutage als politisch wohl nicht korrekt gilt, Palästinenser als potentielle Verbrecher hinzustellen – aber solche gibt es ja wohl überall.)

So bleibt an diesem Abend eigentlich nur die Scharinäni mit ihrem Emigranten- und Migranten-Schicksal, eine Frau, die gewaltig an ihrem Überleben arbeiten musste. Und davon gibt es wohl viele in dieser Welt.

Renate Wagner

 

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