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WIEN / Café Prückl: FAMILIE TRAPP

05.04.2018 | KRITIKEN, Theater

 

WIEN / Café Prückl:
FAMILIE TRAPP
# ein Chor flieht vor Hitler
Eine Produktion des Kulturvereins SABA
Premiere: 4. April 2018
besucht wurde die Generalprobe

Julie Andrews breitet strahlend die Arme aus, läuft in die Berge und singt „Edelweiß“. Damit hat sich die Trapp-Familie als einer der nachdrücklichsten Tourismus-Werbeträger für Österreich und zumal Salzburg erwiesen – bis heute fahren Amerikaner und Asiaten darauf ab. Was nicht bedeutet, dass das Musical (auch die Volksoper hat es auf dem Spielplan) mit den herumpurzelnden Kinderleins viel mit der Realität zu tun hat. Wenn Helmut Korherr nun sein Stück „Familie Trapp # ein Chor flieht vor Hitler“ vorlegt, dann ist es ein kinderloser Beitrag zum Jahr 1938 mit einem Schwenk zur Situation von Flüchtlingen…

Wir haben da also den nicht mehr jungen „Ritter von Trapp“ („Baron“ nannten ihn alle, weil man das in Österreich so macht), der 25 Jahre älter war als seine zweite Frau (mit der er immerhin noch drei zusätzliche Kinder hatte – zu den sieben aus erster Ehe, die den „Chor“ bildeten). Diese Maria war auch keine Beinahe-Nonne, wie es immer heißt, sondern einfach Lehrerin im Kloster, bevor sie als Kinderfrau zu Trapp abkommandiert worden war. Von den „Kindern“, die bis auf eines damals schon alle erwachsen waren, sieht man nur den ältesten Sohn Rupert, von Beruf Arzt. Außerdem kommen in dem ziemlich konzentrierten Stück noch der dringend benötigte Chorleiter, also Pater Wasner, eine Bankerin und eine Opernsängerin vor…

Mit Auguste Lammer beginnt es, die 1934 nicht nur ihr Bankhaus, sondern damit auch das Trapp-Vermögen versenkt hat. Das Singen betreiben die Trapps unter priesterlicher Leitung erst nur als Familienvergnügen, bis man daraus auch Geld machen musste. Lotte Lehmann persönlich gab dem zögerlichen Klein-Aristokraten angeblich den nötigen Stoß.

Dass ein Alt-Österreicher, ein Pfarrer und ein junger Arzt, der anständigerweise vor Euthanasie-Programmen zurückschreckte, in Nazi-Österreich nicht bleiben wollten, ist klar. Die erste „Flucht“ wurde ihnen durch eine Amerika-Tournee einigermaßen leicht gemacht, die zweite (nach ihrer Rückkehr – es gibt so etwas wie eine Aufenthaltserlaubnis) schwerer. In einer Szene in Ellis Island macht Korherr, der davor schon die Stimmung des immer stärker werdenden Nationalsozialismus überzeugend eingefangen hat, auch die Situation von Flüchtlingen klar: Da sitzen sie also und fragen sich – was ist, wenn man uns nicht hineinlässt? Wohin dann, denn zurück können wir nicht? (Das Beispiel einer italienischen Familie, die schon zwölfmal auf einem Schiff den Atlantik überquerte, weil sie hüben und drüben nicht sein durften, ist sicher nicht aus der Luft gegriffen…)

Da sich solche Problematik immer am besten ganz konkret und nicht per vordergründig manipulierten Fernsehberichten begreifen lässt, wendet sich das Stück, das an sich als Gedenken zu „80 Jahre 1938“ genommen werden kann, auch ganz aktuellen Fragen zu. (Was wird aus all den Schwarzafrikanern, wenn Israel sie wirklich hinauswirft, ohne klar zu stellen, wo sie hingehen können?)

Das Stück ist an sich in einfachen Szenen und mit wenigen angedeuteten Schauplätzen (Hintergrundprojektionen, eingespielte Lieder der Trapp-Familie) zu realisieren, allerdings rascheln die Dialoge oft, weil es keine echten Gesprächs sind, sondern ihre erste Funktion darin besteht, Information zu transportieren. Im Keller des Café Prückl macht das Regisseur Kurt Ockermüller (in der praktischen Ausstattung von Erwin Bail und Babsi Langbein) ganz geschickt.

Vor allem Corinna Pumm ist eine schlichte, liebenswerte, überzeugende Maria. Roman Koller spielt den ältlichen und (wie es die Rolle vorsieht) angesichts der Ereignisse verkrampften Herrn Trapp, Kurt Hexmann bewegt sich als dirigierender und organisierender Priester lebhaft und witzig auf den Spuren von Josef Meinrad (der die Rolle bekanntlich in den deutschen „Trapp“-Filmen mit Ruth Leuwerik gespielt hat), Reinhard Steiner ist ein junger Trapp, dem man den Anstand und das Gewissen glaubt, und Eva Billisich wandelt sich von der verzweifelten Bankiersfrau zur huldvollen Starsängerin.

Am Ende hat man das Gefühl, zu den Trapps mehr und Substanzielleres erfahren zu haben als bisher.

Renate Wagner

 

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