Fotos: Tommy Hetzel
WIEN / Burgtheater;
ZU EBENER ERDE UND ERSTER STOCK von Johann Nestroy
Premiere: 29. Jänner 2026
Und was soll das gewesen sein?
Johann Nestroy hat ein Stück geschrieben, das im Burgtheater nicht gespielt wird, obwohl es am Spielplan und am Programmzettel steht. „Zu ebener Erde und erster Stock“ ist eines seiner Meisterwerke, in dem er der Soziologie und der Psychologie von Reich-Sein und Arm-Sein brillant nachspürt und diese unvereinbaren Lebensformen in einem Mietshaus (ihr Reichen da oben in der Beletage, die Armen da unten im Souterrain) konfrontiert. Abgesehen von einer etwas albernen Liebesgeschichte mit einem noch alberneren Happyend durch den Deus-ex-machina-Reichtum, der da plötzlich rieselt, sind sowohl die Protagonisten auf beiden Ebenen wie auch die dazugehörigen, unvermeidlichen Dienergestalten hervorragend gezeichnet. Ein Stück wie dieses muss man einfach nur spielen.
Regisseur Bastian Kraft, dem man mit dem „Zauberberg“ zumindest einen interessanten Burgtheater-Abend verdankt, hat sich dafür (nämlich für Nestroy) gar nicht interessiert. Im Gegensatz zur Thomas-Mann-Dramatisierung, die auch stark vom Formalismus des Bühnenbilds geprägt war, ohne dass die Essenz der Handlung preisgegeben wurde, ist diesmal bei Nestroy nicht viel übrig geblieben.

Schließlich wird das Publikum in reichem Maße anderwärtig beschäftigt. Das Programmheft verzeichnet außer einem Bühnenbild (Peter Baur), dessen Substanz (unten und oben) kaum je per se zu sehen ist, und „Video“ (Jasmin Kruezi) nichts weiter. Tatsächlich müssen KI und ausgefeilte Computertechnik aufgeboten worden sein, um den Abend bildlich dermaßen ununterbrochen in Bewegung zu halten, mit grellen oder pastellen Farben zu überschütten, abstrakte Effekte und Fraktale auf die Bühne zu werfen. Über weite Strecken wirkt die Aufführung wie ein Graphic Novel, auch wie eine Comic-Show mit abenteuerlich unnatürlichen Bewegungen. Zusätzlich wird mit der Vergangenheit aus Nestroys Welt kokettiert, wenn man meint, Figuren aus dem damaligen „Papiertheater“ zu sehen oder auch Grotesk-Typen a la Hieronymus Löschenkohl. Bei solcher Optik-Überflutung bleibt keine Zeit für ein Stück. Zudem gibt es mit dreiköpfiger Band einen Überhang an Musik, folglich auch an Gesang und Tanz, womit immer wieder Musical-Charakter gegeben ist und ein Publikum, das man um Nestroy prellt, mit anderen Unterhaltungswerten gefüttert wird..
Wie sollen sich Menschen in solch permanenter Show behaupten, zumal sie von der Regie gar nicht als solche angelegt sind? Man hört ja auch nur wenig Original-Nestroy (und wenn, treffen seine Formulierungen wunderbar ins Schwarze… man hätte gerne mehr davon), vieles, sehr vieles ist einfach dazu gedichtet, zumal die Geschichte (von Nestroy meisterlich präzise zwischen oben und unten in einander gefügt) ohnedies nur als Stückwerk auf den Zuschauer zukommt, der vieles gar nicht verstehen kann, weil die dauernde Bewegung seinen Verstand verklebt.

Man könnte sich vorstellen, dass Markus Meyer ein exzellenter skrupelloser und betrügerischer Diener Johann hätte sein können, hätte er ihn in einer normalen Inszenierung ausformen dürfen. Im übrigen gibt es wieder Geschlechter-Kreuz-und-Quer-Besetzungen, die teilweise wirklich schaden – etwa wenn Damian, der Kleider-Tandler, der kraftvoll die Rolle des Proletariats vertritt, von der zarten Andrea Wenzl gespielt wird und folglich als Figur ausfällt. Und so witzig Jonas Hackmann stellenweise als Kammermädchen Fanny ist, eine autochtone Frau hätte in der Rolle nicht geschadet.,, Solche sind Maresi Riegner, eine Groteskfigur wie aus einem albernen Kinderbuch, als reiche Tochter, oder Stefanie Dvorak, die mit der „Poesie“ des Proletariats bedacht wäre und kaum zur Geltung kommt.
Jörg Ratjen bleibt als Herr von Goldfuchs so blaß wie Gunther Eckes als armer Schlucker oder Dietmar König als Hausherr Zins. Paul Basonga schlüpft nur peinlich in das Gewand von Schluckers Frau, Justus Balamohan Maier ist der arme Liebhaber, der am Ende reich wird, und im Grunde sind alle entschuldigt, weil man sie eigentlich nicht gebraucht hätte – Video-Kunstfiguren hätten es in dieser Inszenierung auch getan, die nichts weiter ist als ein Show-Tohuwabohu, das sich als reiner Selbstzweck nur um sich selbst dreht und weiter nichts zu beabsichtigen scheint. Fragt man sich ernsthaft, was das gewesen sein soll, kann man nur resümieren: eine Spielerei – und weiter nichts. In einem Couplet heißt es, man könne sich im Burgtheater ansehen, wie sie dort den Nestroy „vergurken“. Trefflich bemerkt.
Die paar entschlossenen Buhrufe für das Leading Team mag das Bachman-Burgtheater angesichts des heftigen Beifalls nicht weiter stören. Aber sie beweisen doch, dass es in Wien noch Nestroy-Kenner und -Liebhaber gibt, denen man mit so etwas nicht kommen kann.
Renate Wagner

