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WIEN / Burgtheater-Vestibül: WAISEN

08.04.2019 | KRITIKEN, Theater

 
Fotos: Burgtheater / Reinhard Werner

WIEN / Vestibül des Burgtheaters:
WAISEN von Dennis Kelly
Premiere: 4. April 2019,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 8. April 2019

Krimi, Familientragödie, politische Parabel: Der britische Autor Dennis Kelly (49) bedient in seinem Drei-Personen-Stück „Waisen“ all das und noch mehr: nämlich den Zeitgeist. Er tat es allerdings schon vor zehn Jahren, so alt ist das Werk mittlerweile. Aber weil es darum geht, dass ein Ausländer halb zu Tode geprügelt wird, ist es natürlich das Stück der Stunde. Und ist als solches im Vestibül des Burgtheaters gelandet.

Dabei ist diese sinnlose, bösartige Gewalttat nur ein Aspekt von vielen, den Kelly in seiner lapidaren Sprache anschneidet – und zu ein paar grauenvollen Effekten führt. Er ist der Dramatiker, der die Fackel von verstummten Vorgängern übernommen hat: von Sarah Kane (1971-1999), die mit „Gesäubert“ und anderem schreckliche Stücke schrieb, bevor sie sich das Leben nahm; oder von Mark Ravenhill (geb. 1966), dessen „Shoppen und Ficken“ jeder spielte, der aber seit Jahren verstummt ist; oder von David Harrower (geb. 1966), dessen „Messer in Hennen“ ein Riesenerfolg war und der nun auch schon ein Jahrzehnt nichts mehr von sich hören lässt. Dennis Kelly setzt diese Tradition der bösen, blutigen englischen Stücke fort.

Dass der fast tot geprügelte „Ausländer“ für uns jetzt der ideologische Ansatzpunkt ist, liegt an der derzeitigen politischen Stimmung hierzulande. Kelly allerdings erklärt nach und nach die Familiengeschichte. Dass zwei Kinder, Waisen, nach dem Unfalltod der Eltern zusammen geschmiedet waren, dass sich die Schwester von dem gewalttätigen Bruder eigentlich lösen wollte, es aber nicht konnte, dass sie mittlerweile zwar einigermaßen glücklich mit einem „braven Bürger“ verheiratet ist und einen fünfjährigen Sohn hat, der Bruder mit seinen brutalen Ausrastern aber immer wieder in ihr Leben einbricht. Und dass sie immer wieder bereit ist, seine Verbrechen zu vertuschen, weil die Verpflichtung „Familie“ für sie stärker ist als Moral und das Richtige zu tun…

Dafür manipuliert sie auch ihren Mann gegen seine Überzeugung dazu, den Bruder zu decken – wobei, mehr noch, dieser plötzlich selbst in Brutalität ausrastet, als er sich bereit erklärt, den halbtoten Ausländer so zu bedrohen, dass er sie nie verraten wird… Das ist die überraschendere Wendung eines Charakters, während der Bruder – ohne weitere Begründung als vielleicht die des Zu-Kurz-Gekommenen – einfach der „geborene Böse“ ist, voll Haß auf die Umwelt (auch auf den Schwager, der er beneidet) – kurz, so, wie man sich eben die Rechtsradikalen vorstellt.

Eigentlich ist es aber die Geschichte der Frau, in ihren Gefühlen zerrissen, aber dennoch entschlossen, immer für den Bruder einzustehen – wenngleich das Ende dann das Zerbrechen ihrer Loyalität ahnen lässt, aber auch das Zerbrechen ihrer Ehe, nachdem der Gatte in seine eigenen Abgründe geschaut hat (und so, wie man ihn kennen lernt, kann er damit nicht leben).

Kelly bedient sich einer Kunstsprache, die scheinbar alltäglich ist, immer wieder Sätze nicht vollendet, thematisch hektisch herumspringt, die aber doch auch einigermaßen mit Pathos und Vordergründigkeit gesättigt ist. Immerhin, im kleinen Vestibül des Burgtheaters spielt sich dergleichen gut, zumal Regisseurin Christina Gegenbauer nur selten zur symbolistischen Aktionen auffordert (dann wird die runde Spielfläche von Frank Albert, die Arena-Charakter hat, wild umkreist). Im übrigen wird versucht, die Psychologie der Personen klar zu machen – und vielleicht einen Hauch von Verständnis anzudeuten, bevor man als Zuschauer zur selbstgefälligen Verurteilung der Leute, die Kelly da zeigt, schreiten darf. Denn sie tun ja allesamt das Falsche.

Aber bei Helen weiß man, was sie warum tut, und Irina Sulaver macht das mit konsequent leisen Tönen klar, die dennoch zeigen, wie viel Härte (und Bitterkeit und schlechte Erfahrung und Verzweiflung und Angst) in ihr wohnt. Valentin Postlmayr als ihr Bruder Liam hat es leichter, er ist der unsympathische Bulle, dem man von Anfang an alles Böse zutraut und dem man kein Wort glaubt. Christoph Radakovits als Gatte Danny, der an sich anständige Bürger, hat es schwerer, aber er spielt die Schwäche, von der er durchdrungen ist, so überzeugend, dass man sich seinen Gewaltausbruch gegen den „Ausländer“ im Grunde nicht wirklich vorstellen kann…

Es sind eineinhalb gar nicht so spannende Stunden, weil die Geschichte letztendlich auf der Hand liegt. Aber man kann sie natürlich in Hinblick auf das allgegenwärtige Böse bestens vermarkten.

Renate Wagner

 

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