Fotos: Burgtheater, © Arno Declair
WIEN / Burgtheater:
UNTER TIEREN von Elfriede Jelinek
Eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen / Uraufführung
Premiere in Wien: 4. September 2026
Das Kapitalismus-Happening
Letzten Mai konnte man im Burgtheater die „Urlesung“ des Jelinek-Stücks „Unter Tieren“ im Burgtheater erleben. Man hatte gerade mit den Proben begonnen, und die Darsteller taten noch nicht viel mehr, als tatsächlich den Text herunter zu lesen, was viereinhalb pausenlose Stunden dauerte. Damals allerdings gab es weit mehr „Jelinek“ als jetzt.
Jetzt handelt es sich um die erste Burgtheater-Premiere der Spielzeit, die aus Salzburg übernommen wurde. Und dort hat sich Nicolas Stemann für die übliche „Jelinek-Textfläche“, die den Regisseuren quasi kommentarlos angeboten wird, ein überbordendes Spektakel ausgedacht, ein Happening, das auch immer wieder in den Zuschauerraum übergreift und das Publikum zum Mitsingen auffordert, wo menschenloses Virtuelles gegen Ende ausprobiert wird – und es im übrigen vor allem um Kapitalisten-Bashing geht.
Sterman begnügt sich nicht damit, Benko und Kurz als Papp-Köpfe über die Bühne tragen zu lassen, er holt auch (in einer nicht unbedingt gelungenen KI-Passage) Peter Thiel zum Interview in das Stück (angeblich zugeschaltet aus den USA…), wo dieser natürlich den erwarteten Unsinn sagt. Übrigens hat es die Trachtenkapelle (völlig sinnlos in diesem Zusammenhang, es sei denn, sie ist als Kickl-Verhöhnung gedacht) schon – viel ausführlicher – bei der Urlesung gegeben. Nun durften sie nach zweidreiviertel Stunden einmarschieren, mit dem einzigen Zweck, mit ihrem Abmarsch den künstlichen Thiel zu übertönen.
Was bei der Aufführung der Salzburger Festspiele auf der Perner Insel dort ein aktuelles Einsprengsel gewesen sein mag, ist in Wien gänzlich überflüssig – es geht darum, dass der deutsche Milliardär Wolfgang Porsche, der 2020 das Stefan-Zweig-Anwesen auf dem Kapuzinerberg erworben hat, dieses nun verkaufen will, anstatt es – wie es nach Meinung von Nicolas Stemann seine Pflicht wäre – der Stadt Salzburg zu schenken. Um zu beweisen, dass Österreich nicht „reichenfeindlich“ sei, gingen die Schauspieler mit dem Klingelbeutel durch den Zuschauerraum, um ein paar Euro zusammen zu kratzen, die man dem Milliardär überreichen will… Billiger und dümmer geht es höchstens mit dem Thiel-Auftritt, den man sich hier leistet, Agitprop in Reinkultur.

Dass man sich „Unter Tieren“ befindet, spielt bei so viel politischer Agenda geradezu eine nebensächliche Rolle. Wobei die titelgebenden „Tiere“ ja ohnedies nur ein Vorwand sind, um ein Jelinek’sches „More of the same“ zu liefern, denn ihre Überlegungen zu Geld, Banken, Kapitalismus hat man oft genug gehört und gelesen, und Neues kommt hier ja nicht dazu. Nur dass man das meiste Gesagte in der „Show“, die nun nur noch dreidreiviertel Stunden lang ist, ohnedies kaum versteht, weder akustisch noch inhaltlich, so viel Live-Musik, Lärm und „Action“ ertränken das meiste, was die Jelinek sagen möchte.
Die Tiere, denen die Autorin (scheinbar? berechnend?) ihr Interesse zuwendet, haben wenig aus ihrer Perspektive zu sagen, es berührt nur das eine oder andere, wenn das Schwein darüber reflektiert, dass es nur zum Schlachten geboren ist und in den Mägen der Menschen begraben wird, oder die Kühe um ihre Kälber weinen, die man ihnen wegnimmt, weil deren Fleisch noch teurer ist…
Sonst erhält man – auch wenn immer wieder effektvolle Tiermasken herumtanzen – von der Tierschützer-, Tierversteher-Mentalität her wenig Inhalt, die Reichen, die Banken, das böse Geld interessieren die Autorin mehr. Wollte man überhaupt wissen, was das Stück sagt, muss man wahrscheinlich zur Buchausgabe greifen.
Denn Nicolas Stemann denkt sich von Szene zu Szene mehr Jokus aus, was man von der Logistik und dem Inszenierungshandwerk her durchaus bewundern müsste, wenn es denn etwas einbrächte. So segelt man von einem Effekt zum anderen, und die Darsteller müssen sich in einem geradezu rücksichtslosen Marathon die Seele aus dem Leib spielen.

Caroline Peters (die mit ihrem Kuh-Muhen Tote erwecken könnte), Mavie Hörbiger und Azaria Dowuona-Hammond werfen unermüdlich ihre Persönlichkeiten ins Geschehen, aber eigentlich bekommt Inge Maux besondere Möglichkeiten, zuerst mit dem Monolog des Schweins und dann mit dem Sonderauftritt ihres Hündchens, das nicht nur drollig auf der Bühne herumwieselt, sondern auch flott vom Videobildschirm herab plaudert…

Thiemo Strutzenberger, Sebastian Rudolph und Branko Samarovski müssen ebenso unermüdlich in Verkleidung und Unsinn unterwegs sein. Der Regisseur spielt den Conferencier.
Das Publikum hatte die Möglichkeit, den Saal jederzeit zu verlassen und wieder zu kommen. Viele kamen nicht wieder. Viele blieben und klatschten heftig. Sie müssen etwas in dem Abend gesehen haben, das ihnen mehr erschien als leeres Entertainment. Elfriede Jelinek, die schon ihr „Burgtheater“-Stück von Milo Rau zerstört sah, könnte sich mehr von ihrem Text und weniger von sinnlosem Beiwerk wünschen.
Renate Wagner

