Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Burgtheater: THIS IS VENICE

23.02.2020 | KRITIKEN, Theater

:


Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Burgtheater.
THIS IS VENICE
(OTHELLO & DER KAUFMANN VON VENEDIG)
Nach William Shakespeare in einer Bearbeitung und neu übersetzt von Elisabeth Bronfen und Muriel Gerstner
Premiere: 22. Februar 2020

Dieses Venedig schimmert. Unaufhörlich. Silberschnüre umschließen die Bühne als stetig bewegter Vorhang, der manchmal auch in psychedelische Farben getaucht wird. Vielleicht nach dem Motto, dass das Wasser am Canal Grande ja auch nie ruhig ist… Bloß: das nervt. Und zwar sehr bald und dann sehr ausführlich. Abgesehen davon, dass es in allerkürzester Zeit als ewig gleicher Effekt langweilig wird.

Aber „This is Venice“ – oder? Na, leider nicht. Seltsam, mit welch unschuldiger Unverfrorenheit sich die Kulturwissenschafterin Elisabeth Bronfen und die Bühnenbildnerin Muriel Gerstner, die als Übersetzerinnen und „Autorinnen“ des Werks fungieren, im Interview darüber wunderten, dass noch niemand die beiden „Venedig-Stücke“ Shakespeares zusammen gekoppelt habe, so, wie sie es nun tun. Nun, weil es eben nicht zwei Venedig-Stücke sind. Von „Othello“ spielt gerade der erste Akt hier, wo er Desdemona zur allgemeinen Empörung geheiratet hat. Dann geht es schon nach Zypern, und dort bleibt die Geschichte bis zu ihrem bitteren Ende. Also, das ist keinesfalls durchgehend Venedig, und man soll das Publikum bitte nicht für blöd verkaufen, Reste von Bildung sind ja wohl noch vorhanden.

Immerhin – Venedig, die Stadt von Geld und Handel. Wo Fremde willkommen sind, wenn sie nützlich sind, Geschäfte machen, eine Flotte zur Verteidigung führen. Aber auch nur dann. Denn wenn man den Geldverleiher dabei packen kann, dass er Jude ist, und den Feldherrn, dass es sich um einen „Schwarzen“ handelt, dann sind wir bei den Außenseiter-Geschichten. Zwei Männer, die zugrunde gerichtet werden. Bloß – auch wenn man szenenweise mal dieses, mal jenes Stück nebeneinander puzzelt: So richtig passen die Stories ja nun nicht zusammen. Der Untergang der Außenseiter, der sich theoretisch als Motto benützen lässt, findet auf der Bühne nicht im Zusammenhang und auch nicht sonderlich überzeugend statt. Aber lang, dreieinhalb Stunden lang. Und immer vor Glitzervorhang (von der Übersetzerin Muriel Gerstner, als Bühnenbildnerin eng mit Sebastian Nübling verbunden).

Zuerst gewinnt man den Eindruck, als setze Regisseur Sebastian Nübling vor allem auf Stil, schicke sein Ensemble vordringlich im Stechschritt über die Drehbühne, beschwöre eine feudale Welt von gestern. Die Kostüme (Pascale Martin) wirken anfangs seltsam, aber elegant stilisiert, auch die Herren des venezianischen Adels und reichen Bürgertums in langen schwarzen Röcken, das schwingt!

Nach und nach aber löst sich sowohl die Inszenierung wie die Optik auf, wir landen in einem Fetzenkarneval mit heutigen Jumpern, viel Karnevals ChiChi (und entsprechend Nebel) – und in ein paar Brüllorgien (was ist nur aus der zarten Desdemona geworden?), mit denen man am Nachmarkt Aufsehen erregen würde. Die Geschichte von Othello (viel stärker ausgebreitet als der „Kaufmann von Venedig“) hat eine Menge neuer, brutaler Nuancen zu bieten, während Shylock am Rande bleibt und eigentlich nur lebt, wenn sein Darsteller auf der Bühne steht…

Wir müssen wieder einmal blind sein – wenn Othello, ununterbrochen als „der Schwarze“ apostrophiert, in Gestalt von Roland Koch unerschütterlich weiß dasteht und eigentlich in der Menge von Männern ohne besondere Kennzeichen untergeht. (Wir müssen auch taub sein, wenn das Burgtheater wieder Darsteller auf die Bühne schickt, deren Akzent die Verständlichkeit verdammt schwer macht.) Aber vor allem geht es den Übersetzer / Dramaturgie-Damen nicht nur ums Zeitgemäße („Ich bin ein alter weißer Mann“ und dergleichen Sprüche), sondern um die starken Frauen. Diese Desdemona (Marie-Luise Stockinger) wirkt nur zu Beginn still verliebt, sie verwandelt sich in kürzester Zeit in eine Furie – und Nüblings Inszenierung in eine Posse. Wobei Jago (in Gestalt des ziemlich farblos-stillen Norman Hacker) wenig zu dem Ganzen beiträgt, Sylvie Rohrer als seine Emilia schon eher – noch weitere tobende Wutausbrüche. Übrigens: So selbstbewusst Desdemona mit ihrem Gatten umgeht und so unsicher, ja albern er wirkt: Das Genick bricht er ihr doch.

Es sind nicht die „Othello-Szenen“, die an dem Abend am meisten beeindrucken, es ist Shylock und nur er – in Gestalt von Itay Tiran, ganz anders als der „alte Jude vom Rialto“ sonst. Jung, im grauen Maßanzug und von einer Wut beseelt, die das Theater erzittern lässt. Er, der sich immer beschimpfen lassen musste, sieht seine Chance, sich endlich an seiner Mitwelt zu rächen. (Dass er kein Messer nimmt, um Antonio das Stück Fleisch aus dem Leib zu schneiden, sondern wie ein Vampir die Zähne fletscht, wirkt allerdings lächerlich.) Er ist so stark, so selbstbewusst, so kraftvoll, dass man für den Sieg des Shylock wetten würde – und dann muss er doch erkennen, dass die Umwelt stets stärker sein wird als ein Jude. Wenn er auf allen Vieren langsam von der Bühne kriecht, weiß man, was sich an diesem Abend gelohnt hat – darstellerisch und als Gleichnis.

Der Abend hat viele Rollen, manche Doppelbesetzung begreift man nicht – wie kann Dietmar König, als Antonio gerade von Shylocks mörderischer Attacke gerettet, auf einmal eine Waffe ziehen und als Rodrigo auf Jago zugehen (das gibt dann ein ganz schönes Geballere)?. Auch andere junge Herren (Mehmet Ateşçi, Gunther Eckes) sind mal hier, mal dort, und was Stefanie Dvorak immer gerade spielt… Der Doge (Rainer Galke) ist allgegenwärtig, Markus Hering und Bardo Böhlefeld spielen auch noch mit, um die Klarheit des Geschehens hat sich die Regie nicht wirklich gekümmert.

Der Rest der „Kaufmann von Venedig“-Handlung bringt eine nicht sehr liebliche Jessica (Maresi Riegner mit ihrem charakteristischen finsteren Blick) und eine nicht sehr überzeugende Porcia (Stacyian Jackson), denn wer mit der Sprache kämpft, ist zu beschäftigt, um eine wirklich souveräne Leistung zu erbringen. Dass Porcia das Schlusswort hat und nun quasi verkündet, dass Venedig unter Frauenherrschaft steht… wenn man politisch korrekt ist, kann man offenbar machen, was man will, es wird ohnedies niemand wagen, auf die Billigkeit von dergleichen Wendungen hinzuweisen.

Es gab Beifall, jener für das Leading Team blieb nicht unwidersprochen. So wirklich überzeugt haben sie mit ihrer Othello / Shylock-Mixtur, die letztendlich wenig gebracht hat, ja nicht.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken