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WIEN / Burgtheater: SANKT FALSTAFF

Überschreiben ist lustig…

10.05.2026 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: (c)Tommy Hetzel_BURG_

WIEN / Burgtheater: 
SANKT FALSTAFF von Ewald Palmetshofer
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 9. Mai 2026 

Überschreiben ist lustig…

Die Königsdramen von William Shakespeare sind Politparabeln über brutalen Machtgewinn und Machterhalt, über gefährliche Intrigen und grenzenlose Gewaltbereitschaft. Das war möglicherweise zu Shakespeares Zeiten (die Königsdramen lagen ja schon für ihn in der Vergangenheit) auch noch der Fall. Betrachtet man die heutige Welt, können wir keineswegs von uns sagen, wie wir es „herrlich weit gebracht“ hätten, im Gegenteil. Am Ende ist es bei uns schlimmer als damals während der bluten Rosenkriege? Und darum ist zu verstehen, warum der Oberösterreicher Ewald Palmetshofer ein Königsdrama, in diesem Fall „Heinrich IV.“, wählte, um es in Richtung Gegenwart zu „überschreiben“.

Nun sind Überschreibungen die große und auch bequeme Mode an unseren Theatern (die künftige Josefstadt-Direktorin Marie Rötzer hat schon stolz verkündet, sie habe „mehrere Überschreibungen in Auftrag“ gegeben). Man wählt bekannte Stücke, deren Titel das Publikum ins Theater locken, und macht mit ihnen, was man will. Wobei Palmetshofers „Parallelaktion“ noch zu den einsichtigeren Produkten dieser Art zählt.

Bei Shakespeare verläuft das riesige, zweiteilige Drama über König Heinrich IV. auf zwei Ebenen – die eine am Hof, die andere in der Schenke, unter den „normalen“ Leuten, in deren Zentrum der legendäre Sir John Falstaff steht. Seine Beziehung zu dem jungen Prinzen Heinz ist bei Shakespare gewissermaßen eine Coming of Age-Geschichte, wo sich der Prinz aus dem Hedonismus lösen muss, um ein großer König zu werden. Bei Palmetshofer tritt Sir John, zumindest in der Wiener Inszenierung, ein wenig in den Hintergrund, die Politik durchaus in den Vordergrund.

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Wenn der König, hier als „Quasi-König“ bezeichnet (das erinnert an die US-Proteste, die Donald Trump daran erinnerten, dass er nicht wie ein König selbstherrlich agieren könne), zutiefst bedauern muss, dass er nicht ewig leben wird (was ja auch, wie man erfahren hat, Putin  und Xi tief bewegt), sucht er eine Alternative zu seinem Nichtsnutz-Sohn Heinz und findet sie in der Figur des „Hitzkopfs“ Henry Percy. Bei Palmetshofer wird er in Rivalität zu Prinz Heinz von diesem ermordet – und am Ende dichtet der Österreicher weit über Shakespeare hinweg, macht Falstaff zum Mörder von Heinz (bei ihm wird es also keinen „Henry V.“ geben) – und begeht Selbstmord. Immerhin wird er von seinem Überschreibungsautor für einen Mord, den er wohl nie begangen hätte, heilig gesprochen… hat er die Welt doch von einem kommenden Tyrannen befreit.

All das in knapp drei Stunden voll hässlicher Begebenheiten. Das Stück ist diffus und in dieser Inszenierung vielfach konfus, wobei zwischendurch dann immer wieder überdeutlich gepredigt wird, was man als politisches Credo mitzunehmen hat. Regisseurin Karin Henkel, die die Burgtheaterära von Stefan Bachmann eröffnet hat, indem sie Hamlet auf fünf Schauspieler verteilte und Ophelia mit Hilfe einer Flasche Mineralwasser ertränkte (eine sehr schlimme Erinnerung), hat auch hier wieder vieles falsch gemacht.

Man findet sich in einem Raum, der von gekrümmten Knochen eingerahmt wird, also quasi im Inneren eines Körpers, im Hintergrund baumelt kopfüber ein Totenkopf herab – wie subtil (Bühnenbild: Thilo Reuther), und auf die kluge Lösung der Münchner Uraufführung im Jänner 2025, nämlich den Hof hier, die Kneipenwelt dort genau zu trennen, hat man verzichtet. Hier stolpern sechs Schauspieler (in München waren es acht) wie verlorene Groteskfiguren im Fetzenlook (Kostüme: Teresa Vergho) herum, von Beckett entlaufen. Und vor allem konnte man – das Bachmann-Burgtheater nervt diesbezüglich – wieder einmal nicht auf die Gender-Change Gewaltsamkeit verzichten.

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Auch wenn man Birgit Minichmayr einen Bauch umhängt und ihr eine Wollmütze auf den Kopf setzt – wie soll sie auch nur annähernd Sir John Falstaff sein (der hier weniger mit dem Saufen, als mit Pissen und Fäkalisieren beschäftigt ist)? In ihrer Zweitrolle, von der man nicht recht weiß, was sie eigentlich bedeutet, muss sie in einem Frauenkleid permanent telefonieren.

Und wie soll Maria Happel, die als scharfzüngige Kneipenherrin Frau Flott natürlich ideal ist, als Groteskfigur glaubhaft machen, wie gefährlich auch Quasi-Könige sind?

Am schlimmsten hat es Bibiane Beglau getroffen. Erst als „das Hirn“, das man ebenso wie „das Mundwerk“ dem König quasi als Allegorien beigegeben hat, und dann als lächerlicher Percy, der sich dauernd in die Hose macht. Indem die Figuren dermaßen ins Groteske verzerrt werden (ohne wirklich komisch zu wirken), verlieren sie durch die Bank ihre politische Aussagekraft.

Die Herren bleiben eher am Rand – Tristan Witzel als Harri, wie Heinrichs rabiater Sohn hier heißt, Tim Werths als das „Mundwerk“ und in vielen Funktionen der klassische duckmäuserische Mitläufer, und schließlich Oliver Nägele, Percys Vater und in Frauenkleider auch Bedienung im Club der Frau Flott.

Schon bei der Uraufführung in München wurde die „Sprachgewalt“ von Ewald Palmetshofer bewundert. Wenn man genau zuhört, gibt es neben einigem Witzigen aber auch sehr viel Schaumschlägereien, Gewaltsames, Angeberisches  und Wortgeklingel, mit dem die Darsteller an diesem Abend vordringlich wie verloren über die Bühne wankten.

Renate Wagner

 

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