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WIEN / Burgtheater: MACBETH

18.05.2018 | KRITIKEN, Theater

 

 
Foto: Barbara Zeininger

WIEN / Burgtheater:
MACBETH von William Shakespeare
Fassung des Burgtheaters (!!!)
Premiere: 18. Mai 2018

Diesen Abend als Shakespeares „Macbeth“ auszugeben, wo er doch bestenfalls einige Segmente des Dramas enthält, ist kühn. Sicherlich, es ist nicht der erste Versuch, ein großes Drama auf ganz wenige Interpreten zu reduzieren – 2007 tat es Regisseurin Barbara Frey mit dem „Sturm“ (wo sich dann Maria Happel, Joachim Meyerhoff und Johann Adam Oest ziemlich vergeblich plagen durften). Wir wissen auch längst, dass es keinen Respekt vor Stücken und Autoren gibt, sondern nur noch „Material“, mit dem Regisseure nach Belieben verfahren können. „Macbeth-Material“ in 90 pausenlosen Minuten, das fällt trotz der Exzentrik, die Antú Romero Nunes seinem Abend gibt, allerdings bescheiden aus. Und vor allem unerwarteterweise so unglaublich – unspannend…

Die Bühne (Stéphane Laimé) zeigt – das Burgtheater. Eigentlich einen Gang oder Vorraum, darüber eine Balustrade. Genau die Bauweise, die man kennt, man sitzt ja mitten drin. Also „am Gang“ wird Shakespeare (?) gespielt. Das heißt, zuerst rennen massenhaft kleine Mädchen in weißen Gewändern im Hintergrund schreiend herum. Sie dürfen am Ende wiederkommen und singen. Wenn die eineinhalb Stunden vorbei sind, die da aus dem Stück in der Version von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens zusammengekocht wurden. „Fassung des Burgtheaters“. Fassung?

Zuerst drei hoch gewachsene, schlanke Darsteller als Hexen: Victoria Behr hat wohl nicht nur für die Kostüme gesorgt, sondern auch für Haarpracht und das Hautgout von Blut und Dreck, das den Abend dominiert. Für die Hexen ist es glaubhaft. Aber wenn sich dann Ole Lagerpusch in Macbeth, Christiane von Poelnitz in die Lady und Merlin Sandmeyer in die wenigen übrigen Figuren verwandeln, die in dieser Fassung existieren, bleiben sie gewissermaßen im Hexen-Look. Ein bisschen Horror-Movie. Wie zeitgemäß.


Foto Barbara Zeininger

Die Darsteller müssen in Wort und Tat grundsätzlich so überzogen ageren, dass man meint, der Regisseur habe Archaiisches im Sinn, gemischt mit Grand Guignol. Die abgründige Stilisierung zur totalen Unnatur eines letztendlich starren, einförmigen Konzepts  lässt aber die Figuren psychologisch nicht fassbar werden, das vorherrschende Blut übernimmt quasi die Interpretation, die im Grunde völlig willkürlich ist, weil keinerlei nachvollziehbaren menschlich / unmenschliche Regungen dahinter stecken. Und das Erstaunlichste daran: So wild sich der Abend gibt, so wenig fesselt er. Wie immer, wenn man in einem Stil stecken bleibt, ist die Langeweile nicht weit.

Was soll man über drei Schauspieler sagen, die sicher alles können, was man von ihnen verlangt, die hüpfen, zucken, sich verbiegen, grimassieren, heulen, grölen, kurz „Theater machen“, wie man es halt macht seit Jahr und Tag, aber keine Figuren auf die Bühne stellen, die man packen kann? Abgesehen davon bekommt man nicht einmal annähernd das Stück geboten: Nach der Hexenszene werden gewissermaßen in drei Abschnitten (mit seltsamen Texteinschüben) die Morde an König Duncan und dann an Banquo geschildert. Und wenn man bei Lady Macduff landet, deren Mann sich bekanntlich flüchtend abgesetzt hat, dann treten auch die weiß gekleideten Mädchen des Beginns wieder auf und müssen sich von Lady Macbeth (die hier gar nicht wahnsinnig wird) mit Blut beschmieren lassen. Die Kinder, es handelt sich um den Kinderchor „The Vivid Voices“, dürfen auch singen, weiß der Himmel was, eine Kapelle tritt auch auf. Ja, und dann ist es aus. Das, was von „Macbeth“ alles nicht gespielt wurde, ist mehr als das, was man andeutungsweise auf der Bühne gesehen hat.

   
Christiane von Poelnitz, Merlin Sandmeyer, Ole Lagerpusch 
Fotos:  Barbara Zeininger

Natürlich könnte man jetzt viel klugschwätzen (oder auch dummschwätzen…), was wohl die „Metaebene“ dieser Betrachtung gewesen sein könnte (denn dass es ein blutiges Stück ist, darf wohl als bekannt voraus gesetzt werden). Ja, was wollte uns der Regisseur wohl erzählen mit diesen seinen Bröckchen aus Shakespeares schottischem Stück (das ja wohl wirklich niemandem Glück zu bringen scheint – der letzte Burg-„Macbeth“ von Stephan Kimmig mit Birgit Minichmayr war ja auch ein Reinfall)? Fakt ist nur: Es war grottenlangweilig. Dass der Premierenbeifall dennoch heftig ausfiel, gehört zum Wiener Premierenritual.

Renate Wagner

 

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