Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Burgtheater: KOMPLIZEN

27.09.2021 | KRITIKEN, Theater

komplizen c ruiz cruz bühne breit~1
Fotos © Marcella Ruiz Cruz

WIEN / Burgtheater: 
KOMPLIZEN von Simon Stone
nach „Kinder der Sonne“ und „Feinde“ von Maxim Gorki
Uraufführung
Premiere: 26. September 2021 

Simon Stone, der Australier mit europäischem Background, dessen Arbeiten man in Erinnerung an seine schlechtweg brillante Produktion „Hotel Strindberg“ (2018 im Akademietheater) immer erwartungsvoll entgegenblickt, lädt diesmal zum Untergang des Bürgertums, der Intellektuellen und der Künstler ins Burgtheater ein.

Die Figuren und Grundstrukturen stammen von Maxim Gorki, der all das schon vor hundert Jahren gewusst hat, aber auf der Bühne stehen Menschen von heute, wobei die Handlung sogar in Wien spielt. Und wer sich nicht an Gorkis „Kinder der Sonne“ und „Feinde“ erinnert (letztere hat man in Wien seit Menschengedenken nicht gesehen, aber man kann Stücke ja auch lesen), für den ist „Komplizen“ von Simon Stone durchaus als Stück für sich zu nehmen. Er hätte es auch „Die Egoisten“ nennen können, denkt bei den Komplizen allerdings an die Gedankenlosen, die den Untergang einer Gesellschaft mittragen, ohne sich den Kopf darüber zu zerbrechen – bis es zu spät ist und sie selbst mitgerissen werden.

Wer die Gorki-Stücke allerdings kennt, kann dem Autor die Bewunderung nicht versagen, wie er das Werk zu uns „übersetzt“ und dabei gezeigt hat, wie vieles unverändert geblieben ist. Alle umkreisen ausschließlich ihr Ego – Paul, der Wissenschaftler (er möchte Schimmel vernichten, um große Gemälde für die Nachwelt zu retten) und Tanya, seine Frau, hier zur Schauspielerin geworden, unliebenswürdig in ihrer Ehe gefangen. Dietmar, der Künstler, hier zum Fotografen und Filmemacher geworden. Matthias, der alte Kapitalist, kommt allerdings aus dem anderen Stück („Feinde“). Melanie, die Rücksichtslose, die Paul um jeden Preis einfangen will, ob er verheiratet ist oder nicht.

Anders ist Lisa, die psychisch hoch labile Schwester von Paul, die man heute als „Gutmensch“ einstufen würde, weil sie den Blick über die eigenen Interessen hinaus wendet. Sie und die anderen haben ihre Vorbilder in den „Kindern der Sonne“, ohne ihnen sklavisch zu folgen, und aus den „Feinden“ wird das Element des „Aufstands von unten“ eingebracht. Sogar die Cholera bei Gorki findet ein Gegenstück in der aktuellen Pandemie.

Die Handlung spielt in dem „Glashaus“, das Bob Cousins als logistisches Wunder auf die Drehbühne gestellt hat, weitläufig, viele Zimmer, manches spielt sich nicht im Zentrum, sondern in Seitenräumen ab. Eine Bühnenkreation  wie diese, so eindrucksvoll und perfekt das für das Geschehen ist, hat für den Zuschauer natürlich auch seine Nachteile – viele Lampen auf der Bühne erzeugen permanentes Gegenlicht, man hört die Darsteller oft (Kopfmikrophone), ehe man sie sieht, sie können in dem Riesenraum weiß Gott wo sein.

Aber das Leben ist ja nun auch nicht übersichtlich, und Simon Stone als Regisseur seines eigenen Textes (den man nicht als Gorki-Surrogat bezeichnen will, weil es doch eine Eigenschöpfung ist) setzt hier auf Realismus, Heutigkeit, Tempo – und das bei einer Spielzeit von akkurat vier Stunden, die einem allerdings nie zu lang vorkommen.

Aus den Beziehungen der Figuren ergibt sich die Handlung rund um Menschen, die allesamt unglücklich zu sein scheinen, obwohl sie doch ein Wohlstandsleben führen. Doch nicht wirklich – abgesehen von den psychologischen Schmerzen, die hier ausgebreitet werden, geht es doch auch um das Geld, glaubt der Fabrikant, seine Belegschaft mit Härte im Griff zu haben, bis er eines Schlechteren belehrt wird,

Und nachdem im ersten Teil vor allem die privaten Beziehungen hin- und her gesponnen werden und zur Pause die randalierenden Arbeiter dabei stören, als zwei Paare gerade kreuz und quer ins Bett gehen wollen, geht es im zweiten Teil auch um den finanziellen Untergang. Zweifellos hat der Regisseur das Pärchen, das der bürgerlichen Idylle durch Aufkauf ein Ende bereitet, mit „Raschid“ und „Cleo“ zu einem Araber und einer Farbigen gemacht, um die Demütigung noch zu verstärken…

Dieser zweite Teil allerdings ufert nicht nur in unproportional viel Gebrülle und überdrehten Aktionen aus, sondern auch in einer Menge von Erklärungsmonologen, die die kritisch-politischen Anforderungen an ein solches Stück etwas vordergründig bedienen. Plötzlich sehen die meisten Figuren ein, was sie alles falsch gemacht haben, und urteilen selbstkritisch, sie seien an allem selbst schuld und es geschähe ihnen recht. Dass würde man nun nicht für unbedingt realistisch halten. Eher schon, dass am Ende alle menschlich und finanziell in der Luft hängen…

Die Besetzung mischt viele bekannte Gesichter (zweifellos war die Premiere auch darum beinahe ausverkauft) mit neuen, der Ensemble-Gesamteindruck war stark.

Michael Maertens als Paul steht im Mittelpunkt,  um ihn drehen sich auch die wichtigsten Frauen des Geschehens, denen er ein ratloser Gatte, ein ratloser Liebhaber und ein ratloser Bruder ist. Kein Wunder, dass er von Anfang an als ziemlicher Alkoholiker gezeigt wird, der alles einsieht, was man ihm sagt, aber kaum imstande ist, etwas richtig zu machen. Lilith Häßle lernt man als seine schöne, junge, wenn auch nicht eben liebenswerte Gattin Tanya kennen, die viel vom Leben verlangt und offen kritisiert, dass sie es nicht bekommt. Auch nicht von Dietmar, dem Künstler, den Roland Koch als resignierten älteren Mann spielt, der sich noch einmal verliebt – in Tanya.

komplizen c ruiz cruz mertens minichmaeyer~1

Birgit Minichmayr  ist die hier etwas rätselhafte, auch etwas gestörte Melanie (bei Gorki ist die Figur klarer gezeichnet, wenn man das anmerken darf), die als „Stalkerin“ von Paul eher im Hintergrund bleibt. Hingegen hat Mavie Hörbiger  als die idealistische und dabei so spürbar kranke Lisa die wohl beste Frauenrolle erwischt und leidet im Klein-Mädchen-Look geradezu herzzerreißend.

Safira Robens spielt eine „Reinigungskraft“, wie es politisch korrekt heißt, damit man an ihr erstens das #metoo-Problem anschneiden kann, zweitens aber auch den Ehrgeiz der Figuren am Rande zeigt, als sie freudenstrahlend verkündet, sie habe einen Platz fürs Medizinstudium erhalten. Annamária Láng  stolpert wie immer über die deutsche Sprache und kann folglich die Figur der treuen und doch so kritischen Haushälterin Anita nicht wirklich ausführen (zumal, wenn man bei einem Ausbruch dann überhaupt nur noch Gebrabbel vernimmt). Auch Stacyian Jackson bereitet (man muss sagen: wie immer) Probleme mit der schweren Verständlichkeit ihres starken Akzents, dabei ist sie eine so interessante Figur – die angebliche Freundin, die sich als coole Ausbeuterin herausstellt. Auch Bardo Böhlefeld als Gatte Raschid entpuppt sich unangenehm – bedenkt man allerdings den Hochmut, mit dem Fabrikant Matthias ihn behandelt hat, versteht man auch das Bedürfnis nach Rache: Ohne sich in einer Rolle, die durchaus zum Brambarisieren verleiten könnte, je aufzuplustern, spielt Peter Simonischek hinter der noblen Fassade all die Rücksichtslosigkeiten, die in diesem Mann stecken, mit.

Es gibt ein bisschen viele allzu überspannte Figuren in dem Stück von Simon Stone, auch Felix Rech als Psychiater Botho, der Lisa liebt, ist eine solche, bekommt aber geradezu liebenswerten Umriß. Von starker Normalität hingegen ist der von Rainer Galke verkörperte Igor gezeichnet (damit man heute als Angestellter unentbehrlich ist, muss man schon Computerfachmann sein), Dalibor Nikolic als Goran spielt den Gastarbeiter, der sich nichts gefallen lässt, aber dennoch Haltung bewahrt, und Falk Rockstroh als Jürgen ist der Mann in der Arbeiterkluft, wie von Gorki in die Gegenwart gebeamt.

Es ist ein eindrucksvolles Ensemble, ein – der Einwände ungeachtet – eindrucksvolles Stück, ein eindrucksvoller Theaterabend. Tief durchatmen und die vier Stunden auf sich nehmen. Es lohnt sich trotz des Überhangs an Belehrung am Ende.

Renate Wagner

………………………………………

  1. September 2021
    Burgtheater

Simon Stone
KOMPLIZEN
nach Kinder der Sonne und Feinde von Maxim Gork
Uraufführung 

Regie Simon Stone  
Bühne Bob Cousins 
Kostüme Aino Laberenz  
Komposition Alva Noto 
Licht Friedrich Rom  
Dramaturgie Sebastian Huber

mit

Bardo Böhlefeld              Raschid
Rainer Galke                     Igor 
Lilith Häßle                      Tanya   
Mavie Hörbiger                Lisa
Stacyian Jackson              Cleo 
Roland Koch                     Dietmar       
Annamária Láng              Anita  
Michael Maertens            Paul  
Birgit Minichmayr           Melanie      
Dalibor Nikolic                 Goran 
Felix Rech                          Botho   
Safira Robens                  Farida   
Falk Rockstroh                Jürgen   
Peter Simonischek           Mattthias

 

Diese Seite drucken