Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Burgtheater: KÖNIG UBU

Alle Kinder mitspielen!

17.10.2026 | KRITIKEN, Theater

 

03 ubu reinsperge cr(c)tommy hetzel burg~1
Fotos: (c)Tommy Hetzel

WIEN / Burgtheater: 
KÖNIG UBU von Alfred Jarry
Premiere: 16. Oktober 2026 

Alle Kinder mitspielen!

„König Ubu“ von Alfred Jarry. 130 Jahre alt und gerade in unserer so negativ konnotierten Welt, wo überall Gewalt herrscht, unglaublich nahe wirkend, ist ein so monströses, irres Stück, dass Regisseure damit machen können, was sie wollen. Das tut auch Stefan Bachmann im Burgtheater (der Direktor selbst am Werk), wenn auch nicht unbedingt in der erwarteten Form. An sich stürzt man sich meist – wehe, wenn sie losgelassen – auf die zynische, brutale Blutorgie, die das Ehepaar bei der Übernahme der polnischen Krone hinterlässt. Theater zum Schrecken, hat man des öfteren gesehen.

Stefan Bachmann liefert in einem pausenlosen, zweieinviertelstündigen Abend drei ganz verschiedene Stücke, das erste kennt man, die anderen – „Ubu Hahnrei“ und „Ubu in Ketten“ –  eher nicht. Die politische Botschaft gibt es erst am Ende, aber dann knüppeldicke.

04 ubu reinsperger wendelin(c)tom ccmy hetzel burg~1

Der erste Teil ist der unterhaltsamste und gelungenste, wenn er auch nervt. Vater und Mutter Ubu sind da nicht die bösartigen Monster, sondern gewissermaßen boshafte, verspielte, halb ekelhafte, aber auch halb lustige Kinder. Die Handlung konzentriert sich hier ganz auf die beiden, die eine Art kabarettistischen Schlagabtausch liefern, bei dem sie sich selbst (mit allerlei Kostümplunder) besonders gut zu unterhalten scheinen. Allerdings hat man es hier auch mit interaktives´m Kindertheater zu tun – und damit weicht Stefan Bachmann eigentlich dem gnadenlosen Thema der Gewaltherrschaft aus.

Die Lustigkeit beginnt schon damit, dass eine riesige gefleckte Stoffkuh in den Zuschauerraum kommt und sich gnadenlos durch eine enge Parkettreihe zwängt. Das ist der Auftritt des Ehepaars Ubu. In der Folge wird das Publikum permanent aufgefordert, mitzuschreien und zu applaudieren. Vor allem aber werden immer wieder Personen aus dem Zuschauerraum geholt, um gezwungenermaßen mitzuspielen – was keinem gut bekommt, der eine wird zum Mörder, die anderen hingerichtet oder gnadenlos gedemütigt und ausgelacht… Das könnte man ein-, zweimal machen, hier passiert es viel zu oft und geht als „Alle Kinder mitspielen“ wie im Kasperltheater schnell auf die Nerven.

Man weiß von manch anderer Gelegenheit, wie gerne siich Stefanie Reinsperger im Publikum umtut und die Zuschauer schreckt – dass bei der Premiere einer der Herren ihrer dringlichen Aufforderung der erfolgsgewohnten Zuschauer-Dompteurin, auf die Bühne zu kommen, nicht folgte, scheint sie zumindest einen Augenblick verwirrt zu haben…

03 ubu ubu tuppy maier dvorak reinsperger eckes blanck x(c)tommy hetzel burg~1

Teil zwei ist der unübersichtlichste und langweiligste  wenn das Ehepaar Ubu, der Macht beraubt, nun in einer seltsamen, von Regisseur Bachmann nicht wirklich definieren Gesellschaft landet, seltsame Gestalten in Rosa, historisierend gekleidet und fast ununterbrochen mit Tanz und Gesang befasst, dessen Inhalt man nicht versteht – und Martin Schwab schwankt als eine Figur, die „Gewissen“ genannt wird,  in einem Nacktbody herum.

Teil drei wird dann als Stakkato-Sprechstück dargeboten, eine Philosophie über bürgerliche Freiheit, die auch in der Freiheit zum absichtlich Falschen besteht. Die Ubus, die von der Macht die Nase voll haben, möchten jetzt lieber das verantwortungslose Leben von Galeerensklaven führen, aber wie die Menschen schon ticken – die Freiheit kann auch dazu führen, dass sie beschließen, sich gerne wieder von Figuren wie den Ubus unterdrücken zu lassen. Das ist nicht unwitzig, aber auch nicht wirklich tiefschürfend. Es ging Jarry wohl darum, noch zwei weitere Paraphrasen zu „Ubu“ zu liefern, das Werk, das ihn schon zu Lebzeiten auf Anhieb berühmt gemacht hat und das einzige seiner Werke, das außerhalb Frankreichs bekannt geblieben ist.

Man kennt den Hintergrund der Produktion: Joachim Meyerhoff hätte Vater Ubu, Stefanie Reinsperger Mutter Ubu spielen sollen. Als Meyerhoff absagte, wechselte Reinsperger, die sich ja vor nichts fürchtet, schnell das Geschlecht und wurde zum Vater Ubu. Als Gattin bekam sie einen Mann – Sebastian Wendelin, der als dürre, witzige Groteskfigur auf der Bühne steht, wenn er auch nicht so gefährlich wirkt, wie Mutter Ubu angelegt ist. Und auch die Reinsperger wurde von Stefan Bachmann ja letztendlich eher auf lustig als auf böse getrimmt. Die Schauspieler mögen im Interview immer wieder von Donald Trump sprechen – auf der Bühne begegnet man ihm nicht.

Dazu kommt ein Ensemble, das neben den Hauptdarstellern gewissermaßen unbedankt agiert, die unwichtige  Salatdekoration um den zentralen Hummer. Neben Martin Schwab sind das Stefanie Dvorak, Gunther Eckes,   Tilman Tuppy, Justus Balamohan Maier und Aaron Blanc.   Who is who wird da nicht unbedingt klar.

Vielleicht war es die Dreiteilung des Abends, deren Stücke auch stilistisch so brutal auseinander brachen, vielleicht war es – trotz des best gelaunten Hauptdarstellerpaares – der Mangel an echter Intensität. Von einem „König Ubu“ erwartet man mehr.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken