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WIEN / Burgtheater: JEDERMANN (RELOADED)

07.04.2018 | KRITIKEN, Theater

 
Fotos Website Burgtheater /  © Heike Blenk

WIEN / Burgtheater:
JEDERMANN (RELOADED)
Hofmannsthal / Hochmair
6.
April 2018

Die übliche Frage lautet: Wer ist der Jedermann von Hugo von Hofmannsthal? Was kann er? Harte Gewissenserforschung und christliche Beschwichtigung? Oder nur Salzburg Spektakel, Domplatz, Festspiele?

Wer immer sich dem „Jedermann“ nähert, muss wissen, was er von ihm will. Bei Philipp Hochmair – sicher einer der fähigsten, charismatischsten Schauspieler heute – ist die Antwort klar: Wieder ein wirkungsvolles Solo-Programm, wie sie ihm schon Goethe und Kafka geboten haben. Mittlerweile ist er mit „Jedermann (reloaded)“ – begleitet von der dreiköpfigen Band, die sich „Die Elektrohand Gottes“ nennt (das ist ja nicht eben kurz gegriffen) – schon landauf, landab mit diesem Programm getingelt und getourt. Hat gedauert, bis er nun im Burgtheater gelandet ist, das sehr, sehr voll war. An diesen Schauspieler knüpft man Erwartungen. Vielleicht auf eine neue Sicht der alten, mehr holprigen als geschmeidigen Verse?

Hochmair muss natürlich, wenn er die Sache auf eineinhalb pausenlose Stunden bringen will, stark kürzen (auf Gott verzichtet er ganz, und das ist sicher nicht dumm), im übrigen spielt er alle (teils total reduzierten) Rollen, nur für die Buhlschaft holt er sich Unterstützung. Ja, und die Musik, die Band – sie machen teils gruselige Geräusche, sie machen Stimmung, sie lassen den Darsteller rocken, poppen, rappen, und mit dem Auftritt der Buhlschaft geht das Gebotene ohnedies halb ins Musical über…

Bis dahin hat sich Hochmair an den gekürzten Text gehalten, den reichen Mann – auf einem Steg in den Zuschauerraum des Burgtheaters hineintänzelnd – selbstzufrieden geplaudert und die Nebenrollen gesprochen, meist ins Mikro (für jene, die „Jedermann“ nicht im kleinen Finger haben, gibt es im Hintergrund Hinweise: „Armer Nachbar“ oder „Mutter“ oder wer immer dran ist – wenn er nicht später auf eigene Zwischentitel kommt: „Abschied“).

Dieses Springen von einer Rolle zur anderen ist ein Virtuosenstück, es fokusiert eher den Schauspieler als den Text. Patricia Aulitzky gibt sich sexy, aber nicht sehr nachdrücklich als halb gesungene Buhlschaft und ist bald wieder weg.

Und dann beginnt das Problem, denn wenn Jedermann der Tod angekündigt wird, ist bei Hofmannsthal ja das fromme Passionsspiel angesagt. Hier wirkt Hochmairs Interpretation mehr und mehr wie mutwilliger Ulk. Nicht nur als Mammon, auch als sich in sein Geld flüchtender Jedermann nun von Kopf bis Fuß in Goldfusel-Boas gehüllt, glaubt man ihm von der Introspektion kein Wort. Wenn er als Glaube gar mit einem riesigen Kreuz auftaucht, das er gelegentlich wie eine Gitarre hält, schreit alles nur noch nach Parodie. Am Ende kann er Jedermanns versöhntes Eingehen in den Tod bloß mit dem Zitieren von ein paar szenischen Bemerkungen verkünden – er spielt es weder, noch macht er klar, was geschieht (weit eher macht er „Theater“ und fetzt die Musiker an, wo die Glockentöne bleiben…). Warum das Ganze also, wenn man so offensichtlich nichts damit anfangen kann und will?

Die Antwort ist leicht: Jedermann wurde reloaded, um für Philipp Hochmair eine Show abzugeben. Und weil er das natürlich formal perfekt kann, ist ihm der Jubel des Publikums sicher. Erkennt man große Schauspieler nicht daran, dass sie auch das Telefonbuch aufsagen könnten? Sie müssten sich gar keine literarischen Texte dafür hernehmen.

Renate Wagner

 

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