Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Burgtheater: GLAUBE LIEBE HOFFNUNG

29.09.2018 | KRITIKEN, Theater

 
Fotos: Burgtheater / Reinhard Werner

WIEN / Burgtheater:
GLAUBE LIEBE HOFFNUNG von Ödön von Horváth
Premiere: 29. September 2018

Horvath, Horvath, wieder Horvath. Wenige Autoren sind hierzulande so viel- und auch so abgespielt wie dieser. Nicht nur die „Greatest Hits“, sondern auch die Stücke aus der zweiten Reihe wie „Glaube Liebe Hoffnung“ aus dem Jahr 1932.

In Wien haben Schaaf (1978) und Schenk (1998) es an der Josefstadt inszeniert, Karge (1987) und Kusej (2002) am Burgtheater, Uitdehaag (2007) im Volkstheater. Und ein Gastspiel von Marthaler (2012) hat man bei den Festwochen gesehen. Er ist – nicht, dass man das so großartig fand – als einer der wenigen nicht am „Milieu“ kleben geblieben.

Denn im allgemeinen hat man ja doch versucht, mehr oder minder realistisch, mehr oder minder abstrahiert, „das arme Menschenkind“ Elisabeth in die traurige Zwischenkriegszeit zu versetzen, wo sie in einer offenen Dramaturgie von oft zusammenhanglos folgenden Szenen immer tiefer ins Elend rutscht. Und am Ende verendet, während die Mitwelt ihr zusieht. Mehr interessiert als ergriffen. So wie wir auch?

Michael Thalheimer ist kein Regisseur des Realismus. Er öffnet auf der Bühne des Burgtheaters eine total verzerrte Welt künstlicher Stilisierung. Will offenbar mit wilder, slapstickartiger Körpersprache und sprachlichem Manierismus, mit Überzeichnung, mit Pop-Musik, mit Statisten-Scharen, die rhythmisch als „Volk“ paradieren, ein Gleichnis bieten. Aber welches? Denn Horvath schuf keine Kunstwelt, so wie sie nun auf der Bühne des Burgtheaters eindreiviertel pausenlose Stunden durchrast… und im Grunde gar nichts beweist.

Von der Decke der Bühne (Olaf Altmann) hängt ein undefinierbares Gebilde (es könnte glatt ein Raumschiff sein…) zu einem einzigen Zweck: Es sendet auf den Bühnenboden einen runden Lichtspot, in dem sich die Heldin Elisabeth oft, nicht immer aufhält. Im übrigen gibt es nicht ein Stück Dekoration, kaum ein Requisit. Nur zuckende, kreisende, kreischende Darsteller, denen die Unnatur vorgegeben ist – und die nun persönliche Kunststücke unternehmen müssen, dieses Konzept zu unterwandern und vielleicht noch erahnen zu lassen, was Horvath gemeint hat: echte Menschen.

Andrea Wenzl widersetzt sich nicht, sie ist ganz das von Michael Thalheimer geformte Kunstgeschöpf, was immerhin einen erstrangigen Virtuosenakt ergibt. Anfangs (im weißen Kleidchen mit Blumenmuster, das im Lauf des Abends zerschlissen wird – Kostüme: Katrin Lea Tag) mit Kleinmädchenstimme verkündend, dass diese Elisabeth, mit der es das Leben so gnadenlos meint, sich ihre Hoffnung nicht nehmen lässt, wird sie am Ende (sie kommt naß nicht aus dem Fluß, sondern aus Regen und dem Kübel Wasser, den sie sich übergegossen hat) zu einer Art irrlichternden Ophelia. Dazwischen zuckt sie wild zu Rock-Klängen, wehrt sich tobsüchtig gegen die Zumutungen des Lebens, der gnadenlosen Gesellschaft und vor allem der Männer, resigniert, hofft, verzweifelt… kurz, sie spielt die ganze Skala wie jemand, der das kann. So wie sie. Horvaths armes Geschöpf ist sie nicht. Aber immerhin eine Leistung, die man nicht so schnell vergessen wird.

Rund um Elisabeth gibt es wenige Rollen, die sich profilieren. Die gnadenlose „Chefin“ ist dennoch zu wenig für Christiane von Poelnitz, und wenn sie auch noch so schrill loslegt, bleibt die Figur eine Wurzen. Da hat die Frau Amtsgerichtsrat mit ihrer Mischung aus Anteilnahme und Sensationslust mehr zu vermelden, und Alexandra Henkel nützt dies. Peter Matić tapst an ihrer Seite einher – das ist Ensemblegeist.

Zwei Figuren profilieren sich noch – der Präparator, den Falk Rockstroh virtuos zappelt, ohne die verdächtige Vielschichtigkeit dieses Mannes auszuloten (wie auch in diesem Rahmen?), und der „Schupo“, der es sich auch schnell überlegt, seine Zukunft an eine Verliererin zu hängen: Merlin Sandmeyer stellt seinen originellen Typ aus, kein Schicksal. Die anderen treten auf und treten ab und starren am Ende auf die sterbende Elisabeth.

Zwischendurch sind ein paar Mal (aber nicht konsequent genug, um für eine Aussage zu reichen) Statistenmassen marschiert: Aber wenn es bedeuten sollte, Elisabeth in die ähnlichen, gleichen Schicksale von zahllosen anderen einzubetten, liegt es ideologisch schief. Denn so richtig hat man die politische Aussage, die politische Anklage, kurz die Aktualität an diesem Abend nicht bemerkt. Weit eher war es ein Regiekunststück, das, wie so oft heutzutage, sich selbst befriedigend ins Leere zielt…

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken