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WIEN / Burgtheater: FAUST

28.09.2019 | KRITIKEN, Theater


Fotos: Burgtheater / Matthias Horn

WIEN / Burgtheater:
FAUST von Johann Wolfgang Goethe
Eine Produktion des Residenztheaters München
Wiener Premiere: 27. September 2019

Wie hält man es mit Goethes „Faust“? Das ist wohl die Gretchenfrage für Regisseure von heute. Peter Stein hat zwei Tage gebraucht, um dem Monsterwerk der beiden Teile gerecht zu werden. Martin Kusej schafft schlicht und einfach „Faust“ in drei Stunden, allerdings ist es nicht der „Faust“, den man kennt. Und wenn man ihn nicht kennt – ja, dann wird man sich mit diesem Abend verdammt schwer tun. Denn dramaturgisch ist er schlicht und einfach „Goethe-Material“, geschüttelt und gerührt. Angela Obst und Albert Ostermaier (als Autor immerhin Goethe-Kollege) haben dieses Stückwerk-Mosaik gebastelt. Und da fehlt von „Habe nun, ach…“ bis „Verweile doch“ an Essentiellem gewaltig viel…

Mit dem Effekt, dass Kusejs Konzept schon von der Fassung her schwer bis gar nicht zu interpretieren ist. Sein Faust düst auf düsterer Bühne durch ein düsteres Schicksal. Hat keine Studierstube, nur eine Waschmuschel. Lebt in einer Welt, die aus Stahl besteht, aus Wellblech, Gittern, Treppe, auch ein Kran. Sehr heutig, sehr bedrohlich, aber darum geht es ja auch. Aleksandar Denić hat diesen eisernen Koloß auf die Drehbühne gestellt.

Wer ist Faust? Der Mann ist zu Beginn einfach schlecht gelaunt, weiß nichts mit sich anzufangen. Stolpert herum, und weil die Fassung es so will, begegnen ihm gleich am Anfang Philemon und Baucis, während er am Ende kurz reflektiert, was er ihnen angetan hat („Faust II“ ist an dem Abend eher minimal vertreten, nur dort, wo es um brutale Gewalt geht). Von einem stocksteifen Osterspaziergang ist man in Sekunden in Auerbachs Keller bei Techno-Musik. Ja, und die Pyrotechnik, die gehört dazu. Nicht oft, aber mehr als auf unseren Bühnen üblich,  gibt es Feuersbrünste und Lichtexplosionen, aber die verstören dann die Augen und das Gemüt.

Dass die Geschichte von Faust bei Martin Kusej auf Verstörung angelegt ist – daran kann es kein Zweifel geben. Sex spielt eine große Rolle (wenn Mephisto mit Marthe Stellungen probiert und er ihr mit dem Kopf unter den Rock fährt, wird auch der aufgeklärteste Betrachter kurz schlucken). Worauf läuft das hinaus? Liebe, Menschenglück? Nein, Faust nimmt sich nicht viel Mühe, Gretchen zu retten. Er gesellt sich willig zu Mephisto. Damit die beiden mit finalem Blick ins Publikum unisono feststellen, dass das Ganze eigentlich nicht viel gebracht hat. Nihilismus pur.

In Berlin, Hamburg und München mag man schon genug von Bibiana Beglau gesehen haben, um nicht mehr überrascht zu sein, für Wien ist sie noch immer ein schockierendes Theaterwunder, deren Mephisto weit über ihre Martha in Albees „Virginia Woolf“ hinausgeht. Ihr Exhibitionismus ist grenzenlos, die Verbiegungen ihres Körpers und ihrer Sprache (ob Tonhöhe, ob Brechen der Stimme, ob Ausdruck, ob schriller Effekt) sind ebenso verblüffend wie die Bereitwilligkeit zu jeder Obszönität. Wenn Mephisto als „Spottgeburt aus Dreck und Feuer“ bezeichnet wird, erinnert man sich nicht, dass je ein anderer Darsteller dieser Charakteristik so nahe gekommen wäre…

Werner Wölbern hat als Faust etwas – Durchschnittliches. Der große Intellektuelle, der zwischen Wissenschaft und Magie gefangen ist und nach dem wahren Leben lechzt, ist er nicht gerade, zumindest nicht nach dem deutschen Klischee. Aber gierig ist er, alles will er haben, und unangenehm ist er auch. Gretchen belästigt er auf den ersten Blick mit einem feuchten Kuss. Eklig. Und gerade darum ein sehr heutiger Typ. Deutsche Klassik? Schnecken. Schmierige Gegenwart.

Einzig Andrea Wenzl könnte – obwohl sie fast so weit gehen muss wie einst die Affolter als nacktes Gretchen bei Peymann – in einer „normalen“ Inszenierung das Gretchen sein. Rudimentär angelegt (was da gestrichen ist…), herb, aber ernsthaft, verliebt, traurig. Sie bekommt übrigens eine Mutter: Barbara Petritsch, die man zu Beginn als Baucis gesehen hat, übernimmt die Schimpftirade des Lieschens und bekommt darauf den Todestrank kredenzt, dann wettert sie noch als böser Geist. An ihrer Leiche wird Gretchens Flehen an die Schmerzensreiche zu fassungslosem Gestammel…

Sonst ist es nur noch Alexandra Henkel als blond gefärbte Frau Marthe im Mini-Rock, die durch ihre Bereitwilligkeit auffällt, ununterbrochen zügellosen Sex zu haben. Der Rest der Rollen zeigt kaum Profil, wenig der Wagner des Jörg Lichtenstein, fast keines der Valentin des Daniel Jesch. Ein großes Ensemble ist als Volk (Soldaten, Hexen als Huren, was immer) mannigfaltig beschäftigt. Auch sie alle tragen in den Allerweltskostümen von Heidi Hackl das Heute in Goethes Werk.

Wie faß ich Dich, unendliches Stück? War es nun wirklich der „Faust“ von „von Goethe“ (das Programmheft und der Theaterzettel verweigern ihm dieses „von“), oder war es nur Kusejs dunkler Blick, der sich wieder einmal eine Höllenfahrt ausgedacht hat, wild durch Textpassagen bretternd? Nun, wenn man wissen will, „wie Faust wirklich geht“, man kann das Werk ja auch lesen. Ganz sicher: Es lohnt sich.

Renate Wagner

 

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