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WIEN / Burgtheater: DIE KRÖNUNG RICHARDS III.

13.03.2014 | Allgemein, Theater

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Sophie Rois / Martin Wuttke   (Fotos: Barbara Zeininger)

WIEN / Burgtheater:
DIE KRÖNUNG RICHARDS III. von Hans Henny Jahnn
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 12. März 2014

Es war der letzte Burgtheater-Abend, in dessen Programmheft man im Impressum lesen kann: „Direktion Matthias Hartmann“. Das war wohl schon gedruckt, als zwei Tage vor der Premiere das „Aus“ für den Mann schlug, über den an diesem Abend überraschend wenig gesprochen wurde. Denn nach dem grausamen „Der König ist tot, es lebe der König“-Motto hat man weit eher diskutiert, wer wohl der nächste sein würde, und ein Mime, der so selbstbewusst einzog wie Klaus Maria Brandauer, um dessen Direktoren-Ambitionen man weiß, könnte sich am Ende sogar eine Chance ausrechnen…

Im übrigen gab es das, was die Ära Hartmann ausgezeichnet hatte: Er selbst inszenierte in der Regel ausgezeichnet, mit großen Schauspielern und nahe an den Stücken, kein Zerstörer und kein Angeber, kurz publikumsfreundlich. Aber er lud alle ein, die Ärger machen konnten – ein guter Trick, als moderner, aufgeschlossener Direktor zu gelten, ohne sich selbst den Pelz nass zu machen.

Frank Castorf war in den bisherigen vier Spielzeiten Hartmanns noch nicht an der Reihe gewesen – nun mit seiner Produktion mitten in den eskalierenden Ereignissen rund um den Direktor gelandet, leistete er vollmundige Schützenhilfe, indem er meinte, der Staat sollte nur zahlen. Nun, möglicherweise ist Castorf bald der einzige, der – eine Hand wäscht die andere – Hartmann noch eine Regie anbieten würde, obwohl dessen Stil für die Berliner Volksbühne wohl höchst ungeeignet ist. So wie jener von Castorf für Wien. Auch wenn er – die Überraschung war gewaltig – tatsächlich einmal (vermutlich erstmals seit Jahren) ohne seine nervigen Video-Spielereien inszeniert hat. Es machte den Abend nicht besser.

Die Inszenierungen von Frank Castorf zu „lesen“ und zu verstehen, ist eine Wissenschaft für sich und nicht jedem gegeben. Vor allem nicht für Leute, die seine Arbeiten für hochgradig einförmig, geschmäcklerisch und gänzlich willkürlich halten. Immerhin hat Castorf in dem von den Theatern gnadenlos vergessenen Hans Henny Jahnn (1894 – 1959) einen Bruder im Geist gefunden, liest man doch dessen Zitat im Programmheft: Ich rechne mich „zu diesen unmenschlichen Bestien, die überall opponieren aus Widerspruchsgeist und da selig werden, wo anderen Ekel ankommt.“

 Richard 3 Kastration 
Au, das schmerzt…  (Foto: Barbara Zeininger)

Ja, danke, Ekel reichlich – bald zu Beginn eine Kastrationsszene, Markus Meyer wurde frontal zum Publikum zumindest ein Stück von seinem besten Stück (wohl nicht vom echten, ist zu hoffen) abgeschnitten, Blut spritzt. Die Königin des  Stücks hat kannibalische Gelüste und sieht eigentlich nicht ein, warum sie nicht kleine Buben verspeisen darf, wobei sie genüsslich schildert, was besonders gut schmeckt. Ein Loch in der Burg im ersten Stock ist dazu bestimmt, na ja, eben dazu – und wer sich freiwillig darunter stellt, für den bekommt der metaphorische Ausdruck „auf den Kopf scheißen“ eine ganz reale Dimension. (Bißl sehr grauslich anzusehen, wenn’s auch hoffentlich, hoffentlich nur Schokolade ist, die da runter geklatscht wird.) Die Königin darf ausdrucksvoll spielen, dass ihr schlecht ist und es vorne und hinten losgeht, auch andere speiben nachdrücklich, und auf die Bühne zu „pieseln“, wie es hier heißt – na, das hat man uns ja schon in Andrea Breths „Minna von Barnhelm“ (und anderswo auch) vorgemacht. Ach ja, und eine unschön ausgespielte Folterszene, eine Art Water-Boarding, gibt es auch, der ein Publikum von heute völlig gelassen zusieht… „Wo anderen Ekel ankommt“ – also, das ist auf jeden Fall geschafft.

Hans Henny Jahnn schrieb „Die Krönung Richards III.“ als eines seiner frühen Stücke und er war anarchisch genug in seinem Denken, um Shakespeares „bösen“ König gar nicht so schlimm zu finden. Aber jedenfalls hat er, mit allen Ingredienzien der „Grauslichkeit“, zumindest ein „richtiges“ Stück geschrieben, und dergleichen sieht man bei Castorf ja nie. Er schafft es tatsächlich, dass man die längste Zeit gespannt auf die Bühne blickt und nur „Bahnhof“ versteht, weil man nicht begreift, was das Gezeigte eigentlich soll – von allerlei absichtlichen, ach so lustigen Ausrutschern ins Private mal abgesehen (die Schauspieler reden sich zwischendurch mit ihren privaten Namen an, fragen den Souffleur laut, wie’s weiter geht, verkünden, dass sie sich nun in die Kantine verziehen werden und desgleichen).

Jedenfalls hat Castorf – auf einer dauernd rotierenden Drehbühne mit einer Art Burgen-Konstruktion (Bert Neumann) – mit Sicherheit kein erkennbares Stück über Richard III. inszeniert, sondern nur sein übliches exzentrisches Chaos entfesselt, in allgemeinem Herumgebrülle, die Darsteller (außer den Hauptfiguren) großteils mit Kopfmasken, so dass man sie gar nicht erkennt, und im übrigen mit einem gewaltigen Show-Anteil, den man gut und gern als „Afrika, Afrika“ bezeichnen kann oder auch, wenn man will, vielleicht als Hommage an Schlingensief…

Wenn man etwas von Hans Henny Jahnn, dem Vergessenen, weiß, so dass er eine „schwarze“ Medea geschrieben hat, deren Außenseitertum durch ihre Hautfarbe definierend, und die Rassenfrage war für Jahnn virulent. Castorf räumt ihr an diesem Abend einen nervtötend hohen Anteil ein durch vier schwarzafrikanische (? sagt man so?) Darsteller, die Suaheli (?) sprechen und mit Ausnahme einer der beiden Damen so miserabel Deutsch, dass man sie kaum versteht. (Da aber die „Sprechkultur“ – was ist das? – sich an diesem Abend ohnedies unter der Toleranzskala bewegt, ist es eigentlich egal.) Da ist dann unendlich viel von Revolution die Rede, der Darsteller des Richard lässt alle Hüllen fallen (gibt es das gute, alte Schamgefühl eigentlich gar nicht mehr, dass man seine Genitalien nicht öffentlich ausstellt?), um mit der schwarzen Dame doch so etwas wie „Rassenschande“ zu betreiben, sagt er ihr doch, Sklaverei gehöre selbstverständlich zum Leben…

Nichts, was man an diesem Abend auf der Bühne sieht, ist als sinnvoll zu erkennen, ergibt ein Stück mit einer Handlung, mit Figuren, mit Problematik. Es ist Wahnsinn, aber anders als bei Shakespeare hat er keine Methode. Castorf gelingt mit seiner Anarchie wieder nur eines: Einem normal empfindenden Menschen (es gibt noch ein paar) schlechtweg Qualen zu bereiten.

Martin Wuttke trägt eine so riesige schwarze Langhaarperücke, dass eine seiner Hauptbeschäftigungen an diesem Abend darin besteht, sich die Haare immer wieder aus dem Gesicht zu streichen. Wenn er nichts ist als Castorfs Erfüllungsgehilfe, versinkt er im allgemeinen Chaos. Wenn er sich manchmal daraus erhebt, könnte man ahnen, was für ein guter Richard das wäre – sogar für Shakespeare, sicher auch für Jahnn.

So ein Jammer, dass man Sophie Rois nur zu Gesicht bekommt, wenn sie in Castorfs Schlepptau ansegelt, aber die beiden sind halt Kinder eines mutwilligen, provokanten Geistes: Wie die Rois mit ihrer rauchig-rauen Stimme, die immer wieder quietschend umbrechen kann, das Publikum geradezu foltert, wenn sie die menschenfleisch-lüsterne Königin spielt, so ist das so brillant wie widerlich, und beides soll es ja sein. Wenn sie am Ende dann in einer ganz anderen Rolle wiederkommt, als Page, der vom Herzog von Buckingham lüstern begehrt wird, schlägt sie auch akustisch ganz andere Töne an, ist ein andere Mensch – na, eine große  Schauspielerin eben.

Die anderen Darsteller sind meist hinter Masken versteckt, und besonders interessant sind sie auch nicht, selbst Ignaz Kirchner mit seinem Auftritt als Narr oder Fabian Krüger, an seiner Schlaksigkeit soll man ihn erkennen (gegen Ende dürfen einige Herrschaften sogar ihre Gesichter zeigen), geben wenig her, dafür darf Markus Meyer bei seiner Kastration und auch später so herumbrüllen, dass man ihn nicht übersehen und überhören kann. Sie und ihre Mitstreiter sind jedenfalls im Dienste Castorfs nur Funktionen zwecks Füllen der Bühne, austauschbar, in ihren Individualitäten nicht vorhanden.

Der Abend dauerte 6 Stunden und 5 Minuten, d.h., die Premiere endete bei einem Beginn um 18 Uhr kurz nach Mitternacht. Irgendwann zwischendurch hatte das Ensemble (nicht „warum“ fragen!) „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“ gesungen, offenbar ein Schwanengesang auf Direktor Matthias Hartmann. In das Grab seiner Verfehlungen als Burg-Herr kann man zu schlechter letzt noch diese Produktion dazu werfen. Immerhin – nicht ein winziger Protest wurde hörbar. Was sagt uns das?

Renate Wagner

 

 

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