Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Burgtheater: DIE ÄRZTIN

12.01.2022 | KRITIKEN, Theater

die Ärztin c ruiz cruz szene~1
Fotos: Burtgheater / Mrcella Ruiz Cruz

WIEN / Burgtheater: 
DIE ÄRZTIN von Robert Icke
Sehr frei nach „Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler 
Premiere: 7. Jänner 2022,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 11. Jänner 2022 

„Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler durfte in Österreich erst 1918, nach dem Ende der Monarchie, gespielt werden. Zu punktgenau hatte der Dichter die Verhältnisse der Zeit getroffen, dass die damalige Zensur nicht ruhig zusehen konnte. Wie ein an sich kleiner Vorfall, über den man auch hätte hinweggehen können, zu einem Anlaß instrumentalisiert wurde, um zur Hatz auf die Juden zu blasen – das ist das österreichische Antisemitismus-Stück schlechthin.

Es hat sich über die Zeiten gehalten, wird hierzulande immer noch bejubelt, selbst wenn es hier keine Juden mehr gibt, die man aus führenden Posten verdrängen könnte und wollte. Aber es zeigt, wie schmutzig hierzulande „Politik“ gemacht wird, und daran hat sich nichts geändert…

Das erfordert allerdings ein gewisses Verständnis für die Zustände hierzulande, und die kann man von Ausländern schwer erwarten. Also hat der britische Theatermacher Robert Icke eine der derzeit schon so üblichen Überschreibungen geliefert, dass die wienerische Frage „Darf er denn das?“ gar nicht mehr aufkommt. Was so oft gemacht wird (Simon Stone zuletzt mit Gorki, auch im Burgtheater), ist schon die Regel.

„The Doctor“, wie das Stück im Englischen heißt, ist auf Deutsch zu „Die Ärztin“ geworden, denn Dr. Ruth Wolff ist zwar immer noch Jüdin, was für den Gang des Geschehens nicht unwichtig ist, aber immer noch vor allem eine Frau in einer Spitzenposition. Und was passiert jemandem, der im digitalen Zeitalter in die Fänge seiner politischen Feinde und der Medien gerät? Das Stück erzählt es – allerdings nur vage.

Erstaunlich, wie lange Icke auf Schnitzlers Spuren bleibt. Der Ausgangpunkt der künstlichen Erregung ist derselbe: eine Ärztin (in diesem Fall) verwehrt einem katholischen Priester den Zugang zu einer Sterbenden, um dieser ein ruhiges Hinübergehen zu verschaffen. Ihre antisemitischen und frauenfeindlichen Feinde benützen die Gelegenheit, der Shitstorm im Internet ist leicht herzustellen und lässt folglich nicht auf sich warten, die lieben Kollegen katapultieren sie aus dem Job.

Bis zur Pause läuft das handlungsmäßig so einigermaßen nach der Vorlage, von der natürlich kein Wort und auch keine Figur wirklich übrig geblieben ist. Und auch hier schon wird, was bei Schnitzler gänzlich ausgeklammert ist, der Ärztin ein starkes, wenn auch seltsames Privatleben gegönnt. Ihre, wie es scheint, lesbische Gefährtin Charlie ist zwar nicht sehr präsent (später erfährt man, dass sie eigentlich tot ist, womit sich das Stück aus der Realismus-Ebene hinaus katapultiert), wohl aber ein Mädchen aus der Nachbarschaft, derer sie sich offenbar annimmt – damit man später erfährt,  dass diese ein Transgender-Geschöpf ist, ursprünglich ein Junge…

die Ärztin c ruiz cruz tribunal x~1

Nach der Pause nimmt das Stück dann seinen eigenen Lauf, der gar nichts mehr mit der Vorlage zu tun hat. Eine Fernsehdiskussion wird zum Tribunal. Fundamentalistischer Katholizismus, neue Ethik, Judentum (das der Ärztin übel nimmt, dass sie sich nicht zu ihrer ererbten Religion bekennt), Kolonialismus-Debatte und das neue starke Bewusstsein einer bislang unterdrückten PoC-Gesellschaft schlagen mit allen Phrasen, die die heutige Welt mit rasanter Geschwindigkeit entwickelt hat, auf sie ein. Die arme Jüdin wird geprügelt, als sei sie ein alter weißer Mann, nur weil sie die Gesellschaft der, wie man meint, überheblichen Mächtigen repräsentiert.

Am Ende führt das nochmalige Gespräch mit dem Priester, den sie vom Sterbebett abgewiesen hat, nicht  zu einer Analyse der Standpunkte, sondern zu sentimentalen Ausflügen zu Alzheimer, Sterben, möglichem (unklar angedeutetem) Suizid. Das war’s. Und das ist, im Vergleich mit der Präzision des Originals, von dessen starken Figuren so gut wie keine übrig geblieben ist, verdammt wenig.

Dazu kommt, dass Robert Icke, der auch als Regisseur wirkte, das Spiel der Hautfarben und Geschlechter bis zur totalen Verwirrung jongliert. Der Pfarrer, gespielt von einem Weißen, wird als Schwarzer bezeichnet (womit man der Ärztin noch zusätzlichen Rassismus vorwerfen kann). die von einer PoC gespielte Ministerin redet von „wir Weißen“, ein PoC bezeichnet sich als Jude, Frauen sind Männer und Männer Frauen – und alle schreien die meiste Zeit auf der Bühne bis zur totalen Unverständlichkeit herum, weil viele von ihnen die deutsche Sprache nur unzureichend beherrschen. Als Inszenierung ist der Abend ein einziges Wackelstück, das sich nie die Ruhe nimmt, eine Situation zu entwickeln, so hektisch läuft alles. Und wenn es „privat“ wird, dann ist es sentimental und kitschig.

die Ärztin c ruiz cruzsie x

Fraglos ist Sophie von Kessel eine große Persönlichkeit, autoritär, groß und schlank und abgehärmt steht sie da, von der Umwelt schon gehetzt, bevor der Vorfall mit dem Pfarrer ihren Gegnern die Möglichkeit gibt, sie zu vernichten. Wenn man weiß, wer Professor Ebenwald war, ist die Besetzung mit Zeynep Buyraç als Gegenspielerin eine Lächerlichkeit – da kommt sie in der Quasi-Gerichtsszene als selbstgefällige Ethik-Beauftragte besser zur Geltung. Wie übrigens fast alle Kollegen: Warum der alte Cyprian (er durfte seinen Namen behalten, wenngleich er eher wie der originale Dr. Pfllugfelder wettert) in Gestalt von Ernest Allan Hausmann ununterbrochen herumbrüllt, wissen die Götter. Die Funktionen von Gunther Eckes und Bless Amada in der Ärzteschaft wirken kaum definiert, Melanie Sidhu als junger Doktor ist rein niemand (ach, Hochroitzpointner!), und was Bardo Böhlefeld soll, steht in den Sternen.

Die Prachtrolle des Ministers Flint wurde auf ein paar Sätze hinunter gestutzt, und auch diese machen Stacyian Jackson sprachlich Schwierigkeiten. Sandra Selimovic setzt auf ihre schönen Augen, weil sie nicht mehr zu tun hat, und Maresi Riegner (die schon in „Pelleas und Melisande“ so transgender war) muss wahrlich albernen Text abspulen. Philipp Hauß, erst Priester, verwandelt sich plötzlich und unvermutet  in den tobenden Vater der Toten… unnütz. Wie fast alles an diesem Abend, der in einem Null-Bühnenbild, bestehend aus einem langen Tisch, stattfindet (Ausstattung: Hildegard Bechtler) und von starker  Percussion von Teresa Müllner begleitet wird.

Man sieht völlig ein, dass es für einen Direktor mit dem Anspruch eines Martin Kusej selbstverständlich ist, für neue Entwicklungen als Fahnenträger zur fungieren und die „Diversität“, die Icke hier ausreizt, auch in der Besetzung auf die Bühne zu bringen (wenn man die längste Zeit nichts versteht, wen schert es?). Aber das, was man in Wien und zumal am Burgtheater (und erst recht in „Professor Bernhardi“-Aufführungen) einst selbstverständlich als große Schauspielkunst geboten bekam (so altmodisch der Begriff heute klingen mag) – das ist gänzlich verloren gegangen.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken