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WIEN / Burgtheater: DER EINGEBILDETE KRANKE

06.12.2015 | KRITIKEN, Theater

Burgtheater, Eingebilderter Kranker_JoachimMeyerhoff Szene 
Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Burgtheater:
DER EINGEBILDETE KRANKE von Molière
Premiere: 5. Dezember 2015

Nun hat man auch in Wien den Regisseur Herbert Fritsch kennen gelernt. Das heißt, per Reputation ist der Mann aus dem Castorf-Umfeld ja längst bekannt, außerdem hat man zu den Festwochen seine Berliner Produktion „Ohne Titel Nr. 1“ gesehen. Und Karin Bergmann, die strikt „Zeitgenössisches“ versprochen hat, stellte nun den Regisseur vor, der zwar keine politischen Absichten hegt, aber ernsthafte Bildungsbürger mit seinen Formalismen gern in die Verzweiflung treiben kann.

Nun hat Fritsch im Burgtheater Molières „Der eingebildete Kranke“ (in einer sehr freien, sehr heutigen Übersetzung und Neufassung von Sabrina Zwach) inszeniert, wie immer (er ist ja auch „Medienkünstler“) als sein eigener Ausstatter. Und wie so viele seiner Kollegen heutzutage ist Fritsch Formalist, und zwar einer, dem die Form eindeutig über den Inhalt geht.

Auf einer an sich leeren Bühne stehen drei selbst spielende Cembali im musikalischen Crossover von Barock und Moderne, wobei Ingo Günther für die Musik sorgte. (Die Instrumente sind gelegentlich auch  „Spielmaterial“ für Argan, der eines davon mehr oder minder zerlegt). Erglüht die Bühne zum musikalischen Auftakt in den wildesten Farben, so zieht sich der Hintergrund später auf eine angedeutete Projektion zurück, auf der man Knochen und menschliche Innereien erkennt. Na ja, der Körper – auch wenn, wie Molière schließlich klar unzweideutig macht, bei seinem Helden Argan durchaus nicht dieser krank ist, sondern schlicht und einfach der Kopf, der Bewusstsein.

Burgtheater, Eingebilderter Kranker_JoachimMeyerhoff

Argans Kopf kommt zuerst einmal aus einem goldenen Souffleurkasten heraus und beschwert sich, wortundeutlicher, als man es von dem Schauspieler Meyerhoff gewohnt ist, über die Apothekerrechnungen. Die Undeutlichkeit teilt der Titelrollenstar mit so gut wie allen seinen Kollegen, denn man kann vor der Körpersprache auch auf die richtige Sprache zu sprechen kommen: Jeder Darsteller hat auch hier seine Affektation (am schlimmsten wohl das Gekreische der Dorothee Hartinger), arges Tempo wird auferlegt, der Verlust der realen Information ist hoch, aber man weiß ja, dass es dem Regisseur nicht darauf und wohl auch nicht auf das Stück ankommt.

Dieses wird so gut wie nicht gespielt. Alle trippeln und hopsen und springen, sie verrenken und verbieten sich, sind auch einem Steptanz zugeneigt oder turnerischen Übungen. Was in der Geschichte des Theaters einst mit Commedia dell’arte begann und mit Slapstick seine Fortsetzung fand, ist bei Herbert Fritsch die permanente Unnatur. Weit und breit kein Mensch auf der Bühne, nur aufgezogene Marionetten, eine Aufführung wie ein Veitstanz.

Burgtheater, Eingebilderter Kranker_MarieLuiseStockinger_JoachimMeyerhoff_MarkusMeyer

Und wie alles, das sich (hier gut zweidreiviertel Stunden) auf Stil und Stil und Stil peitscht, wird auch dies sehr schnell langweilig. Auch wenn der Regisseur zwischen der Willkür hier und dort Komik erzeugt. Aber durchaus auch auf dem allertiefsten Niveau – Argan, immer in schäbiger Unterwäsche, hat auch ein Lätzchen für den Hintern, den er gerne entblößt. Und wenn Toinette als Doktor seine Nase hineinstreckt – na, der Furz lässt nicht auf sich warten. Sicher, der Hanswurst tat es auch. Aber muss man es so billig geben?

Zumal der Verlust des Stücks zu beklagen ist, und daran ändern auch die Kostüme von Victoria Behr nichts, die eine sozusagen „stilisierte“ Molière-Welt beschwören. In unserer Zeit, wo die Krankheit ein boomendes „Geschäft“ ist und der Kranke kein Patient, sondern in erster Linie ein Kunde, merkt man, dass Molière genau das punktgenau angeprangert hat. Man kann, muss aber nicht Argan nur als das Psychogramm des Egoisten betrachten, der durch seine Krankheit einfach Aufmerksamkeit erzwingen und erpressen will, es genügt, wenn man in ihm einen jener Egomanen sieht, die ihre Körperfunktionen unaufhörlich beobachten und messen und vermutlich andauernd im Internet nachrecherchieren, was dieses und jenes Symptom bedeutet… Der „eingebildete Kranke“ ist ein Mensch unserer Zeit, und das könnte man erkenntnisreich darstellen. Keine Spur davon im Burgtheater.

Nun wäre es an der Zeit, dass der Zuschauer sich wieder einmal den Kopf zerbricht, was der Regisseur wohl gemeint haben möchte – aber es ist in diesem Fall nicht nötig. Es gibt Interviews, es gibt Selbstaussagen, das Rätsel wird von vornherein gelöst. Und es klingt auch noch so gut: Um „handwerklichen Zugang“ geht es Fritsch, „um Präzision und Künstlichkeit, das kann viel tiefer gehen als vermeintliche Ehrlichkeitsgesten und das ganze Gefühlsgewusel und -gedusel.“ Unterschreibt man sofort.

Schön klingt auch die Absichtserklärung für die Überwältigung des Publikums: „Die Leute müssen verwirrt werden, einen Rausch erleben, den Durchblick verlieren“ (warum eigentlich?). „Ich stehe aber voll ein für das So-tun-als-ob. Arm abhacken! Grimassen schneiden! Wir betrügen die Leute bis zum Gehtnichtmehr.“ „Bunt, laut und schnell“ muss es sein, „Spaß machen, zur Hysterie lustig.“ Dafür begraben wir auch jeden Sinn.

In dieser Theaterwelt einer programmierten Äußerlichkeit kommen die Schauspieler nicht weit. Nach dem Danton hat Joachim Meyerhoff mit dem Argan nun schon eine weitere „Traumrolle“ des Welttheaters, die er eigentlich nicht spielen darf. Mit wirrem Haar und wirrem Blick steht er herum, wie zur Nebenfigur degradiert, einzig gelegentlich berührend, wenn er – wenn’s nicht irgendwie peinlich wäre – eine Art sexueller Erregung zeigt, sobald von seinen Krankheiten die Rede ist. Armer Kerl, er hat nichts anderes.

Die Dienerin der Toinette muss oft wie ein „Pfitschipfeil“ herumtanzen und –toben, dabei hat sich die vorgesehene Darstellerin wohl das Bein verletzt. Warum angesichts vieler Damen des Hauses die Rolle dann an Markus Meyer ging, versteht man nicht wirklich, als Frau überzeugt er nicht – aber, ehrlich, kommt es in diesem Zusammenhang darauf an? Frech stampfende Unnatur bringt er jedenfalls.

Desgleichen Dorothee Hartinger als schrille lächerliche Gattin, an Ausbrüchen noch übertroffen von Marie-Luise Stockinger als Argans Tochter (die zweite Tochter, Marta Kizyma, ist hier kein kleines Mädchen, tut aber, was sie kann, um töricht als solches zu wirken).

Nicht unwitzig, wie man den Liebhaber des Stücks, Cléanthe, in der Darstellung durch Laurence Rupp in den Abgrund der Primitivität schleudert – das ist wirklich das ordinäre Wienerisch (nicht strizzihaft, sondern einfach blöde), das er spricht. Der junge Diaforius (Simon Jensen) erzählt immer wieder „Ich bin der Thomas“ und hat solcherart eine Pointe, während die alten Ärzte und Apotheker kaum zur Wirkung kommen (Ignaz Kirchner, Johann Adam Oest, Hermann Scheidleder), was angesichts ihres Kalibers erstaunt.

Es gab viel Beifall, und das Publikum hat die Wahl, dies für die zitierte „lustige Hysterie“ zu bejubeln oder für ein Attentat auf Molière zu halten. Take your pick, oder, wie es auf Deutsch weniger griffig heißt: Treffen Sie Ihre Wahl. Regisseur Herbert Fritsch verbeugte sich in einem lila Krinolinenkleid. Nicht, dass es einen gewundert hätte…

Renate Wagner

 

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