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WIEN / Belvedere21: RACHEL WHITEREAD

06.03.2018 | Ausstellungen, KRITIKEN

 

 

WIEN / Belvedere21:
RACHEL WHITEREAD
Vom 7. März 2018 bis zum 29. Juli 2018

Die umgekehrte Welt

Leer ist voll und voll ist leer – mit dieser künstlerischen Formel stellt sich die Britin Rachel Whiteread in einer groß angelegten Ausstellung in Wien vor – im ehemaligen 20er Haus, dann das ehemalige 21er Haus, das jetzt Belvedere21 heißt (was zweifellos die beste Lösung ist, das Haus heute zu definieren, indem man den Zusammenhang zum „Mutterhaus“ Belvedere herstellt). Nun ist Rachel Whiteread hierzulande absolut keine Unbekannte: Ihr Holocaust-Denkmal am Judenplatz, die „umgedrehten Bücher“ in einem blockartigen Bau verdichtet, zählt zu den eindrucksvollsten Beispielen neuer Architektur in Wien.

Von Heiner Wesemann

Rachel Whiteread    Geboren 1963 in London, ließ die kleine, füllige Dame mit ihrem strubbeligen offenen roten Haar bei der Wiener Pressekonferenz keinesfalls vermuten, dass hinter dem ungestylten Aussehen eine der gefeiertsten Künstlerinnen und Architektinnen unserer Zeit steckt. Die 54jährige hat in ihrer Karriere Erstaunliches erreicht. Sie besuchte das Polytechnikum in Brighton und die Akademie in London. 25jährig fand sie zu ihrer persönlichen Kunstauffassung, dem Ausgießen von Leerräumen, mit Hilfe der mittlerweile schon legendären Wärmeflaschen, von denen auch Beispiele in der Wiener Ausstellung zu sehen sind. Sie war die erste Frau, die den renommierten Turner-Preis erhielt (1993), ebenfalls die erste Frau die England bei der Biennale vertreten durfte (1997). Berühmt wurde ihr „House“-Projekt, wo sie ein altes englisches Wohnhaus vor dem Abriß ausgoß und damit für die Erinnerung künstlerisch „rettete“. Das Holocaust-Denkmal für Wien – ein Mittelding zwischen Architektur und Skulptur – im Jahre 2000 war ein wichtiger Schritt in ihrer Karriere. Desgleichen die derzeitige Großausstellung, an der bereits seit fünf Jahren (also im Belvedere noch in der Ära Husslein) gearbeitet wurde. Die Tate Gallery hat die Ausstellung gezeigt, die von Wien dann in die USA, nach Washington und St. Louis geht.

Ein Raum mit „Negativen“     Nicht weniger als elf riesige Sattelschlepper kamen aus London, wie man erfuhr, um die teils überdimensionalen Arbeiten von Rachel Whiteread nach Wien zu bringen. 66 Arbeiten im Ganzen sind es, die Kurator Harald Krejci ausgewählt hat. Die Skulpturen bestehen aus Gips, Beton, Harz, Gummi, Metall oder Papier, wobei man Letztgenannte aus konservatorischen Gründen nicht auf Reisen geschickt hat, und seit einiger Zeit auch aus Beton: „Zement is beautiful“, wie sie bei der Pressekonferenz sagte. Ihre Kunst funktioniert wie Foto-Negative (als es diese noch gab) – die leeren Räume ausgefüllt, die tatsächlichen Objekte ausgespart. Dennoch sieht eine enorme Treppe wie eine Treppe aus, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen. Es gibt Türen, Hocker, Stellagen, die erwähnten Wärmeflaschen und den berühmten ausgegossenen „Room 101“ aus der BBC – auch ein Stück englische Geschichte, soll er doch als Vorbild für den adäquaten Raum in Orwells Roman „1984“ gegolten haben…

Das Holocaust-Mahnmal       Das Holocaust-Mahnmal muss man in Wien nicht ausstellen, es ist jederzeit live im Stadtbild zu besichtigen. Allerdings ist es als kleines Modell vorhanden, von Entwürfen eskortiert. Eine ähnliche Mischung aus Architektur und Skulptur ist eine ganz neue Arbeit von 2017, „Chicken Shed“ genannt, die man allerdings nur sieht, wenn man sich in den so genannten „Pfirsichgarten“ des Oberen Belvederes begibt, wo dieser Hühnerstall auf Wunsch der Künstlerin aufgestellt wurde.

 

Brus im ersten Stock     Begibt man sich in den ersten Stock des Belvedere21, hat man nicht nur einen eindrucksvollen Überblick über die Whiteread-Werke im Parterre, sondern sieht sich auch mit „Unruhe nach dem Sturm“ von Günter Brus konfrontiert – eine ausführliche Ergänzung zu den Brus-Zeichnungen, die derzeit auch das Leopold Museum bietet. Dass Brus neben bewusst und gezielt Schockhaftem auch viel Humoristisches geschaffen hat, ist ein Gewinn, den man aus dieser Ausstellung mitnimmt. (Bis 12. August 2018)

RACHEL WHITEREAD
Belvedere 21, Arsenalstraße 1, 1030 Wien
Bis 29. Juli 2018
Mittwoch bis Sonntag sowie an allen Feiertagen 11 bis18 Uhr, Mittwoch und Freitag bis 21 Uhr

 

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