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WIEN / Belvedere: WIENER FÜRSTENFIGUREN

17.05.2019 | Ausstellungen, KRITIKEN

 
Alle Fotos: Belvedere

WIEN / Unteres Belvedere / Prunkstall:
WIENER FÜRSTENFIGUREN
GOTISCHE MEISTERWERKE DES STEPHANSDOMS
Vom 14. Mai 2019 bis zum Ende des Wien Museum Umbaus

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Sie stehen auf dem Stephansdom, die Kopien der Statuen von Rudolf IV., seiner Frau, seiner Eltern und seiner Schwiegereltern. Aber so hoch, dass man sie nie richtig sehen kann. Und, wie gesagt, sie sind nicht die echten. Als man in den Jahren 1858 und 1870/71 am Dom restaurierte, erkannte man schon die (heute noch viel virulentere) Gefahr der Umweltverschmutzung, brachte die Originale ins Museum und ersetzte sie durch Kopien. Im Wien Museum blieben sie unbeachtet im Depot. Nun, da das Haus umgebaut wird, hat das Belvedere einen Coup gesetzt: Es lud die sechs berühmten Statuen ein, in ihrem Mittelalter-Museum – dem Prunkstall im Unteren Belvedere – nun Aug in Aug mit dem Betrachter an die Öffentlichkeit zu treten. Ein scheinbar kleines, aber großes Unternehmen.

Von Heiner Wesemann

Rudolf der Stifter   In letzter Zeit ist er immer wieder im Gespräch, jener Rudolf von Habsburg mit der Zahl „der Vierte“, der nur so kurz „regierte“ und in seiner Zeit so viel unternommen hat. Geboren 1339 in Wien, übernahm er nach dem Tod seines Vaters Albrecht II. die Habsburgischen Lande. Davor schon hatte sein Vater sich der Gunst von Kaiser Karl IV. versichert, sich Belehnung und Gerichtshoheit von Österreich (das damalige Nieder- und Oberösterreich), Steiermark, Kärnten, Krain und der Vorlande bestätigen lassen. Und er arrangierte die Hochzeit seines 15jährigen Sohnes Rudolf mit der um vier Jahre jüngeren Tochter des Kaisers, Katharina von Luxemburg. Rudolf war 19, als er die Herrschaft der Habsburgischen Lande übernahm, und sofort wurde sein Ehrgeiz sichtbar: Dass Karl IV. den Habsburgern in der „Goldenen Bulle“ nicht die Kurwürde übertragen hatte (jene Kurfürsten, die für die Kaiserwahl zuständig waren), unterlief er mit der Herstellung gefälschter Dokumente, dem „Privilegium maius“, das alte Vorrechte der Familie bis in die Römerzeit behauptete. Obwohl die Fälschung nicht durchging – das Kunsthistorische Museum hat die Dokumente im Vorjahr in einer Sonderausstellung gezeigt – , schaffte Rudolf die Erhöhung zum „Erzherzogtum“. Dazu erfand er sich die Zackenkrone, um diese Würde zu bestätigen.

Das eigene Bild, das eigene Gedächtnis   Er war es auch – und das Dommuseum zeigt stolz dieses singuläre Bild – der sich als Erster in einem Porträtgemälde darstellen ließ. Dass sein Schwiegervater 1348 in Prag die erste deutschsprachige Universität gegründet hatte, ließ ihm keine Ruhe: Rudolf gründete in Wien 1365 seinerseits eine Universität, die als „Alma Mater Rudolphina“ heute noch seinen Namen trägt. Ja, und schließlich hat er noch Tirol für die Habsburger requiriert, ein früher Fall von „Tu felix Austria, nube“, denn seine Schwester Margarethe war mit Meinhard von Tirol, dem Sohn von Margarethe Maultasch, verheiratet, die Rudolf nach Meinhards Tod ihr Land überschrieb…

Der Stephansdom     Schließlich dachte Rudolf, jung wie er war, bereits an seine eigene Grablege. Und er wusste auch, dass Stein die Menschen überdauert: Der romanische Bau des Stephansdoms existierte seit dem 12. Jahrhundert. Rudolf ließ nun 1359 den Grundstein für die gotische Erweiterung des Baus legen. Hier wollten er und seine Gemahlin begraben sein (sind es auch in der so genannten Herzogsgruft – wobei man bei Katharina, die nach Rudolfs Tod noch einen Wittelsbacher heiratete, nicht ganz sicher ist, ob sie wirklich hier liegt). Vor allem aber wollte Rudolf sich, der Gemahlin, den Eltern und den kaiserlichen Schwiegereltern steinerne Denkmäler setzen – und das geschah auch.

 

Die Familie     Da stehen sie nun nebeneinander, die sechs Statuen, vor roter Wand inmitten der mittelalterlichen Schätze des Belvederes, von Kuratorin Veronika Pirker-Aurenhammer optimal präsentiert. Ein ideales Ambiente für sie alle. Die Löwen, auf denen sie stehen, repräsentierten Macht. Wie wichtig Familie und Herkunft waren, wusste man immer. Also legte Rudolf Wert darauf, nicht nur sich und Katharina, sondern auch die Eltern und die kaiserlichen Schwiegereltern zu verewigen. Man kennt die Künstler nicht, doch die Statuen scheinen aus einem Guß, ein Künstler, eine Werkstatt. Und man kann nur die (spät)gotische Eleganz bewundern, mit der die drei Damen durchwegs in elegantem Hüftschwung an der Seite der Gatten stehen. Rudolf selbst, der schon 1365 (bei einem Aufenthalt in Mailand) mit noch nicht ganz 26 Jahren starb, wirkt – wie auch auf seinem Porträt – älter, doch schlank und beschwingt, mit Krone, lockerem Umhang. Die junge Gattin Katharina (1342-1395, wahlweise als „von Luxenburg“, die Familie des Vaters, oder „von Böhmen“ genannt, wo sich der Herrschersitz des kaiserlichen Vaters befand) ist die hübscheste der Frauen, ohne Krone, aber mit exquisiter Lockenfrisur und einem Gewand aus offenbar dünnem Stoff, denn das vorgestellte Bein zeichnet sich darunter ab. Der Zahn der Zeit hat Rudolf eine Hand gekostet, Katharina büßte beide ein (und bei ihrer Mutter geht ein Bruch durch den Kopf…).

Die erlauchten Beziehungen Links von den beiden stehen Albrecht II. von Österreich (1298-1358) – ein Enkel des legendären Rudolf von Habsburg (man erinnere sich an „König Ottokars Glück und Ende“) – und seine Gattin, Johanna von Pfirt (1300-1351) aus dem Elsaß (das sie in die Ehe mitbrachte). Rechts von dem zentralen Paar ist Kaiser Karl IV. (1316-1387) zu finden, mit Krone, Szepter und Reichsapfel, und an seiner Seite seine erste Gattin, Blanche de Valois (1316-1348), die früh starb und der noch drei weitere Gattinnen folgen sollten. (Albrecht III., der den früh verstorbenen Rudolf folgte, war übrigens auch mit einer Tochter von Karl IV. (aus dessen dritter Ehe) verheiratet.) Es ging darum, die Habsburgische Herrschaft fest in den europäischen Kontext einzubetten – was Rudolfs Nachfolger alle beherzigt haben… Und eines ist Rudolf IV. jedenfalls gelungen: Er hat sich vielfach in das Buch österreichischer Geschichte eingeschrieben.

Belvedere / Unteres Belvedere / Prunkstall:
Wiener Fürstenfiguren.
Gotische Meisterwerke des Stephansdoms
Ausstellungsdauer: Während der Restaurierung des Wien Museums
Täglich 10 bis 18 Uhr, Freitag 10 bis 21 Uhr

 

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