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WIEN / Belvedere: DER WIENER KONGRESS 1814/15

21.02.2015 | Ausstellungen, KRITIKEN

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Fotos, wenn nicht anders vermerkt: Heiner Wesemann

WIEN / Belvedere (Unteres Belvedere und Orangerie)
EUROPA IN WIEN
DER WIENER KONGRESS 1814/15
Vom 20. Februar 2015 bis zum 21. Juni 2015

 Ja, der Kongress tanzte!

Es gibt viele Möglichkeiten, sich einem Thema zu nähern, und man darf es auch „kulinarisch“ tun. Ein Weltereignis wie der Wiener Kongress – „Europa ist in Wien“, erklärte der Fürst de Ligne damals, und er hatte Recht – kann von vielen Gesichtspunkten betrachtet werden. Die strengen politischen Analysen haben vielfach stattgefunden. Auch diese wären ausstellbar, wohl aber nicht so reizvoll wie das, was das Belvedere  in vielen seiner Räumlichkeiten im Unteren Teil des Hauses bietet: Wien 1814, 1815 – wie war das damals wirklich?

Von Heiner Wesemann

Topographie, Stadtgeschichte, Bewohner   Wien war zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch die kleine mittelalterliche Stadt, von jenen Stadtmauern umgeben, die später zur Ringstraße wurden, also der Erste Bezirk. Sehr klein für eine Unzahl von Gästen, aber die Vorstädte spielten auch ein wenig mit. Über 100.000 Gäste sollen Wien vom 5. September 1814, als man die Gespräche aufnahm, bis zum 19. Juni 1815, als man die Schlussakte unterzeichnete, besucht haben. Herrlich für die Wiener– abgesehen von dem Schauvergnügen, das durch pittoreske hohe Herrschaften aus ganz Europa gewährleistet wurde, man konnte auch mit Essen, Trinken, Gewändern, Transport, Logis sehr viel Geld machen. Was auch geschah. Stadtpläne von anno dazumal, Bilder, die auf die Stadt und in die Stadt sehen, Genreszenen des Alltags (etwa wie „Der Abschied des Landwehrmannes“ von Peter Krafft, 1813, ein berühmtes, dem Belvedere gehörigen Meisterwerk der Epoche) umreißen eine klare Situation.

IMG_7357Napoleon~1  IMG_7376 Napoleonischer Eierbecher~1

Rückblick auf Napoleon        Der Mann, von dem man zu gerne vergaß, dass er die letzten vier Jahre immerhin der Schwiegersohn von Kaiser Franz und Vater von dessen Enkel war (die Gattin, Marie Louise, ist u.a. in einer anmutigen Büste vertreten), war natürlich der Erzfeind: Gleich zu Beginn der Ausstellung erlebt man ihn in Siegerpose auf dem Rücken des Pferdes, so wie Jacques Louis David ihn überlebensgroß malte (und außerdem gehört das Bild dem Belvedere selbst). Die vielen Schlachten, mit denen Napoleon Europa überzog, fanden teilweise auch in dem und rund um das Habsburger-Reich statt und sind in Gemälden dokumentiert, darunter vielfach das Bombardement Wiens durch die Franzosen 1809, das der Bevölkerung noch in den Knochen saß, oder die Schlacht vor der Haustür in Aspern. Das heißt nicht, dass sich hier nicht auch Skurrilitäten finden wie beispielsweise das napoleonische „N“ auf einem Eierbecher des Kaisers der Franzosen…

IMG_7382 Franz und die Köpfe~1

Die Protagonisten: Österreich     Als man Napoleon in Leipzig wie man glaubte endgültig besiegt und ins Exil abgeschoben hatte, begann der Kongress von Wien: höchst besetzt, wie man sagen kann. Österreichs Seite ist – wie auch anders – prominent vertreten: Kaiser Franz, immer wieder sein Bruder Erzherzog Karl (der einzige begabte Feldherr, den die Habsburger damals hatten), und natürlich jener Diplomat, der das „Werkl“ der politischen Arbeit in Gang hielt: Clemens Wenzel Fürst Metternich, von dem sich das Belvedere das berühmte Gemälde von Thomas Lawrence aus der Metternich-Domäne im Rheingau geholt hat. Dazu kommt, mit großen Namen und schönen Bildern auch von dazugehörigen Damen, der eigene österreichische Adel, der an diesem Kongress natürlich mitfeiernd und veranstaltend im hohen Maße beteiligt war. Übrigens gibt es Kaiser Franz nicht nur in Prunkgewändern auf Kolossalgemälden und als römischer Caesar verkleidet in Büsten: Bemerkenswert ist jenes Gemälde, das ihn wie einen seiner Beamten in einem bescheidenen Biedermeier-Arbeitszimmer zeigt – und man geht vielleicht nicht fehl in der Annahme, dass er wieder den Kopf über die Ausgaben schüttelte, die zum allergrößten Teil von ihm finanziert werden mussten… (Man hat das Gemälde von Johann Stephan Decker aus New York geholt.)

IMG_7389 Kaiser Franz im Arbeitszimmer~1

Die Protagonisten: die Gäste  Dass der russische Zar und der preußische König zum österreichischen Kaiser gekommen waren (die anderen deutschen „Könige“, viele von Napoleons Gnaden und nachher durchaus nicht bereit, auf ihre neue Würde zu verzichten wie Bayern, waren nicht ganz so spektakulär), führte zu zahlreichen Darstellungen der „drei Kaiser“ und ihrer scheinbaren Harmonie. Man zeigte sie nebeneinander zu Pferd oder steckte alle drei sogar zusammen in einen Triumphwagen – der huldigenden Kunst waren keine Grenzen gesetzt. Natürlich wird auch auf die Diplomaten nicht vergessen, die die eigentliche Arbeit leisteten – und Talleyrand sorgte lästig und mit kritischem Blick dafür, dass seinem Frankreich nichts Böses geschah…   
Sehr schön, dass man auch viele Karikaturen nicht vergessen hat, die irgendwie durch die Zensur geschlüpft sein müssen – die verhandelnden Herrschaften sitzen da mit Tierköpfen, und die Karikaturisten werden wohl gewusst haben, wen sie als Hasen, wen als Kuh und wen als blutrünstige Dogge dargestellt haben… Und den wahren Respekt vor den hohen Herrschaften hatten auch nicht alle: Da tanzen die „drei Kaiser“ doch auch wie lächerliche Marionetten.

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Musik und Theater     Grimmig sieht Ludwig von Beethoven als Büste den Besucher an, auch Antonio Salieri blickt von einem Gemälde nicht freundlicher – und doch ist der Raum, der den musikalisch/theatralischen Künsten gewidmet ist, ein besonders reizvoller, und sei es nur dank der vielen kopierten Theaterzettel, die man bunt durcheinander an die Wand klebte und die zeigen, was man alles in den Hof- und Vorstadtbühnen sehen konnte, von den „Bürgern von Wien“ bis zur „Fee Zenobia“, und wohl auch ein bisschen Anspruchsvolleres.

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Möbel, Kleider, Geschirr – Pracht in der Orangerie    Wäre die Ausstellung schon in den Räumen des Unteren Belvederes ausführlich genug, so bekommt sie noch das wunderbare, ästhetisch geradezu festliche Anhängsel in dem Raum der Orangerie. Dort ist dann der Alltag der Zeit, wie er durch die Kunst gestaltet war, vertreten – Möbel, Kleidung, Geschirr, Tabatieren, es war erlesen, womit man sich in höchsten Kreisen umgab. Wobei klar wird, wie international die Kunst damals war, Französisches, Englisches, Russisches fand sich neben Heimischem. Es war wieder „ein“ Europa – vor allem, nachdem Napoleon es so zersprengt hatte. Und wie am Kongress gefeiert wurde, das ist auch in zahlreichen Darstellungen überliefert. Zur großen Repräsentation gab es nicht nur die Bilder von Bällen, Schlittenfahrten, Reiterfesten, Pratervergnügungen, sondern auch viele gedruckte Anweisungen über das Protokoll – man ahnt, welch ungeheure Logistik hinter allem steckte, wie viele Beamten da arbeiteten. Aber was man sah, waren die schönen Frauen, die nicht nur leicht von Bett zu Bett wechselten (die Fürstinnen waren nicht zimperlich), sondern auch hier und dort flüsterten, spionierten, Ratschläge gaben… Hier hängen auch die meisten Damenbildnisse, und die Maler haben sie fast alle „schön“ gemacht – nur bei Fanny von Arnsteins Charaktergesicht ist es eindeutig nicht gelungen.

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Österreichisches Staatsarchiv, Abteilung HHStA, Foto: © Andy Wenzel/BKA

Alles gerettet?    Am Ende liegen sie da, die Schlussakte des Wiener Kongresses, die man immer wieder abgebildet, aber so selten im Original sieht. Hier sind sie (samt der Kassette daneben, in der sie im Haus-Hof- und Staatsarchiv  aufbewahrt werden). Alles paletti? Die Ausstellung geht hier noch einen Schritt weiter – Stalin, Churchill und Roosevelt in Jalta, die Unterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrags – nein, es hat noch viele Kriege gegeben und vieler Friedensverträge bedurft. Und eine originelle Marginalie am Rand, als es dann für 1814/15 zu Ende war: Damals schon begannen Touristen (die doch eigentlich die Plage des 20. / 21. Jahrhunderts sind) die Schlachtfelder von Waterloo zu besuchen. Einst blutiger Krieg, nun schauriges Event…

Wiener Museen „geplündert“      Wie schön, dass das Belvedere auf so viele Kollegen zurückgreifen konnten, die in Sachen „Wien im 19. Jahrhundert“ so reich bestückt sind: die Albertina, das Wien Museum, die Nationalbibliothek, das Haus-, Hof- und Staatsarchiv, das MAK, sie alle steuerten bei zu einer Ausstellung, die in ihrer Reichhaltigkeit nicht so schnell zu überbieten ist – und in einem halben Jahr nur noch in dem fabelhaften Katalog vorliegen wird – wenigstens etwas! (Eigenverlag des Museums, gestaltet von Agnes Husslein-Arco und den beiden Kuratoren Sabine Grabner und Werner Telesko.)

Unteres Belvedere und Orangerie
EUROPA IN WIEN. Der Wiener Kongress 1814/15
Bis 21. Juni 2015
Täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

 

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