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WIEN / Belvedere: DER KREMSER SCHMIDT

26.10.2018 | Ausstellungen, KRITIKEN

 
Alle Fotos: Belvedere

WIEN / Belvedere / Oberes Belvedere:
DER KREMSER SCHMIDT
ZUM 300. GEBURTSTAG
Reihe: Im Blick
Vom 25. Oktober 2018 bis zum 3. Februar 2019

Heilige, Nymphen, Alltagsmenschen…

Schon im 18. Jahrhundert muss der Name „Schmidt“ so weit verbreitet gewesen sein, dass man Martin Johann Schmidt (1718-1801) bereits zu seinen Lebzeiten den „Kremser Schmidt“ nannte. Das Belvedere widmet diesem Künstler, der zwischen den älteren Kollegen Daniel Gran und Paul Troger und dem ein wenig jüngeren Franz Anton Maulbertsch den Höhepunkt österreichischer Barockmalerei repräsentiert, zum 300. Geburtstag nun eine Sonderausstellung im Oberen Belvedere. Es ist, man glaubt es kaum angesichts von Schmidts Bedeutung (man nannte ihn den „österreichischen Rembrandt“), die erste seit fast hundert Jahren – die letzte fand 1923 statt. Von den 63 ausgestellten Werken befinden sich 18 im eigenen Besitz des Hauses.

Von Heiner Wesemann

Martin Johann Schmidt    Getauft am 25. September 1718 in Grafenwörth am Wagram (wo man sehr stolz auf ihn ist), nicht weit entfernt von Krems, war Schmidt der Sohn eines Bildhauers und trat, von Kindheit an offensichtlich begabt, in die künstlerischen Fußstapfen der Familie. Er lebte in einer Epoche, wo die Klöster den Ehrgeiz besaßen, große Werke zu besitzen und entsprechende Bestellungen erließen (Göttweig, Seitenstetten, um nur zwei der berühmtesten zu nennen). Auch wenn Schmidt lebenslang in seinem heimatlichen Umkreis verblieb, hatte er nie Mangel an Aufträgen. Das bezog sich allerdings nicht nur auf seine Altargemälde, auf die Darstellungen von biblischen Ereignissen und Heiligengeschichten. Sein großes Repertoire an Bildern, die man – unter dem Vorwand mythologischer Themen – durchaus als „erotisch“ bezeichnen möchte, muss für einen Käuferkreis geschaffen worden sein, der eher unerkannt bleiben wollte. Schmidt, der an die 60 Jahre als Künstler aktiv war, als Maler, Zeichner und Radierer, hinterließ laut seinem Nachlass 400 Handzeichnungen, 300 Kupferstiche und 362 Ölgemälde. Ein Großteil des Werks ist heute noch in Klöstern und Kirchen zu finden (wobei seine „Werkstatt“ einen Teil der Arbeit übernommen hat). Mit seinem Tod am 28. Juni 1801 in Stein an der Donau (wo sein Wohnhaus noch existiert) kann die Wissenschaft gut und gern das Ende der Barockmalerei verkünden.

Sakrale Werke und Andachtsgemälde   Wer sich im Barock frommen Themen widmete und dies auf hohem Niveau ausführte, brauchte nicht um sein Auskommen zu fürchten, denn die Nachfrage war grenzenlos: Von Maria Empfängnis über die Taufe Christi bis zu Christus am Kreuz, der Kreuzabnahme und der Grablegung bietet das Neue Testament jene Fülle vorgegebener Themen, die zu gestalten man nie müde wurde. Schmidt tat es in einem, wie gesagt, „Rembrandt’schen“ Halbdunkel, aber auch mit einer Art barockem Schwung. Charakteristisch die Bewegtheit in der Aktion, aber auch in Details wie Stoffen und deren Faltenwurf. Das nimmt den Gemälden oft die Tragik des Inhalts, weil die Gestaltung von so hohem Reiz ist. Andererseits beweisen Werke wie jenes, das den „Hl. Hieronymus“ betend zeigt, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, als Rückenansicht, oder „Die heiligen Eremiten Antonius und Paulus“, zwei tragische, hinfällige alte Männer, dass es um keinerlei Beschönigung ging. Hingegen stellen biblische Historiengemälde wie „Die Opferung der Tochter Jephtas“ oder „Judith mit dem Haupt des Holofernes“ schon Zwischenstadien zu jenen mythologischen Werken dar, in denen die Nacktheit quasi durch das Sujet legitimiert wurde… aber möglicherweise auch anderen Zwecken diente.

Geschichte und Mythologie   Mit einer „Ermordung Caesars“ oder dem „Tod der Lucretia“ bediente Schmidt das Genre der Historienbilder, aber die Wiener Ausstellung (Kurator Georg Lechner) legt Wert darauf, den Kremser Schmidt über seine berühmten „religiösen“ Arbeiten hinaus darzustellen. Venus und Amor, Faune, Nymphen und Satyrn bevölkern zahlreiche Gemälde, wo eine gewisse Nähe zu Rubens dann wieder unleugbar scheint – zelebrierte weibliche Schönheit, durchaus konfrontiert mit männlicher Lüsternheit.

Der Blick in den Alltag   Bemerkenswert scheint, dass der so fleißige Maler auch einen scharfen Blick für den Alltag hatte, der sich um ihn herum abspielte. Er hat das junge Mädchen beim Wahrsager und das Elend, wenn der Zahnbrecher tätig werden musste, ebenso eingefangen wie die Wirtshausszene, die Musikanten, denen man ihre Mühe ansieht, oder den in seine Arbeit versunkenen Sägfeiler. Vielleicht sähe man diesen „Kremser Schmidt“ anders, wenn er nicht so unermüdlich für die Kirche tätig gewesen wäre, so dass diese Genrebilder wie eine Nebenschiene seines Schaffens wirken. Und doch sind gerade sie es, die heute am interessantesten erscheinen.

WIEN / Belvedere / Oberes Belvedere:
DER KREMSER SCHMIDT
ZUM 300. GEBURTSTAG
Reihe: Im Blick
Bis zum 3. Februar 2019, täglich 9 bis 18 Uhr, Freitag bis 21 Uhr

 

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