Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Amtshaus 3. Bezirk: DAS TIEFE LIED – kostbares neues Liedgut!

Wiener Konzerte: “DAS TIEFE LIED“ –  3.11. 2014 Amtshaus 3. Bezirk –  Kostbares neues Liedgut!
 
Eigentlich müsste man das Team, das diesen bemerkenswerten Konzertabend gestaltete, mit dem gesamten Programm sogleich auf Tournee schicken…Denn was da geboten wurde, ist sensationell, und es sollte vielen Musikfreunden zur Kenntnis gebracht werden.

Eine Meisterleistung vollbrachte der bulgarische Bassist Apostol Milenkov, der auch die Idee zu dieser Programmfolge geboren hatte. Er sang  22 Lieder mit deutschen Texten von Georg Trakl, Carl Dallago und Rainer Maria Rilke, von drei lebenden – anwesenden -Komponisten. Und es war keines dabei, das ich hätte missen wollen.

Alexander Blechinger (geb. 1956) ist im Wiener Musikleben ja kein Unbekannter. Er hat sich auf verschiedensten Gebieten als Komponist und Sänger hervorgetan. Seine Vertonungen von Gedichten Georg Trakls verdienen die Bezeichnung „klassisch“. In größtenteils vierzeiligen, gereimten Strophen hat der 1914 mit nur 27 Jahren verstorbene Salzburger Dichter, gezeichnet von psychischen und physischen Leiden, seine düstere Weltsicht zum Ausdruck gebracht. Die hochpoetische Form, in der er es getan hat, kommt einer musikalischen Bearbeitung entgegen. Obwohl es in den Texten durchaus auch hoffnungsvolle Momente und Überlegungen gibt, hellen die Vertonungen von Alexander Blechinger , die melodiös, vital und klangschön sind, diese Lyrik beträchtlich auf. Wenn es dem Interpreten dann auch noch gelingt, diese wirklich „liedhaften“ Schöpfungen entsprechend darzubieten, muss Freude aufkommen. Dass der Bassist, der auf Opernbühnen, vor allem in Bulgarien, bereits Wotan(!), Zaccaria und Attila gesungen hat, seiner Stimme die nötige Flexibilität und den Lied-gerechten sonoren Klang abgewinnen kann, verdient Beachtung. Sein „Flügelmann“ war allerdings kein Geringerer als Janko Kastelic, der bereits als Chorleiter an der Wiener Staatsoper und an den Opernhäusern von Ljubljana, Maribor, Paris,  und Hamburg tätig war, zur Zeit freischaffend als Pianist und Komponist. Nicht nur begleitete er den gesamten Abend mit einer fesselnden Aussagekraft seines Instruments, die einen ständig in Atem hielt, sondern er präsentierte auch vier eigene Lieder. Sein Textlieferant war der Südtiroler Dichter und Schriftsteller Carl Dallago (1869 – 1949), als Kulturkritiker und Kriegsgegner ein von Mussolini als „enfant terrible“ aus seiner Heimat verbannter Freigeist. Sein „Geleitspruch“ sagt ja schon (fast ) alles: „Lebe! – Weil vergänglich ist / Alles, gib dich aus im Leben  /Gib dich immer, wie du bist: Alle Lust ist geben, geben! / Wisse, dass erst arm du bist /Hast du nichts mehr zu vergeben.“ – Da heißt es für den Komponisten, Pianisten und Sänger ebenfalls: Farbe bekennen! Beginnend mit einem ff-Aufschrei – „Lebe!“ hat sich der Musiker selbst Prometheisches geschrieben, auf jeden Fall höchst Lebendiges, manchmal auch (in „Deine Nähe“) hört man grelle, heftige (Herz-)Schläge, die Erregung eines Liebenden Klang werden lassend, endend in einem fff-Aufschwung zu den letzten Worten: „ringt nach Atem – ringt nach Leben“.

Sehr differenziert geht es auch in Akos Banlaky‘s (geb. 1966) Vertonungen von Rilkes „Sonetten für Orpheus“ zu. Von seiner textbezogenen Komponierweise konnte ich mich bereits in Innsbruck bei seiner Oper „Under Milkwood“ (nach dem Hörspiel von Dylan Thomas) überzeugen. Es stehen ihm enorme Ausdrucksmittel auch für sein Liedwerk zur Verfügung. Einfühlsam auf das jeweilige Versmaß und die Lautmalerei des Dichters eingehend, bereitet er nicht nur Hörgenuss, sondern auch Denkanstöße über das bloße Dichterwort hinaus. Viel gibt es da nachzusinnen und nachzuhören….

Apostol Milenkov bewältigte den pausenlosen Abend bewundernswert, seine Stimme gewann zunehmend an Wohlklang. Anfangs eher im bassbaritonalem Bereich eingesetzt, erreichte sein tiefes Register, besonders in der letzten Liedgruppe, mehr und mehr Ausdruckskraft. Das bekannteste Gedicht „Herbst“ („Die Blätter fallen, fallen wir von weit….“, endend mit „Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen / unendlich sanft in seinen Händen hält“ lässt Akos Banlaky mit lang zu haltenden, ganz tiefen Basstönen verklingen.

Kurzum, es handelt sich bei allen Werken, die an diesem Abend erklangen, um Musik, die man öfter hören möchte.

Die Informationen über die Dichter und ihre Umwelt, die Dr. Beatrix Günczler als Moderatorin vermittelte, dienten nicht nur als Schnaufpausen für den Sänger und Pianisten, sondern boten darüber hinaus einen aufschlussreichen Einblick in die Welt – künstlerisch und politisch – vor 100 Jahren. Veranstaltet wurde das Konzert vom Verein „Lila Schwan“, der sich die Aufgabe gestellt hat, ungewöhnliche Künstler und Werke aller Kunstsparten zu präsentieren.

Sieglinde Pfabigan

 

Diese Seite drucken