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WIEN / Albertina: SPURENSUCHE – ARTHUR FELDMANN

16.10.2015 | Ausstellungen, KRITIKEN

Spurensuche Plakat

WIEN / Albertina / Spanische Appartements :
SPURENSUCHE
DIE SAMMLUNG ARTHUR FELDMANN UND DIE ALBERTINA
Vom 16. Oktober 2015 bis zum 29. November 2015

Die Mappe des Großvaters

Es ist nicht „Aus der Mappe meines Urgroßvaters“ wie bei Stifter, aus der Uri Peled-Feldmann schöpfen will, es ist vielmehr die Mappe seines Großvaters, die er rekonstruieren möchte, um eben diesen besonderen Mann wieder ins Bewusstsein zu bringen. Mit der Ausstellung „Spurensuche“ schließt sich die Albertina diesem Projekt an. „Die Sammlung Arthur Feldmann und die Albertina“ kann mit 30 Blättern alter Meister zwar nur ein schmerzliches Minimum dessen bieten, was Dr. Arthur Feldmann einst gesammelt und besessen hat (über 750 Werke hochkarätiger Graphik) – aber als Erinnerungsarbeit, die durchaus zu Beschämung Anlass gibt, sind diese beiden Ausstellungsräume im Rahmen der Habsburger-Zimmerflucht der Albertina wunderbar geeignet.

Von Renate Wagner

Spurensuche Raum 
Fotos: Wagner

Dr. Arthur Feldmann     Er wurde am 9. Februar 1877 in Vyškov, Mähren, geboren, besuchte ein deutsches Gymnasium, studierte die Rechte an der Wiener Universität und ließ sich, erst als Staatsbeamter, dann mit einer eigenen Kanzlei in Brünn nieder. In den zwanziger Jahren begann Arthur Feldmann, nachdem er davor Gemälde gesammelt hat, mit seiner Sammlung von Graphiken alter Meister aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Er kaufte in Wien ebenso wie in München, und er tat es mit Verstand und Geschmack und der Lust am Besonderen, wobei er sich von Fachleuten beraten ließ. Einer davon war Albertina-Kustos Otto Benesch, dem im Gegensatz zu Feldmann die Emigration gelang und der nach dem Krieg Direktor der Albertina wurde. Nach dem deutschen Überfall auf die Tschechoslowakei wurde Feldmann wie seine jüdischen Mitbürger sofort enteignet – seine Villa und seine Sammlung gingen in die Hände der Nationalsozialisten. Feldmann selbst starb nach Arrest und Folter im März 1941, seine Ehefrau wurde 1944 in Auschwitz ermordet, den beiden Söhnen war die Flucht nach Palästina gelungen.

Eine zerstreute Sammlung     Mit dem Raub der Feldmann’schen Sammlung sind die Unterlagen über ihre Details verloren gegangen. Wie die Werke durch verschiedene inoffizielle Kanäle in den Kunstmarkt gelangten, ist selbst durch sorgfältigste Restitutionsrecherchen nicht immer festzustellen. Der 1943 geborene Enkel von Arthur Feldmann, Sohn von dessen Sohn Karl, der vor 16 Jahren seine Arbeit begann, konnte sich auf wenig stützen, vor allem auf den Katalog des Buch- und Kunstantiquariats Gilhofer & Ranschburg, wo der Großvater 1934 aus finanziellen Gründen 261 Werke anbot. Davon wurden nur 95 Blätter verkauft. Arthur Feldmann hat die von ihm erworbenen Zeichnungen auf der Rückseite beschriftet, was manches Blatt identifizieren konnte – aber nicht viele. Wobei sich große Institutionen, nicht nur seinerzeit in Österreich, mit der Restitution nicht wirklich befreunden konnten. Das Britische Museum etwa (wo die Situation allerdings eine andere ist – man hat Werke gekauft, aber man war nicht schuldhaft an deren Raub beteiligt) gibt keine Blätter zurück, löst sie höchstens finanziell ab. Die Albertina hat 1989 im Dorotheum, „in gutem Glauben“, eine Zeichnung aus Feldmann-Besitz erworben („Landschaft mit einem Felsenblock“): Ihre Rückgabe erfolgte erst 2008.

Spurensuche Wand

Geschenk an die Albertina     Rund 200 Werke sind in mühsamen 16 Jahren an Uri Peled-Feldmann restituiert worden, die dieser (selbst keinesfalls wohlhabend) nicht in die Auktionshäuser gibt, sondern an große Museen, unausgesprochen mit dem Auftrag, das Andenken an seinen bedeutenden Sammler-Großvater wieder herzustellen. In der Albertina war man in Sachen Zuschreibung und Restitutionsrecherchen besonders hilfreich. Nicht zuletzt deshalb hat der Enkel 30 Blätter aus der „Mappe des Großvaters“ an das Haus geschenkt. Darüber hinaus gibt es natürlich zur Albertina noch einen besonderen, nicht „sentimentalen“, aber gefühlsstarken Bezug: In den Habsburgischen Prunkräumen hat Arthur Feldmann wohl oft mit Otto Benesch und anderen kompetenten Kuratoren gearbeitet und sich über die Schätze des Hauses gebeugt… Mit der Albertina war er vermutlich enger verbunden als mit jedem anderen Museum.

Ausstellung in den „Spanischen Appartements“   Die Prunkräume der Albertina (die immer prunkvoller, weil reicher ausgestattet werden) dienen nun als wahrlich grandioser Rahmen für die „Spurensuche“-Ausstellung. In zwei „Spanischen Appartements“ sind die 30 Blätter teils an der Wand, teils in Vitrinen im Raum zu sehen. Man möge nicht die großen Namen suchen, meinte Klaus Albrecht Schröder, aber die Auswahl von deutschen, niederländischen, italienischen und französischen Werken aus drei Jahrhunderten ist dennoch bestrickend und auch aussagekräftig vielsagend. Denn offenbar interessierten Feldmann ebenso die klassischen Studien von Köpfen wie Landschaften, ungewöhnliche Sujets wie biblisch historische Szenen. Vieles wirkt wie Arbeitsskizzen, anderes ist in sich vollendete Kunst. Manche Blätter sind namenlos, viele sind Zuschreibungen – es ist dann der sehr schöne Katalog, der Näheres verrät.

Erinnerung an Arthur Feldmann   Uri Peled-Feldmann, der zu keiner öffentlichen Veranstaltung erschien und als Person nicht zur Verfügung stehen will (der Katalog bringt allerdings ein langes Gespräch mit ihm), hat mit der Albertina-Ausstellung zweifellos seinen tiefen Wunsch erfüllt bekommen: Man sieht nicht nur die kostbaren Blätter, man erinnert sich auch an ihren Sammler. Und daran, was ihm und Millionen seiner Leidensgenossen geschehen ist.

Albertina, Bis zum 29. November 2015, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

 

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