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WIEN / Albertina: RUBENS BIS MAKART

18.02.2019 | Ausstellungen, KRITIKEN

WIEN / Albertina / Kahn Galleries:
RUBENS BIS MAKART
DIE FÜRSTLICHEN SAMMLUNGEN LIECHTENSTEIN
Vom 16. Februar 2019 bis zum 10. Juni 2019

Kunstsinn und das Geld dafür…

Das Fürstentum Liechtenstein feiert heuer seinen 300. Geburtstag. Die Verbindung der Liechtensteiner mit der ehemaligen Familie Habsburg geht weit zurück und hat deren Schicksal mitgeprägt. Dass nun eine Auswahl der besten Werke der berühmten Kunstsammlung in ein ehemaliges Habsburger-Palais, die Albertina, einzieht, ist für Direktor Klaus Albrecht Schröder nur einer von vielen Zusammenhängen.

Von Heiner Wesemann

Das Fürstentum Liechtenstein        Das Fürstentum Liechtenstein liegt gleich „neben“ Österreich (genau: „neben“ Vorarlberg, im übrigen umgeben von der Schweiz), ist weniger als halb so groß wie Wien und hat ungefähr so viele Einwohner wie ein mittlerer Wiener Bezirk. Aber diese „Kleinheit“ geht mit gewaltiger Potenz Hand in Hand – finanziell und in Bezug auf die Kunstsammlung der Fürsten, die als eine der größten der Welt gilt. Die Liechtensteiner waren immer reich, sie wurden katholisch, seit 1608 erbliche Fürsten, und sie waren den Habsburgern stets treue, verlässliche und nützliche „Diener“, die es sich leisten konnten, mit ihnen vor allem in der Leidenschaft des Kunstsammelns regelrecht zu konkurrieren. Ihre Selbständigkeit als „Reichsfürsten“ erhielten sie vor 300 Jahren, 1719, von Kaiser Karl VI., der ihre Besitzungen von Vaduz und Schellenberg (die sie verarmten Vorarlberger Adeligen abgekauft hatten) zu einem eigenen Staat im Rahmen des Heiligen Römischen Reichs erhob. Dennoch blieben die Liechtensteiner Fürsten in Wien und ihren böhmischen Gütern „zuhause“. Erst der Vater des jetzigen Fürsten, Franz Josef II. (dessen Taufpate noch Kaiser Franz Joseph gewesen war), zog sich vor den Nazis in sein eigenes Land zurück, wo die Liechtensteiner seither residieren. Das Ende des Ersten Weltkriegs hatte sie zwar nicht, wie die Habsburger, ihre Herrschaft gekostet, aber das 20. Jahrhundert erwies sich als wirtschaftlich schwierige Epoche. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten sich die Liechtensteiner, deren Besitzungen in der heutigen Tschechei kaltblütig und ohne Entschädigung enteignet worden waren, sogar von einem Teil ihrer Kunstwerke trennen. Dass mittlerweile das Land neben der Schweiz als Finanzzentrum mehr als potent ist, strahlt auch auf das Fürstenhaus zurück. Man kann nicht nur wieder sammeln, sondern auch vieles, was man einst verkaufen musste, zurück erwerben.

Die Fürsten als Sammler     Es gibt Habsburgische Kaiser wie Rudolf II., die mehr durch ihre Leidenschaft für Kunst als durch ihre politische Begabung gekennzeichnet sind. Die Liechtensteiner sammelten seit 400 Jahren mit ihnen um die Wette. Es war die zeitgenössische Kunst, aber auch jene früherer Epochen (Mittelalter), die man erwarb, und nicht nur die beiden Wiener Palais der Fürsten (in der Rossau und im Stadtzentrum) füllten sich mit Kunstwerken. Wenn es heute heißt, die englische Königin besäße die größte Canaletto-Sammlung der Welt – auch die Liechtensteiner konnten sich den Venezianer leisten. Und in unseren Tagen war es der heutige Fürst von Liechtenstein, Hans Adam II., der den Frans Hals, der vom Kunsthistorischen Museum restituiert wurde und in den Kunsthandel kam, kaufte. Als der Verfasser dieses Artikels einmal (es ist einige Jahre her, als das Liechtenstein Museum als solches noch existierte) den Fürsten fragte, warum er keine moderne Kunst sammle, sagte Hans Adam II. ganz offen: „Weil sie mir nicht gefällt. Warum sollte ich es also tun?“ Aber im Erwerben alter Meister ist er unermüdlich. Die Büste von Kaiser Marc Aurel, gestaltet im 16. Jahrhundert von dem bedeutenden Mantuaner Bildhauer, der sich „Antico“ nannte, ist eine der jüngsten Erwerbungen des Hauses und begrüßt die Besucher der Wiener Ausstellung im ersten Raum.

Von den Palais’ ins Museum   Der Fürst von Liechtenstein hat in seinem prachtvollen barocken „Gartenpalais“ (zwischen Liechtensteinstraße und Porzellangasse) ab 2004 ein Museum eingerichtet, das einen Teil seiner Schätze sowie Sonderausstellungen zeigte. 2012 wurde der Museumsbetrieb eingestellt, seither fungiert der Palast als Event-Location. Es kann nur noch zweimal im Monat mit Führungen besichtigt werden, ebenso wie das Stadtpalais der Fürsten (hinter dem Burgtheater). Es war nun die Idee von Klaus Albrecht Schröder, wichtige Liechtenstein-Schätze in ein Habsburger-Palais, damit aber gleichzeitig „ins Museum“ zu holen. Er konnte selbst auswählen – und holte Höhepunkte aus einem halben Jahrtausend Kunstgeschichte zusammen. Die nun, wie in Museen üblich, auf „Augenhöhe“ zu besichtigen sind – eine Nähe, die im Liechtenstein-Palais etwa für die berühmte „Venus vor dem Spiegel“ von Rubens nie gegeben war, weil sie in luftigen Höhen gehängt war.

Durch fünf Jahrhunderte Kunst     Die Kuratoren, Liechtenstein-Beauftragter Johann Kräftner und Laura Ritter für die Albertina, lassen den Rundgang (nach der „Begrüßung“ durch Marc Aurel) mit exquisiten Werken des Mittelalters beginnen, Gemälde der Renaissance folgen. Ein hoch begabtes Bild eines Bruegel-Sohnes („Die Volkszählung in Bethlehem“) erweist sich in seiner peniblen Detailfreude als des Vaters würdig. Die grimmigen „Steuereintreiber“ des Quentin Massys sind weltberühmt und durch die Prägnanz ihrer Darstellung tausendfach abgebildet und zitiert worden. Und auch eines der berühmten Kompositbilder von Archimboldo („Die Erde“) konnte man offenbar den Habsburgern wegschnappen…

Besondere Schwerpunkte     Eine eigens gestaltete „Rundecke“ verbindet die Bronzeskulptur des Heiligen Sebastian des Adrian de Vries mit dem Sebastian-Gemälde des Cornelis Cornelisz. van Haarlem, und vermutlich könnte man, wenn man alle Liechtenstein-Schätze zusammen stellte (kein Museum der Welt wäre groß genug) viele dieser thematischen Querbeziehungen herstellen. Die Rubens’schen Monumentalgemälde der Liechtenstein hat man nicht in die Albertina geschafft, wohl aber andere Riesenstücke, darunter einen „Raub der Sabinerinnen“ von Sebastiano Ricci und eine großartige „Liegende Löwin“ von Frans Snyders. Man kann die Menge von Landschaften, Stilleben, Porträts gar nicht überblicken, Ausstellungen wie diese muss man öfter sehen.

Schwerpunkt Rubens   Fast „nur“ kleine Rubens, aber darunter ultimative Kostbarkeiten, die Venus, das Kinderbildnis seiner Tochter Clara Serena, eine wenig bekannte Kopfstudie eines Mannes, die beweist, dass man auch Überraschendem begegnen kann. Dazu einige historische Szenen: Alle der Fürsten haben Rubens gekauft und gesammelt – die würdigen Herren, die auch in der Ausstellung vertreten sind und in ihren Porträts von den Wänden blicken, ruhig und selbstbewusst.

Die Fürsten des Biedermeier   Auch als souveräne Reichsfürsten fanden sich die Liechtensteiner immer den Habsburgern verbunden, Johann I. kämpfte an der Seite von Erzherzog Karl in der Schlacht von Aspern gegen Napoleon. Fürst Alois II. und Fürst Johann II. lebten im 19. Jahrhundert in Wien und gaben Werke in Auftrag, kauften und besitzen bis heute „Signaturbilder“ dieser Epoche, die immer wieder abgebildet werden, Amerlings Mädchenbildnisse (jene mit geneigtem Kopf, jene mit Strohhut, die in Träumen Versunkene), Peter Fendis zauberhaftes neugieriges Stubenmädchen, das durch das Schlüsselloch blickt, aber auch dessen Genrebilder ebenso wie jene von Danhauser, dazu Gauermanns ländliche Bildnisse, Thomas Enders beeindruckenden Großglockner (mit der Pasterze). Und schließlich der Schwerpunkt bei Waldmüller, Stilleben, Landschaften, Reisebilder (aus Italien, berauschend schön) – und auch der kleine Erzherzog Franz Joseph von 1832 (der später Kaiser werden sollte), gelangte in Liechtenstein’schen Besitz. Ist man im letzten Raum angekommen, treffen zwei phantastische Makarts mit Marc Aurel zusammen und man hat den beeindruckenden Rundgang beendet. Und sollte sich einen eigenen Termin vormerken, um die Ergänzungsausstellung „Rudolf von Alt und seine Zeit“ zu besichtigen.

Albertina: Von Rubens bis Makart
Die Fürstlichen Sammlungen Liechtenstein
Bis 10. Juni 2019, täglich von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch und Freitag bis 21 Uhr

 

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