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WIEN / Albertina: ROY LICHTENSTEIN

Von Low-Art zu High-Art

08.03.2024 | Ausstellungen, KRITIKEN

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WIEN / Albertina / Basteihalle:
ROY LICHTENSTEIN.
Zum 100. Geburtstag
Von 8. März 2024 bis zum 14. Juli 2024 

Von Low-Art zu High-Art

Auf den ersten Blick macht es Roy Lichtenstein (1923–1997) seinen Betrachtern leicht. Große Bilder, farbig, scheinbar unproblematisch, teils humorvoll, am Ende sogar gefällig. Aber eben nur auf den ersten Blick. Zum 100. Geburtstag des Künstlers (eine Kleinigkeit zu spät, aber das macht wohl nichts) lädt die Albertina nun ein, einen genaueren Blick auf den Überpopulären  zu werfen. Entwicklungen ebenso zu sehen wie Kritisches, stilistische Feinheiten zu beachten und diesen Künstler, der weltweit zu Amerikas berühmtesten zählt, nicht zu schnell zu billig nach Schlagworten einzuordnen.

Von Renate Wagner

Roy Lichtenstein   Geboren am 27. Oktober 1923 in Manhattan, New York City als Nachkomme deutsch-jüdischer Einwanderer, kam Lichtenstein auf Umwegen zur Kunst, war von Beruf zuerst Lehrer und Designer, bevor er sich dem Malen  zuwendete. Konventionelle Anfänge brachten keinen Erfolg, aber als er in der Pop Art gewissermaßen sein künstlerisches Weltbild fand, wurde er 1962 (knapp 40jährig, also nicht mehr sehr jung) berühmt. Anfangs so umstritten, dass „Life“ 1964 einen Artikel mit der Frage „„Is He the Worst Artist in the U.S.?“ veröffentlichte, erkannte man bald das gleicherweise verführerische wie kritische Potential seiner Arbeit. Indem er auf künstlerische „Individualität“ scheinbar verzichtete und die Welt der Comics, Werbung, Illustrierten zur „Kunst“ machte, repräsentierte er das Amerika, in dem er lebte, wie kein anderer mit Ausnahme von Warhol. Laut Selbstzitat basierte seine Arbeit „auf jener kommerziellen Illustration, von der wir verdorben wurden“. Hatten Künstler wie Jackson Pollock die Abstraktion für die einzig mögliche künstlerische Ausdrucksmöglichkeit gehalten, so kehrte Lichtenstein zu einer Realität der besonderen, der zitierten Art zurück – in einem, wie er selbst sagte, „völlig gefühllosen Stil“. Was die Magie vieler seiner Bilder nicht beeinträchtigte.  Der Erfolg blieb ihm in hohem Maße bis zu seinem Tod am 29. September 1997 in New York treu.

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Die Ausstellung   Die Albertina hatte mit dieser Jubiläumsausstellung in vieler Hinsicht Glück. Das Haus selbst hat durch eine Schenkung der Roy Lichtenstein Foundation im Vorjahr 95 Objekte erhalten, u.a. Pinselstrich-Skulpturen, Vorzeichnungen, Collagen und Keramiken. Der Wert wird mit  38 Millionen Euro angegeben. Um die Wiener Ausstellung so breit aufzustellen wie möglich, hat man zudem Leihgaben von 30 Museen aus den USA und Europa erhalten, so dass der Versicherungswert der gezeigten Objekte  200 Millionen Euro beträgt. Bedenkt man, dass Lichtenstein in seinen Anfängen, als er Comics in ein Arbeitsheft einklebte, die er dann zum „künstlerischen“ Thema machte, „Low Art“ der gewissermaßen primitivsten Form geboten hat, so wurde sein Werk heute in die „High Art“ der höchsten Preise und auch höchsten Anerkennung katapultiert. Solcherart allerdings hat die Kommerzialisierung der kapitalistischen Welt, die er aufs Korn nahm, ihn letztendlich doch selbst vereinnahmt – zu Spitzenpreisen.

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Die schönen weinenden Frauen   Berühmt wird man durch Spektakuläres. Lichtenstein begann sein Pop Art-Werk mit Paraphrasen von Micky Maus und Donald Duck und fand dann in den kitschigen Frauenbildern der Illustrierten, die er mit Comic-Sprechblasen verschnitt und mit den „Punkten“ schlechten Zeitungsdrucks versah, seine ersten „Eye Catcher“ – schöne Frauen in Blond oder schwarzhaarig, die um einen Mann weinen (große Tränen kollern), mögen das Klischee schlechthin ausstellen, mögen jeder Individualität ermangeln und ziehen dennoch unwiderstehlich den Blick auf sich. Wahrscheinlich hätte Lichtenstein sein Leben lang nur das produzieren können, und er wäre auch berühmt geworden.

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Vielfalt im Ähnlichen    Aber die Ausstellung, die zu genauer Betrachtung einlädt, zeigt vieles –  Lichtensteins ironischem Umgang mit der Weltkunst (auch mit dem von ihm so bewunderten Picasso), seinen Spaß an der Collage, wenn er gänzlich Unvereinbares auf Riesenbilder brachte, Alltagsgegenstände, die bis dahin niemandem die Idee für ein Bild geliefert hätten (wie eine Sprühdose), seinen bei aller scheinbaren Einfachheit raffinierten Umgang mit Spiegelungen, seine immer wieder spürbare Neigung zur Abstraktion, die er mit strenger Formensprache auffängt- Immer wieder wird klar, dass die vorgegebenen Formen, derer er sich bediente, zu seinen ureigensten wurden. Bei vielen Werken, auch wenn sie manchmal wie ein Thema mit Variationen erscheinen, ist die immanente Kritik spürbar, die er an seiner Zeit und Welt übte. Und immer wieder kann man einen komischen Ansatz spüren – gesetzt den Fall, es gäbe bei Lichtenstein Gefühle, was er streng leugnete.

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Die Skulpturen    Ähnlich wie früher bei Picasso (das hat sich bekanntlich sehr geändert) hat man auch bei Lichtenstein durch die Übermacht der Bilder bisher kaum besonderes Augenmerk auf die Skulpturen gelegt. Dem wirkt die Wiener Ausstellung mit zahlreichen Werken entgegen, die nicht nur Ironie per se ausstrahlen, sondern gelegentlich auch das malerische Werk paraphrasieren oder verdoppeln (etwa in den Spiegeleffekten). Auch einen besonderen Akzent setzt jener Seitenraum, der sich Lichtenstein „Black & White“ widmet und seine Graphik zeigt, wobei er sich auch hier nicht zu „individuellem“ Künstlertum verführen ließ, das seinem Kunst-Konzept gänzlich widersprochen hätte.

Albertina / Basteihalle:
ROY LICHTENSTEIN.
Zum 100. Geburtstag
Von 8. März 2024  bis zum 14. Juli 2024 
Geöffnet täglich von 10.00 bis 18.00 Uhr
Mittwoch und Freitag von 10.00 bis  21.00 Uhr

 

 

 

 

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