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WIEN / Albertina: NIKO PIROSMANI

26.10.2018 | Ausstellungen, KRITIKEN

WIEN / Albertina / Pfeilerhalle:
NIKO PIROSMANI
WANDERER ZWISCHEN DEN WELTEN
Vom 26. Oktober 2018 bis zum 27. Jänner 2019

Aus dem alten Georgien

Wer den Namen von Niko Pirosmani (1862-1918) nicht kannte, muss sich nicht genieren. Es gab zwar schon mehrere Anläufe, diesen georgischen Autodidakten über seine Heimat hinaus, wo er vergöttert wird, bekannt zu machen. Gelungen ist es bisher nicht, wobei die Bezeichnung „georgischer Klimt“ (weil die Lebensdaten der beiden übereinstimmen) in keiner Weise gerechtfertigt ist – das sind verschiedene Welten. Nun versucht es die Albertina mit Hilfe von 30 großformatigen, dem Betrachter entgegenknallenden Gemälden erneut, die von der Georgischen Nationalgalerie nur zu gerne geliehen wurden: mit höchstem Lob von David Lordkipanidze, dem Generaldirektor des Georgischen Nationalmuseums, in einem so außerordentlichen Museum wie der Albertina zu Gast sein zu dürfen.

Von Renate Wagner

Niko Pirosmani    Es ist eine „märchenhafte“ Lebensgeschichte, wenn auch mit Trauerrand; Dass einer sich als Künstler durchsetzte, weil er es innerlich musste, aber weder den Hintergrund noch die realen Möglichkeiten dafür fand. Geboren wurde Niko Pirosmani 1862 in eine Bauernfamilie, kam als Kind nach Tiflis, brachte sich selbst lesen, schreiben und als Autodidakt malen bei. Abenteuerlich sein „Berufsleben“, bei der Eisenbahn, mit dem Versuch, einen Milchladen zu eröffnen, als Schildermaler. Als vazierender Maler, der sich in Wirtsstuben seine Kunden suchte und mit seinen Bildern bezahlte (wie einst auch Van Gogh…), der in Ställen übernachtete und mit einem Leben zufrieden war, das sich um einen Tisch abspielte, wo man Tee trinken und mit Menschen reden konnte, wurde er eine romantische Figur. Er malte, was man bestellte, Menschen, Alltagsszenen, vor allem Tiere, die offenbar gefragt waren. Da er kaum Geld hatte, benützte er meist schwarze Öltücher als „Leinwand“. Er starb 46jährig am 9. April 1918, arm, alkoholsüchtig, und wurde unbekannten Orts im St.-Nino-Friedhof in Tiflis begraben.

Der „Rousseau des Ostens“     Wenn die Malerei zu hoch gezüchtet und zu kompliziert wird, ruft die logisch folgende Gegenbewegung nach Einfachheit. Diese Naivität fanden die russischen Avantgardisten 1912 bei Pirosmani, dessen Bildern eine hintergründige Magie nicht abzusprechen ist. Sowohl formale wie inhaltliche Ähnlichkeiten zu Henri Rousseau sind evident, so erhielt er bald den Beinamen eines „Rousseau des Ostens“. Populär wurde er erst nach seinem Tod – und auch da vor allem in seiner Heimat, als scheinbarer Exponent eines schlichten Volkslebens.

Erinnerung und Herausforderung     Die Ausstellung in der Pfeilerhalle der Albertina, die sich über drei Räume erstreckt, bietet im mittleren Saal einen sieben Meter langen Tisch aus Plexiglas mit blauen Rosen darin. Er stammt von dem japanischen Architekten Tadao Ando und soll, wie Klaus Albrecht Schröder meinte, den Grabstein symbolisieren, den Pirosmani nie bekommen hat. Außerdem ist er ein Werk der modernen Kunst, und die Albertina hat Künstlern von heute (unter ihnen Georg Baselitz) Assoziationen zu Pirosmani quasi als Herausforderung und Aufgabe gestellt. Die Werke werden nach und nach eintrudeln und im Unterstock des Hauses gezeigt.

Eine Welt der Tiere      Besonders „naiv“, als ob er Kinderbücher illustrierte, wirkt Pirosmani mit seinem entschlossenen Strich und den starken Farben, wenn er Tiere malt – Hase und Fuchs, Reh und Bär wirken wie Einwohner aus dem Märchenland. Das Reh ist übrigens so populär, dass es auf der georgischen Ein-Lari-Banknote abgebildet ist (das einzige bekannte Foto von Pirosmani ziert die Rückseite). Im übrigen ließ er die Phantasie spielen: Das Kamel, das ein tatarischer Kamelführer beladen mit sich führt, ist zwar überdimensional groß in Vergleich zu dem Mann, aber es wirkt einigermaßen echt. Eine Giraffe hingegen hat er nie gesehen – aber offenbar hat er auf Bestellung ein Zeitungsbild abgemalt, wobei ihm die Dimensionen absolut nicht gelungen sind. Mit dem Ergebnis, dass die Kunstbetrachtung hier vielleicht Surrealismus vermutet?

Das tägliche Leben   Im übrigen malte Pirosmani Genreszenen aus dem Alltag, einen Verkaufsladen, eine Szene am Land, eine Eisenbahn (da kannte er sich aus), sogar eine Szene aus dem Russisch-Japanischen Krieg, wobei er in seiner Phantasie (oder nach einem Foto) Kriegsschiff und Artillerie zu Lande gegeneinander stellt. Gänzlich surreal wirkt ein Gemälde, wo eine riesige, umgestürzte Amphore einsam mitten im Wald liegt, wenn man nicht weiß, dass die Georgier in solchen Gefäßen ihren Wein aufbewahrt haben… Unter den Porträts fällt dasjenige in der Art einer Kinderzeichnung schlichte Bild der „Schauspielerin Margerita“ auf. Es gab sie wirklich, es war die Sängerin Margot de Sèvres, und Pirosmani liebte sie heiß und ohne Zweifel hoffnungslos.

Der Katalog     Der Katalog ist besonders gelungen, weil er im Breitformat gehalten ist. Das ermöglicht, die oft auch breitformatigen Bilder so groß wie möglich darzustellen, ohne sie durch Seitenbruch falzen zu müssen. Außer der Reproduktion sämtlicher in der Ausstellung gezeigter Werke gibt es die Abbildung zahlreicher anderer, die das Museum in Tiflis besitzt, sowie vereinzelt „Referenzbilder“ anderer Maler. Es fällt auch auf, dass die Wiener Auswahl einen evidenten Schwerpunkt auf die Tierbilder legt, obwohl Pirosmani offenbar noch zahlreiche Porträts und Genreszenen geschaffen hat.

WIEN / Albertina / Pfeilerhalle:
NIKO PIROSMANI
WANDERER ZWISCHEN DEN WELTEN
Bis zum 27. Jänner 2019, täglich 9 bis 18 Uhr, Mittwoch und Freitag bis 21 Uhr

 

 

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