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WIEN / Albertina: MY GENERATION – DIE SAMMLUNG JABLONKA

03.10.2020 | Ausstellungen, KRITIKEN

WIEN / Albertina (Basteihalle und Pfeilerhalle):
MY GENERATION –
DIE SAMMLUNG JABLONKA
Vom 2. Oktober 2020 bis zum 21. Februar 2020

Jedes Kunstwerk
ist eine Falle

Auch Museumsdirektoren können sich neu erfinden. Zwar hat Klaus Albrecht Schröder die Moderne nie aus den Augen verloren, aber lange Zeit bestach der Albertina-Direktor durch Ausstellungen von Altmeistern, großen Namen, historischen Daten (oft in Bezug auf die Habsburger, in deren Palais er „wohnt“). In den letzten Jahren ist seine Hinwendung zur Moderne immer stärker geworden, aber er lässt es mit der Eröffnung seiner „Albertina modern“-Außenstelle im Künstlerhaus keinesfalls bewenden. Die „Sammlung Jablonka“, die er nun zu sich holen konnte, bietet mit der Ausstellung „My Generation“ einen faszinierenden Einblick in die Kunstwelt der achtziger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts.

Von Renate Wagner

Rafael Jablonka       Rafael Jablonka, geboren 1952 in Koło, Polen, übersiedelte nach Deutschland und widmete sein Leben der zeitgenössischen Kunst. Er ist jemand, der Kunst mitgelebt, mit den Künstlern kommuniziert, Werke angestoßen und in seiner Zeit gesammelt hat, wofür er einen außerordentlichen Ruf erlangte. Er kuratierte Ausstellungen, er gründete Galerien, er handelte mit Kunst. Das, was er in seine eigene Sammlung eingehen ließ, sind keine „Leftovers“, wie er bei der Pressekonferenz zu seiner Ausstellung in der Albertina versicherte, also das, was er als Händler nicht anbringen konnte. Es ist vielmehr seine persönliche Visitenkarte von Werken, die er bewusst für sich erworben hat. 2017 hat er seine Galerie in Köln geschlossen. Er besitzt, wie er sagt, ausreichend Raum für seine Werke, sie sind versichert, er müsste sie also nicht an Museen geben. Aber man kennt Klaus Albrecht Schröders Geschicklichkeit im Umgang mit Persönlichkeiten der Kunstwelt… und er selbst erklärt seine Zugehörigkeit zum 21. Jahrhundert, „wo Museen nicht mehr nur Orte sind, wo konnotierte Kunst ausgestellt wird, sondern wo man der Schnelligkeit der Zeit mit Flexibilität und Offenheit für alles Neue begegnen muss.

Sieben Jahre Probezeit…   Angeblich gehen besonders viele Ehen nach sieben Jahren zu Brüchen. Hat Rafael Jablonka deshalb erst einmal einen siebenjährigen Vertrag mit der Albertina geschlossen, ihr einen Teil seiner Sammlung zu überlassen? „Es ist ein Geben und Nehmen“, meint er. Wenn er Kunst weitergibt, dann, damit sie gesehen wird. Die Albertina gibt ihm nun „seine“ Ausstellung, er gestaltete sie selbst in Auswahl und Präsentation, ließ allzu Populäres (wie Warhol) aus, konzentrierte sich auf „seine“ Generation, also mit dem Schwerpunkt auf jene Künstler, die in den vierziger und fünfziger Jahren geboren wurden (und nun so wie er an ihre siebziger Jahre schrammen). Wahrscheinlich werden viele der Namen, die er hier zeigt und von denen die meisten einen eigenen Raum bekommen (kein wildes Durcheinander nach Themen, sondern die Möglichkeit, sich auf einen Künstler jeweils zu konzentrieren), einmal „Klassiker“ sein. „Für die Nachwelt so bedeutend wie Picasso“, hofft Jablonka. Oder auch nicht? Man weiß, dass die Kunstwelt immer in Bewegung ist.

My Generation     Rund 110 Werke hat Rafael Jablonka für diese Ausstellung ausgesucht, sie sind in der Basteihalle (dem Untergeschoß des Hauses) und in der Pfeilerhalle (im Parterre) ausgestellt und umfassen nicht nur „klassische“ Formen wie Gemälde, Skulpturen und Arbeiten auf Papier, sondern auch Installationen und Videos. Und Zwischenformen – wo kann man Mike Kelleys „Frankenstein“ einordnen, ein buntes „Objekt“ aus gefundenen, ausgestopften Stofftieren? Aber eines wird klar, und das ist sicher keine schlechte Erkenntnis: Vieles an dieser Kunst ist auch „Entertainment“, schickt den Zuschauer nicht nur ins Rätselraten, sondern erzeugt auch amüsiertes Lächeln.

Blickfänge   Es nennt sich „Fountain (Buddha)“, wurde von Sherrie Levine 1996 geschaffen und ist gewiß einer der spektakulärsten Blickfänge der Ausstellung. Nicht nur, weil Bronze, hochglanzpoliert, hier so golden glänzt, sondern weil dieser Brunnen auch an ein Urinal erinnert und damit gedanklich eine ganz andere Richtung einschlägt. Ein anderer Effekt besonderer Art gleich zu Beginn der Ausstellung: Ein bepacktes Fahrrad von Andreas Salominski: Man könnte meinen, ein Obdachloser habe es hier abgestellt, seine ganzen Besitztümer darauf gepackt. An Werken wie diesen, die einfach aus dem Alltag genommen und ins Museum gestellt werden, wird der veränderte „Kunst“-Begriff in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts klar.

Angebot an Persönlichkeiten     Das Angebot an Persönlichkeiten ist überreich, und jeder präsentiert seine eigene Welt. Die Keramiken von Miquel Barceló, gleich wenn man die Rolltreppe hinunter kommt. Die abstrakten Gemälde von Ross Bleckner. Das spielerisch-rätselhafte Menschenbild von Francesco Clemente. Das „Dead Leg“ von Richard Deacon, die überdimensionale Skulptur aus Eiche und Edelstahl, deren Drehungen und Wendungen beim Betrachten etwas Meditatives auslösen. Eric Fischl, der mit seinen Gemälden einen quasi „entblößten“ Alltag hoffnungsloser Menschen zeigt. Damien Hirst und Roni Horn mit ihren seltsam kombinierten Objekten. Mike Kelley, dessen gewaltige „Kondor“-Installation, eine bunte, verrückte Sci-Fi-Welt, einst nur in Zusammenarbeit mit Jablonka möglich wurde und die man für Wien aufwendig in der Pfeilerhalle aufgebaut hat. Sherrie Levine, die neben ihrem „Fountain“ so viel Abstraktes, zum Nachdenken Aufforderndes geschaffen hat. Cady Noland, die Alltagsgegenstände zu einander in Bezug setzt. Thomas Schütte, der sich mit Architektur befasst und dessen „Ferienhaus für Terrorismus“ in Tirol man per Video beim Entstehen zusehen kann. Andreas Slominski, der seinen Werken keinen Titel gibt, aber mit dem Fahrrad unvergesslich bleibt, aber auch mit Kinderwagen, Mausefalle, papierener Windmühle spielt. Philip Taaffe, dessen Riesengemälde („Megapolis“ ist 4,2 x 9,5 Meter groß) „außer mir ohnedies niemand gekauft hätte“, wie Jablonka sagt, der seiner polnischen Heimat ein Werk von Taffee schenken wollte, was dort dankend abgelehnt wurde. Terry Winters, der mit abstrakten Gemälden die Welt ordnen möchte…

Noch einmal Rafael Jabonka   Er wirkte bei der Pressekonferenz anfangs wortkarg, dann ging er aus sich heraus. Jablonka weiß besser als jeder andere, wie man auf Kunstwerke zugehen muss. Denn diese existieren nicht für sich, sondern nur durch den, der es ansieht:. „Ein Werk lebt nur, wenn wir bereit sind, es zu erleben.“ Und: „Jedes Kunstwerk ist eine Falle, die den Betrachter hinein lockt.“ Dann kann man auch die Aussage eines Fahrrades voll von Plastiksäcken erkennen, akzeptieren, bejahen.

Albertina
My Generation. Die Sammlung Jablonka.
Bis 21.Februar 2021
Täglich 10 bis 18 Uhr, Mi und Fr bis 21 Uhr

Hinweis: Bitte beachten Sie aufgrund der derzeitigen Lage, dass sich die Öffnungszeiten der einzelnen Institutionen geändert haben können. Informieren Sie sich vor Ihrem Besuch bei den Museen.

 

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