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WIEN / Albertina: MARIA LASSNIG

07.09.2019 | Ausstellungen, KRITIKEN

WIEN / Albertina / Basteihalle:
MARIA LASSNIG – Ways of being
Vom 6. September 2019 bis zum 1. Dezember 2019

Kunst als Verstörung

Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder nannte sie „eine der größten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts“ und trat auch selbst gleich den Beweis an: Zum 100. Geburtstag von Maria Lassnig zeigt die Albertina, die schon vor zwei Jahren ihre Graphiken ausgestellt hat, nun als umfassende Retrospektive das malerische Werk der Künstlerin. Im Untergeschoß des Hauses, der Basteihalle, finden sich knapp 80 großformatige Lassnig-Werke, großzügig gehängt und beispielhaft beschriftet. Chronologisch kann man ein Künstlerleben durchwandern.

Von Renate Wagner


Fotos: Wagner

Maria Lassnig    Geboren am 8. September 1919 in Kärnten, gab Maria Lassnig den Beruf einer Volksschullehrerin in ihrer Heimat auf, um in Wien Malerei zu studieren. Hier lebte sie bis zu ihrem annähernd 40. Lebensjahr, bis sie 1960 nach Paris ging und danach ab 1968 in New York lebte und arbeitete. Dann holte Ministerin Hertha Firnberg die knapp 60jährige 1980 in die Heimat zurück, wo sie an der Hochschule für angewandte Kunst eine Meisterklasse leitete. Maria Lassnig, die fast bis zu ihrem Lebensende arbeitet, starb am 6. Mai 2014 im Alter von 94 Jahren in Wien. Heute verwaltet eine Stiftung ihr Werk, und die Albertina, die sich im Besitz zahlreicher ihrer Graphiken und Gemälde befindet, bekundet die besondere Bindung an die Künstlerin mit der nunmehrigen Überblicks-Retrospektive zum hundertsten Geburtstag, die in Zusammenarbeit mit der Lassnig-Stiftung und dem Stedelijk Museum in Amsterdam gestaltet wurde.

 

Zurückgeworfen auf das Selbst     Gleich im ersten Raum findet sich das älteste Selbstporträt der Künstlerin, die junge Maria Lassnig „expressiv“, wie die 26jährige das Bild von 1945 nannte. Sie selbst, ihr Gesicht und mehr noch ihr Körper, waren das zentrale Thema, das sie ihr ganzes Schaffen hindurch begleitet hat – mit einer geradezu existenziellen Suche nach den Geheimnissen des Seins in der eigenen Körperlichkeit. „Die Malerei ist mein Lebensinhalt. Durch die Malerei hat sich mein Verstand entwickelt, mein Empfindungs- und Urteilsvermögen. Vorher war ich nichts, ohne sie bin ich nichts“, schrieb Maria Lassnig über die integrale Verbindung von Sein und Schaffen. Die Selbstporträts begleiten den Betrachter durch die chronologisch gehängte Ausstellung und beweisen gleicherweise die großartige Schonungslosigkeit und das Verstörungspotential des Lassnig’schen Werks, die sich selbst in ihren Bildern immer wieder quasi bedroht, beschädigt, verformt und bis zu Ungeheuer-Gesichtern deformiert hat.

Farben, Themen, Weltsicht     Maria Lassnig sei erst spät berühmt geworden, meinte Klaus Albrecht Schröder, weil sie sich weder in ihrer Pariser noch in ihrer New Yorker Zeit den damals herrschenden „Strömungen“ angeschlossen hat, was ihr die Rezeption und das Leben im Kunstmarkt erleichtert hätte. Sie blieb unbeirrbar sie selbst, die Variationen ergeben sich in Farbgebung, verschiedenen Stadien der Abstraktion, in Themenschwerpunkten (so spielen, wie man sieht, Tiere eine überproportionale Rolle in ihrem Werk). Nie mit dem Zeigefinger „aktuell“, hat sie dennoch auch Panzer gemalt, weil Krieg für eine Frau, die so unendlich gewaltbewußt war, ein Thema sein musste. Erst in ihren späteren Jahren, als die „Moden“ in der Kunst nicht mehr allbeherrschend waren, wuchs ihr Ruhm – dann aber geradezu überdimensional in Ausstellungen, Ehrungen und höchster Bewunderung der Mitwelt.

Widerständig, eigenwillig, kompromisslos    Der Überblick über ein Künstlerleben, den die Albertina da bewundernswert liefert, zeigt Maria Lassnig im steten Wandel und dennoch unwandelbar in ihrer Widerständigkeit, Eigenwilligkeit und Kompromisslosigkeit. Man erkennt so gut wie immer ihre „Handschrift“ und sieht sich doch einer außerordentlichen Fülle des Gestalterischen wie Geistigen gegenüber. Am Ende wurde ihr Umgang mit dem Verfall des eigenen Körpers immer gnadenloser, und so, wie sie immer wieder auf Metaphern zurück griff, hat sie 2011 als eines ihrer letzten Werke „Vom Tode gezeichnet“ gestaltet – indem ihr ein Bleistift in den Hals gestochen wird. Wie gesagt, Lassnig und Verstörung ist ein Synonym.

Albertina:
Maria Lassnig – Ways of Being
Bis 1. Dezember 2019, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch und Freitag bis 21 Uhr

 

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