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WIEN / Albertina: KEITH HARING

17.03.2018 | Ausstellungen, KRITIKEN

WIEN / Albertina / Basteihalle:
KEITH HARING – THE ALPHABET
Vom 16. März 2018 bis zum 24. Juni 2018

Den Sinn möge der Betrachter finden

In der Albertina tritt der Besucher in eine Welt der Zeichen ein. Lange vor den Emojis, die seit dem Internet und vor allem seit dem Explodieren der Sozialen Medien heute teilweise die Kommunikation bestimmen, hat Keith Haring (1958-1990) eine „Bildersprache“ geschaffen, die Wissenschaftler heute bis zu den ägyptischen Hieroglyphen zurückleiten. Eine Großausstellung im Untergeschoß der Albertina beweist, dass es sich hier bei „typisch Haring“ nicht nur um „lustige bunte Männchen“ der Pop Art handelt. Sondern dass die „Strichmännchen“ komplexe Botschaften aller Art vermitteln können.

Von Heiner Wesemann

Keith Haring    Ein Künstler, der keine 32 Jahre alt wurde (damals starb man noch an AIDS), aber ein fast unüberschaubar riesiges Werk hinterlassen hat – Keith Haring, den Kunsthistoriker den neben Picasso größten Zeichner des 20. Jahrhunderts nennen. Geboren 1958 in Pennsylvania, prägte die Welt der Comics ihn früh. In New York erregte er schon als Zwanzigjähriger mit seinen „Subway Drawings“ Aufsehen, indem er Zeichnungen im „öffentlichen Raum“ der U-Bahn anbrachte, ohne allerdings ein „Graffiti-Künstler“ zu sein. Der junge Mann, der in einem Amerika des Vietnam-Krieges und der Rassenunruhen aufwuchs, hat in seinen Werken auf alle Ereignisse der Zeit reagiert. Als Zeichner auf Papier, auch auf Holz, Leinwand, Plastik, Metall. Obwohl er auf der Straße begann und die allerbreiteste Öffentlichkeit suchte, so sehr wünschte er auch die Anerkennung der Galerien- und Museen-Welt, wie Julia Gruen, seine langjährige Mitarbeiterin und heute Direktorin der Keith-Haring-Foundation, bei der Pressekonferenz sagte: „In der Albertina ausgestellt zu werden, hätte für ihn einen Höhepunkt bedeutet.“ Nun, zu jenem 60. Geburtstag, den Haring nicht erlebte (+ 1990), ist es so weit. 90 Werke umspannen den ideologischen Kosmos des Künstlers.

Mythos Amerika     Man fährt mit der Rolltreppe ins Untergeschoß und wird auf der Stelle mit Harings Auseinandersetzung mit dem „Mythos Amerika“ konfrontiert. Da steht die über und über „bemalte“ Freiheitsstatue, da hängt die über und über „bezeichnete“ Landkarte der USA an der Wand – beide Beispiele dafür, was die Ausstellungstexte als „Horror vacui“ definieren: Jeglicher Freiraum wird bei Haring möglichst „beschriftet“, alles ist Information, die er jedoch nicht erklärt, Darum steht unter den meisten seiner Werke „Ohne Titel“. Es war seine dezidierte Absicht, dem Betrachter die Interpretation zu überlassen. Im Eingangsbereich hängt rechts davon noch Kollege Andy Warhol als „Andy Mouse“, denn Mickey Mouse als amerikanisches Symbol kehrt bei Haring immer wieder. Am Ende ist bei ihm alles Politik, alles Aussage.

Die Popularität     Heute scheint es selbstverständlich, dass man eine Handtasche mit Klimts „Kuss“ darauf trägt oder ein Halstuch mit den Wasserlilien Monets. Als Keith Haring begann, seine Werke per „Shop“ auf T-Shirts zu verkaufen und damit seine Popularität in alle Schichten (auch jene, die nicht mit Kunst in Berührung kamen) zu verbreitern, rümpfte die Kunstwelt über diesen Einbruch in die „Massenkultur“ noch die Nase. Auf einmal waren die Strichmännchen, aber auch seine anderen Markenzeichen wie die Hunde oder Delphine, waren seine charakteristischen „Kritzeleien“ überall. Es hat ihnen den Weg in die Museen, in die „hohe Kunst“, dennoch nicht verstellt…

Die „Strichmännchen“    Unverkennbar wird Keith Haring durch seine „Strichmännchen“, für die die Interpreten und Kunsthistoriker interessanterweise noch keinen Fachausdruck gefunden haben. Sie sind Menschenumrisse, Körper, Kopf, Arme, Beine – ohne Gesicht, ohne Geschlecht, ohne Finger und Zehen, gewissermaßen das „Mensch an sich“ als Form. Damit kann man alles anfangen, und Haring tut es auch – von Berührung, die Zusammengehörigkeit vermittelt, bis zu jenen Hunden, die er dem Strichmännchen durch den Bauch schickt, ein Motiv, zu dem ihn die Ermordung John Lennons inspiriert hat.

Alle Ängste dieser Welt     Keith Haring starb an Aids wie so viele seiner Freunde und Kollegen vor ihm, und im Lauf der Zeit, den nahenden Tod vor Augen, wurden seine Werke immer erschreckender – nicht nur das Strichmännchen, das verkehrt am Kreuz hängt, auch der „Mensch“, der immer wieder durch ein rotes Kreuz „gezeichnet“ wird, den künftigen Tod ankündigend. Hier gibt es dann auch Motive, die an die großen Höllenvisionen der Kunstgeschichte anknüpfen. Aber es war nicht nur Aids, das ihn beschäftigte, sondern auch die „Computerisierung“ der Welt… wie ahnungsvoll. Und all das wird in einer Bildsprache transportiert, die jedermann überall, über normale „Sprachen“ hinaus, verstehen kann.

Albertina: Keith Haring – The Alphabet.
Bis 24. Juni 2018, täglich von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch und Freitag bis 21 Uhr

 

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